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18.03.2022 |  Anita Grüneis

Premiere von „Blütenträume“ im TAK: Wie geht ein Steckbrief?

Endlich sind sie Wirklichkeit geworden, die „Blütenträume“ des Theater Karussell. Nach etlichen Erkrankungen im Ensemble und einer verschobenen Premiere war am Donnerstag im TAK die erste Aufführung des Stücks von Lutz Hübner. Inszeniert hat es der Schauspieler und Regisseur Marco Luca Castelli. Das Publikum hatte an diesem Abend viel zu lachen, zeigte sich aber auch nachdenklich. 

„Ich habe keinen triftigen Grund, am Morgen aufzustehen“, bringt Gisela ihre Situation auf den Punkt. Seit drei Jahren ist sie Witwe, sie hat Kinder und Enkel, die alle sehr beschäftigt sind und eher genervt reagieren, wenn sie anruft. „Mir geht es eigentlich gut“, bekennt sie und trotzdem hat sie sich für den Flirtkurs 55plus angemeldet. Dort will sie Techniken und Strategien zur Selbstvermarktung kennenlernen. Sie sei aber in Eile, fügt sie hinzu. Doch eigentlich haben es alle eilig, die sich für diesen Kurs angemeldet haben. Denn sie sind in der „nachberuflichen Lebensphase“, gelten als „Silver Generation“ oder „Golden Girls“, kurz: Ihr Leben wurde überschaubar, das Ende ist in Sichtweite. Ihr Alltag wurde einsam und langweilig. Dabei fühlen sie sich abenteuerlustig, haben Hoffnungen auf ein Miteinander – „Blütenträume" eben, obwohl sie wissen, dass die Früchte vielleicht nicht mehr erlebt werden können. 

Wie geht ein Steckbrief?

Und so treffen die sieben Menschen auf der Bühne aufeinander, jeder mit sich alleine und jeder voller Neugier, was da wohl passieren mag und zugleich voller Angst, dass etwas passieren könnte. Denn so ganz will man sich dann doch nicht offenbaren, die bitteren Lebenserfahrungen sollen in der Dunkelkammer bleiben. Damit wird der Kurs ein hartes Stück Arbeit für den Kursleiter Jan, souverän gespielt von Stefan Bösch. Er hat den Flirtkurs 55+ an der Volkshochschule initiiert, es ist sein erster Kurs und gleichzeitig sein Vehikel, um aus dem eigenen Dasein als Provinzschauspieler herauszukommen. Er glaubt, etwas über Neuanfänge zu verstehen, versteht jedoch nichts von Menschen, die von echten Lebenserfahrungen durchgeschüttelt wurden. Was Jan mit Julia, Frieda, Gila und Britta, Friedrich, Heinz und Ulf trainiert, ist viel zu mechanisch für ihre individuellen Bedürfnisse.  Und so kommt es zum Desaster. 

Die Lady und der Eitle

Eine, die dem Ganzen von Anfang an skeptisch gegenüber steht, ist Britta, bei Ute Hoffmann eine ziemlich mürrische Dame, die ihr Leben bisher gut alleine gemeistert hat und mit den Niederungen des Lebens möglichst wenig zu tun haben möchte. Alles scheint an ihr abzuprallen – nur einer versteht es, mit ihr auf Augenhöhe zu verhandeln: Friedrich, pensionierter Schuldirektor und voller Tatendrang. Thomas Hassler gibt ihm gleichviel Gelassenheit wie Eitelkeit, Besserwissertum und Jovialität. Die beiden sind sich ähnlicher als ihnen zunächst lieb ist. Denn der Herr Lehrer hat eine Schwäche für verführerische Frauen, zu denen die Bibliothekarin Britta ganz offensichtlich nicht zu gehören scheint. Aber was ist schon so, wie es scheint! 

Die Mami und der Sensible

Ähnlich sind sich auch Gisela, die Hausfrauen-Witwe und Heinz, der Automechaniker. Elke Kikelj Schwald gibt ihrer Gila jene herzliche Robustheit, die viele Frauen nach dem Tod ihrer Männer aus ihren Energie-Reserven holen. Ihre Freude, endlich mal bei einem Fest zu sein, bei dem keine Verwandten sind, war anscheinend für viele im Publikum nachvollziehbar. Sie ist die „Mami“ der sieben, und so bringt sie auch die große Thermoskanne voller Kaffee in den Kurs mit. Heinz, der Automechaniker, möchte immer wieder Pause machen, ihn strengt der Kurs an, Karl Johann Müller gibt diesem introvertierten und sensiblen Mann Wärme und Verletzlichkeit. Es ist eine Freude, ihm beim unbeholfenen Flirten zuzuschauen und man ahnt seine Schicksals-Hypotheken, die ihm das Leben erschweren. 

Die Witwe, der Nomade und die Maklerin

Ein anderes Paar bilden Frieda und Ulf, gespielt von Dodo Büchel und Hanno Dreher. Frieda teilte ihr ganzes Leben mit einem 20 Jahre älteren Mann. Als er dement wurde, pflegte sie ihn bis zum Tode. Dodo Büchel gibt ihrer Frieda Altersweisheit und eine leichte Müdigkeit. „Ich weiß nicht, wie man ohne Mann lebt“, bekennt sie. Für sie wurde immer alles entschieden und plötzlich muss sie selbst eine Meinung haben. Da ist sie bei Ulf goldrichtig, dem Tischler, der vom Aussteigertrip zurückgekehrt ist und nun nicht mehr gebraucht wird. Hanno Dreher gibt diesem Ulf die Verträumtheit eines Nomaden, für den die auf Tonga gefundenen Holzstücke sein größter Schatz sind. Und dann ist da noch die junge Immobilienmaklerin Julia, die eigentlich im falschen Kurs ist, aber von den Lebenserfahrungen der Alten lernen will. Susanne Ackermann würzt den gesamten Kurs mit ihrer Erotik und niemand versteht so recht, wieso sie überhaupt einen Flirtkurs braucht. Wer den Song „Let’s fall in love“ so sexy singen kann, betört nicht nur die anderen auf der Bühne, sondern auch alle im Zuschauerraum.
Regisseur Marco Luca Castelli inszenierte eine leichtfüßige „Feelgood"-Komödie mit melancholischer Grundierung. Das ist Boulevard, wie er Spass macht. Und es brauchte so wenig dazu: ein paar Stühle, ein Tisch und ein bestens motiviertes Schauspieler:innen-Ensemble, das selbst Freude an seinen Rollen hat.    

Theater Karussell: „Blütenträume" von Lutz Hübner
weitere Vorstellungen:

17./18./28.3., 20.09 Uhr und 19.3., 17 Uhr; TAK Theater, Schaan
20.3., 17 Uhr; Sonnbergsaal, Nüziders
24./25.3., 20 Uhr; Postremise, Chur
27.3., 17 Uhr; Altes Kino, Mels
30.4., 20 Uhr; Rätikonhalle, Vandans
8.5., 18 Uhr; Kulturbühne AMBach, Götzis

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Das Karussell-Ensemble (v.l.n.r.) Susanne Ackermann, Ute Hoffmann, Thomas Hassler, Hanno Dreher, Dodo Büchel, Karl Johann Müller, Elke Kikelj Schwald, Stefan Bösch

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