Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

02.05.2019 |  Peter Niedermair

„ODYSSEE – ein Stück (über) Heimat nach Motiven von Homer“

Odyssee. Ein Name wie ein Stein. Ein literarischer Kosmos aus Geröll. Wie ein Steinbruch. Viele Homers haben dort ein ganzes Leben zugebracht, um eine Erzählung in 24 Gesängen zu dichten und allen folgenden Generationen Platz für ewige Grabungen und geologische Feinarbeit zu hinterlassen. Die Odyssee hat uns bis heute immer einen Spiegel vorgehalten. Die Reise des Odysseus, von der Abfahrt aus Ithaka bis zur Rückkehr, gehört zu den ältesten Stoffen der Menschheit.

„Wer erzählt, der lebt. Und von wem immer wieder erzählt wird, der wird unsterblich.“ (Odysseus, in eine Decke gehüllt, zum Publikum sprechend)                  

Ein Stück gegen alle Zeit                        

Die „Odyssee“ erzählt von einer universellen Reise, mit der wir alle, mehr oder weniger, verbunden sind. Als solche ist sie Projektionsort der Phantasie und Behältnis für Erzählungen von abenteuerlichen Erfahrungen. Neben der „Ilias ist die „Odyssee“ das zweite dem griechischen Dichter Homer zugeschriebene Epos, das zu den zentralen Dichtungen der abendländischen Literatur gehört. Homers Lebensdaten, wenn es ihn überhaupt alleine, und nicht vielmehr als viele gegeben hat, können vage in die Zeit des Trojanischen Krieges gestellt werden. In Schriftform wurde das Werk erstmals wahrscheinlich um die Wende vom 8. zum 7. Jahrhundert vor der Zeitrechnung festgehalten. Es schildert die Abenteuer des Königs Odysseus von Ithaka und seiner Gefährten auf der Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg. In vielen Sprachen ist der Begriff „Odyssee“ zum Synonym für eine lange Irrfahrt geworden. Die Erzählstruktur ist hochkomplex und nicht linear; das Epos besteht aus 24 Gesängen, der Kern der Erzählung ist der zentrale Teil des Epos (9. – 12. Gesang), in dem Odysseus im Haus des Phaiakenkönigs Alkinoos die Geschichte seiner Irrfahrten erzählt.

Epischer Hexameter

Bedeutend für die mündliche Tradition des Stoffes ist das Versmaß. Der Hexameter besteht aus sechs Daktylen, deren letzter um eine Silbe verkürzt ist; der Vers wird durch eine Zäsur, die an verschiedenen Stellen der Versmitte eintreten kann, gegliedert. Die Metrik des antiken Hexameters: —◡◡ˌ—◡◡ˌ—◡◡ˌ—◡◡ˌ—◡◡ˌ— ; die des deutschen Hexameters —◡(◡)ˌ—◡(◡)ˌ—◡(◡)ˌ—◡(◡)ˌ—◡◡ˌ—◡ - Die metrische Form des Hexameters kommt dem Erzählen sehr entgegen. Ulrich Hötzer: „Mit stets gleichbleibender Gebärde stellt dieser Vers, unendlich gereiht, Welt vor den Leser oder Hörer hin, und der gleichartige, aber nie identische Rhythmus spricht stets dieselbe Bewusstseinsebene an: aus dem Abstand betrachtende Teilnahme.“ Oder noch knapper: „Der Hexameter stellt dem Hörer Welt gegenüber als reine, ungemischte und ungebrochene Gegenwart.“ (Zitiert aus Wikipedia, nachdem die Schulbücher bereits im Archiv verstaut sind.) 

Textgewebe und Fusion  

„Odyssee“ ist ein Stück „über Heimat nach Motiven von Homer“, die Philip Jenkins mit dem Erinnern und Erzählen von BürgerInnen aus dem Bregenzer Vorkloster verwebt, eigentlich die zwei großen Erzählstränge fusioniert und etwas Drittes hervorbringt. In einer äußerst präzisen Bühnenpräsenz, schauspielerisch kohärent, man sitzt an der vorderen Kante des Theaterstuhls und spürt mit jeder Sequenz mehr, wie es einen in dieses Stück hineinzieht. Die realzeitlichen VorklöstnerInnen und Bühnenfiguren, die sie selbst sind und sich selbst spielen, werden in dieser Bearbeitung der Homer‘schen Verse Stück für Stück in Figuren der Odyssee einverwandelt, was ihnen und ihren Erzählungen einen jeweils spezifischen, unverwechselbaren identitätsstiftenden Charakter gibt. Mit diesem Prozess der Anverwandlung überwinden sie – in der Fiktion des Theaters – ihren eigenen Namen, ihre biographischen Geschichten und Erzählungen werden dialogisch, ganz im Sinne wie Hannah Arendt den Dialog mit sich selbst anlegt, ihrer zwei, deren Bühnenpräsenz spielerisch leicht eine Pluralität von Meinungen sichtbar werden lässt, denen der Regisseur Philip Jenkins offenbar und zurecht vertraut.

Der Titel des Stücks „Odyssee - ein Stück über Heimat nach Motiven von Homer“ öffnet und suggeriert die Fortsetzung der Reflexion der Meinungen und macht damit die Vorklöstner LaienschauspielerInnen zu aktuellen modernen Menschen, die, wie Odysseus fähig sind, ihre Identität partiell aufzugeben, um sie zu erhalten, worin Adorno und Horkheimer, die Vertreter der Frankfurter Schule, die revolutionäre Kernidee des Odysseus an sich sehen. Diese Vielfalt der Meinungen ist in jedem einzelnen Menschen vorhanden. „Jeder Mensch ist ständig in einem – oft auch kontroversen – Gespräch mit sich selbst.“ (Hannah Arendt: Sokrates. Die Apologie der Pluralität, 2016) 

Die Emergenz der Vorklöstner Heimaten 

Die sechs aus dem Vorkloster, jenem gerade 100 Jahre alt gewordenen Stadtteil von Bregenz in ein paar kurzen episodischen Fragmenten: „Heimat ist für mich der See …, Isabella Wild, Encouragement-Expertin, … bei jeder Rückkehr muss ich sofort ans Ufer, dann stellt sich ein Gefühl des Ankommens ein.“ – Elmar Marent, Sicherheitsdirektor a.D. von Vorarlberg: „Ich wurde in der Südtiroler Siedlung geboren, bin aber kein Südtiroler. Meine Familie stammt ursprünglich aus dem Montafon. Als ich ein kleines Kind war, bauten meine Eltern in der alten Achsiedlung direkt an der Ache und am Bodensee, mitten im Grünen ein kleines Einfamilienhaus. Wir zogen 1952 in das neue Heim.“ Annette Dangel, Lehrerin: „Die Zauberin Kirke hält auf ihrem Hof zahme Löwen. Frei herumlaufende Löwen habe ich auch schon oft gesehen. Nämlich im Krüger-Nationalpark in Südafrika. Ich bin in einem Ort am indischen Ozean geboren worden.“ – Hartmut Vogl, Altgriechisch- und Lateinprofessor: „Die Phäaken leben am Rande des großen Wassers. Deshalb sind sie hervorragende Schiffbauer und Seefahrer. Ihre Frauen sind berühmt für die Textil-Verarbeitung, ihre Stoffe sind in der ganzen Welt gefragt. (…) Sie haben ausreichend zu essen und sind sicher vor kriegerischen Auseinandersetzungen. In den Beschreibungen erweisen sie sich als gastfreundlich aber auch etwas reserviert und eigenbrötlerisch.“ – Nikolai Jochum, Bauer: „Meine Familie mütterlicherseits heißt ‚Weiß‘. Die ist seit über 300 Jahren in Rieden ansässig. Sie sind immer schon Bauern gewesen. Das alte Dorf Rieden ist eine der ältesten alemannischen Siedlungen im Rheintal aus der Zeit der Völkerwanderung.“ Sevgi Barlas, Arzt-Assistentin: „Einmal bin ich frühmorgens mit dem Auto zur Arbeit gefahren. (…) Ich wohne in Wolfurt, und auf der Höhe des Bahnhofs Wolfurt lag plötzlich jemand regungslos auf der Straße. Ich habe sofort angehalten und nachgeschaut, was da los ist. Es war ein junger Mann, der da lag. Groß und ziemlich schwer. (…) Er lag da wie ein Schiffbrüchiger, der an einen Strand gespült wird.“ Alle ihre Auftritte sind bis ins winzigste Detail stimmig. Man hört ihnen gerne zu. Ihre Stories passen kohärent ins Textganze des 90 Minuten dauernden Stücks. 

„Warum bist du zurückgekommen?“ 

Die Textklammer im Stück umspannt als ein erzähltechnisch mächtiger Brückenbogen Penelope: „Mein Glück und meine Gestalt und mein Aussehn haben die Götter zerstört – an dem Tag als die Griechen in den Krieg zogen; und mein Gatte Odysseus mit ihnen ging.“ Zwanzig Jahre Irrfahrten später, am Ende des Stücks, fragt Penelope Odysseus - und im Saal ist es so leise, dass man nicht nur die Stecknadel fallen hört und die Sprache in einer poetischen Dichte, wie ich sie selten im Theater gehört habe: „Warum bist du zurückgekommen?“ Eine Joyce’sche Molly Bloom ist diese Penelope nicht, fürwahr nein. In Inge Merkels Roman Eine ganz gewöhnliche Ehe, 1987, fragt Penelope ihn am Ende, ob er sie je geliebt habe. Auch dort bleibt die Frage unbeantwortet. Die Vermutung warum, ist in jedem Lebensalter eine andere. Heute vielleicht, doch wer wüsste das schon genau zu sagen, um in vertrauter Umgebung zu sterben, bevor man sich auf das Ungewisse einlassen wird. 

Heiliger James 

In der Übersetzung des letzten Kapitels aus dem Ulysses von James Joyce, „Penelope“ des Joycianers Harald Beck, ein meisterhafter Philologe, liest sich der Innere Monolog Molly Blooms so: „(…) und der jasmin und geranien und kaktusse und Gibraltar als mädchen wo ich eine Blume des berges war ja wenn ich mir dir rose ins haar gesteckt hab wie die Andalusischen mädchen immer or shall I wear a red ja und wie er mich geküßt hat unter dem Maurenwall und ich hab gedacht na gut er so gut wie n anderer und dann hab ich ihn mit den augen gebeten noch mal zu fragen ja und dann hat er mich gefragt würd ich ja daß ich ja sag meine bergblume und erst hab ich ihn in die arme genommen ja und ihn runtergezogen zu mir daß er meine brüste spüren konnt alles parfümduft ja und sein herz hat geklopft wie verrückt und ja hab ich gesagt ja ich will Ja.“ 

Was würde wohl Walter Benjamin zur Philip Jenkins Bearbeitung des Homer’schen Ullysses Stoffes sagen? In der Nachdichtung und Bearbeitung, so Benjamin, erreiche das Original „seine stets erneute späteste und umfassende Entfaltung“. Jenkins offeriert jedenfalls ein verdichtetes, stilles, wenngleich unendlich weites Universum, das sich zwischen der Homer’schen Welt des Odysseus, von dessen Abreise aus Ithaka, die Belagerung Troias, die Irrfahrten und der Rückkehr aufspannt und mit den individuellen Geschichten einiger Vorklöstner BürgerInnen zusammenspannt. Er verwickelt damit die Zuschauer nicht in ein hermeneutisches Projekt, in dem er uns, die wir begeistert aus diesem Abend hinaus gehen, vermittelt, dass nicht das jeweilige persönliche Vorverständnis von der Odyssee relevant ist, sondern die Auseinandersetzung, die Konfrontation mit diesem neu geschaffenen, uniquen, cinematischen Text, diesem Textgewebe als ästhetische Figuration. Damit fokussiert der Textkorpus, die große neue emergent gewordene Gesamterzählung des Abends, die uns in einer außergewöhnlichen Inszenierung und großartigen schauspielerischen Leistungen, sowohl von Sabine Lorenz (Penelope) und Hubert Dragaschnig (Odysseus) als auch von den Vorklöstnern Sevgi Barlas, Annette Dangel, Isabella Wild, Nikolai Jochum, Elmar Marent, Hartmut Vogl begegnet. 

Simultane Präsenz

Das Verschmelzen der beiden Perspektiven, dort die Odyssee, hier der Bregenzer Stadtteil Vorkloster im 100. Jubiläumsjahr, bedeutet ein parallaktisches Ineinander-verfließen-Lassen jener in unzähligen Überlieferungen und Bearbeitungen des antiken Stoffes entstandenen Deutungen. Alle diese wunderbaren Geschichten besitzen eine gewisse unwiderstehliche klanglich-lautliche Ähnlichkeit mit dem Flow der Erzählungen, wie wir sie aus Michael Köhlmeiers Literatur über das klassische Altertum von Büchern oder Hör-CDs kennen. Dies hilft uns in gewissem Sinne auch, das Bregenzer Vorkloster noch einmal neu zu „lesen“ und zu verstehen, als ein Ort der Wanderung, der Migration, ein Ort, an dem manche, die danach gesucht haben, Heimat gefunden haben, während andere wiederum weitergezogen sind und noch immer weiter suchen. Letzten Endes jedoch gelingt es dieser Inszenierung an diesem Abend, die Besucher in zwei oder gar mehrere verschiedene Positionen zu versetzen, aus denen sie auf das Theaterereignis dieses beginnenden zweiten Drittels des Vorarlberger Theaterjahres schauen und sich erörternd beraten, auf jeweils ganz persönliche Weise. Ich vermute, die bis dato terminisierten sechs weiteren Vorstellungen werden für dieses Stück wohl nicht reichen. 

Im Foyer des Theater Kosmos kuratiert Edgar Leissing eine sehenswerte Ausstellung „Meghalaya – Der wilde Osten“, Zeichnungen und Aufzeichnungen aus dem Skizzenbuch Bianca Tschaikners. Die Illustrationen erzählen in poetisch-märchenhaften Bildern von der Reise der Künstlerin in eine abgelegene Gegend in Nordostindien, zum Stamm der Khasi in Meghalaya. Das Besondere an dieser Khasi-Kultur ist ihr matrilineares System, Besitz und Familiennamen werden über die jüngste Tochter vererbt. 

ODYSSEE – ein Stück über Heimat nach Motiven von Homer
Regie Philip Jenkins | Ausstattung Sabine Ebner | Licht Matthias Zuggal
Weitere Vorstellungen: 3., 4., 12., 17., 18., 19. Mai 2019,  jeweils 20 Uhr
Theater KOSMOS, Bregenz
www.theaterkosmos.at

 

Sabine Lorenz (Penelope) und Hubert Dragaschnig (Odysseus)

Sabine Lorenz (Penelope) und Hubert Dragaschnig (Odysseus)

Eine außergewöhnliche Inszenierung mit realzeitlichen VorklöstnerInnen (Fotos: Harald Gmeiner/Theater Kosmos)

Eine außergewöhnliche Inszenierung mit realzeitlichen VorklöstnerInnen (Fotos: Harald Gmeiner/Theater Kosmos)

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • Sabine Lorenz (Penelope) und Hubert Dragaschnig (Odysseus) Sabine Lorenz (Penelope) und Hubert Dragaschnig (Odysseus)
  • Eine außergewöhnliche Inszenierung mit realzeitlichen VorklöstnerInnen (Fotos: Harald Gmeiner/Theater Kosmos) Eine außergewöhnliche Inszenierung mit realzeitlichen VorklöstnerInnen (Fotos: Harald Gmeiner/Theater Kosmos)