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24.09.2022 |  Peter Niedermair

„Little Italy“ von Kathi Klein - Uraufführung am Theater Kosmos

Aus „Little Italy – ein Gedicht“ von Kathi Klein, einem Text, den die Autorin 2021 beim Drama Atelier des Theater Kosmos einreichte, hat Regisseur Stephan Kasimir ein anspruchsvolles, temporeiches Stück mit subtil aufblitzenden ironischen Passagen herausgefiltert, das mit großem Applaus des Premierenpublikums für die hervorragend agierenden vier Schauspielerinnen, die Inszenierung und besonders auch für die Autorin am Donnerstag dieser Woche uraufgeführt wurde.

„Es geht nur darum, sich zu verlieren. – Nichts ist alles-was-glänzt hier in Palermo Andromeda. Ein Ort, der existiert, wie das Gefühl kurz nach dem Aufwachen in einem fremden Zimmer. Eine Touristin, die sich selbst das Fernste ist, macht aus Sightseeing eine Nabelschau. Ein Strandverkäufer, der unter Dingen, die es nicht gibt, Sehnsüchte verramscht und drei Müllmänner, die bis Weihnachten hier wegräumen müssen, was nie passiert und trotzdem übriggeblieben ist“, stand auf der Einladungskarte des Theater Kosmos.

Ein sehnsüchtiger Blick auf die Gesellschaft

Der Text, wie Kathi Klein gegenüber „KULTUR“ betonte (vgl. Printausgabe der Zeitschrift Kultur, September 2022), sei entstanden als eine für sie wichtige, persönliche Palermo-Erfahrung, „eine Reise, auf der Italien als Fetisch aufgetaucht“ sei. Der Text handle vom Interesse einer Touristin an der Mafia, sei an sich jedoch kein Theaterstück, verfüge auch nicht über ein Narrativ. Es gehe in dieser kaleidoskopartigen Perspektive um einen emotional sehnsüchtigen Blick auf eine Gesellschaft und ihre verunsicherten Bewohner:innen in einer „zersplitterten Welt“. Die Figuren seien amorph angelegt, wie etwa die Touristin Elisa als eine Manifestation von Gefühlen, Massimo stünde für Sehnsucht, Shoeshine sei eine Figur, die überbleibt, Mercutio zum Ausgangspunkt habe und Struktur in den Text bringen soll, die eigentlich lose zusammenhängenden Textteile neu ordnen soll, Textbausteine, die in einem spannungsvollen Wechsel zwischen vergangenen und aktuell gegenwärtigen Ereignissen changieren. „Eine Suche nach sich selbst, nach der eigenen Identität und Geschichte.“

Eine fiktive Reise nach Innen

In Kathi Kleins „Gedicht-Text“ geht es um eine Kunstsprache, wie der Regisseur Stephan Kasimir sagt, um Sound und Sprache, um eine szenisch bunt arrangierte Text-Komposition mit dadaistischen Anklängen, in der sich die vier schauspielenden Protagonistinnen in lila schimmernden Anzügen, rosafarbenen Perücken und weißen Sportschuhen, unterbrochen von zuckenden Blitzen und laut kreischenden Geräuschen, vor der Bühnenkulisse aus verschieden großflächigen, kantigen Spiegeln in fortlaufend sich verändernden Konstellationen bewegen, je nach Referenz auf die Rollen, die unter den vier Schauspielerinnen aufgeteilt sind. In der Dramaturgie des Textes geht es auch um eine „Alice in Wonderland“, eine Alice-hinter-den-Spiegeln-Geschichte, in der dieses Palermo zwar fiktiv als ein touristischer Zufluchtsort - „im Land wo die Zitronen blühen“ - erscheine, als ein Klischee changierend zwischen Traum und Wirklichkeit, doch es ist eine imaginierte Reise nach innen, eine Art Traum, wie in einem Fellini-Film.

Necessità fa virtù

Der Inszenierung auf der Bühne des Theater Kosmos liegt ein magisch-verzaubernder Text mit einem hochkarätigen literarischen Verfahren zugrunde, in dem Sprechrollen und Erzählperspektiven semantisch dekonstruiert und szenenspezifisch zwischen den fiktiven Figuren changieren. In diesen auf Glas reflektierenden Textspiegeln auf der Bühne (Ausstattung: Caro Stark), über die wiederholt Texte auch als Sprechband lesbar sind, werden hochkomplexe thematische Anspielungen sichtbar, die höchstens angedeutet bleiben und in der Wahrnehmung und Reflexion individuell ein Stück weit zumindest wieder zusammengefügt werden können. Aus der Not eine Tugend machend, wie es eingangs im Text von Kathi Klein auch heißt.
Dem Tiefgang des Textes gegenüber verlaufen die ins Ohr eingängigen Musikkompositionen Paul Winters, die das Gedicht Kathi Kleins in mehreren Strophen konterkarierend erweitern und öffnen und damit den wichtigen Spannungsbogen halten. Die interessanten Stoffe, die Hubert Dragaschnig dramaturgisch begleitet, reflektieren im Grund genommen Codes von jungen Leuten. Die Inszenierung spielt auch mit theaterspezifischen literarischen Traditionen, wie etwa dem Chor, den alle vier Schauspielerinnen als die Müllmänner auf der Bühne sprechen. Deren Text ist weit mehr als ein kommentierendes Sprechen, vielmehr öffnet es auch jenen Platz, in dem die Aufführung mit entsprechend tiefsinnigem Humor und Ironie überzeugt.  
Das, wie gesagt, anspruchsvolle Stück, das kein Stück sein will, ist mit Blick auf den Text Kathi Kleins und der Inszenierung von Stephan Kasimir eine überzeugende Theaterleistung. Da war, trotz aller Fülle und Dichte der Textvorlage, dem „Gedicht“ der Autorin, kein Wort zu viel. Die Inszenierung schweift nie ab, versteigt sich in keine unbedeutenden Nebenschauplätze und ist keinen Augenblick langweilig. Ganz im Gegenteil. Ein Stück, mit dem das Theater Kosmos wiederholt zeigt, wie sehr junge Literatur gefördert wird, durch innovative Wettbewerbe, die großen Zuspruch erfahren.
Die junge, 1996 geborene Kathi Klein, die in Wien Philosophie und Sprachkunst studierte, hat ein überzeugendes Stück Sprachkunst geschrieben. Wir hoffen auf weitere Texte der Autorin.

Springenschmid-Preis

Aktuell verlautbaren Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig die  Einrichtung des Springenschmid-Preises, mit dem das Theater einen neuen Impuls für jüngere Autor:innen setzt. Der Preis soll eine Hommage an den 2016 verstorbenen Autor und Konzeptkünstler Ingo Springenschmid und seine 2020 verstorbene Frau, Ingeborg, sein.
Begleitend zur aktuellen Produktion Little Italy von Kathi Klein zeigt das Theater Kosmos im Foyer eine Ausstellung von Gabriele Bösch; „Palliano, Pinien und andere stille Partituren- Werkserien aus den letzten fünf Jahren“.

„Little Italy“ von Kathi Klein
Regie: Stephan Kasimir, Ausstattung: Caro Stark, Dramaturgie: Hubert Dragaschnig, Musik: Paul Winter.
Mit: Laura Dittmann, Kaija Ledergerber, Simone Loser, Maria Strauss. 

Weitere Vorstellungen: 24./ 29./ 30. Sept. und 1./ 6./ 7. /8. Okt. 2022, jeweils um 20 Uhr
Theater Kosmos, Bregenz 
Reservierungen: www.theaterkosmos.at; Tel +43 (0)5574-44034 13.

In Kathi Kleins „Gedicht-Text“ geht es um eine Kunstsprache, wie der Regisseur Stephan Kasimir sagt, um Sound und Sprache, um eine szenisch bunt arrangierte Text-Komposition mit dadaistischen Anklängen. (Foto: Sarah Mistura)

In Kathi Kleins „Gedicht-Text“ geht es um eine Kunstsprache, wie der Regisseur Stephan Kasimir sagt, um Sound und Sprache, um eine szenisch bunt arrangierte Text-Komposition mit dadaistischen Anklängen. (Foto: Sarah Mistura)

In den Spiegeln auf der Bühne (Ausstattung: Caro Stark), über die wiederholt Texte auch als Sprechband lesbar sind, werden hochkomplexe thematische Anspielungen sichtbar. (Foto: Sarah Mistura)

In den Spiegeln auf der Bühne (Ausstattung: Caro Stark), über die wiederholt Texte auch als Sprechband lesbar sind, werden hochkomplexe thematische Anspielungen sichtbar. (Foto: Sarah Mistura)

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  • In Kathi Kleins „Gedicht-Text“ geht es um eine Kunstsprache, wie der Regisseur Stephan Kasimir sagt, um Sound und Sprache, um eine szenisch bunt arrangierte Text-Komposition mit dadaistischen Anklängen. (Foto: Sarah Mistura) In Kathi Kleins „Gedicht-Text“ geht es um eine Kunstsprache, wie der Regisseur Stephan Kasimir sagt, um Sound und Sprache, um eine szenisch bunt arrangierte Text-Komposition mit dadaistischen Anklängen. (Foto: Sarah Mistura)
  • In den Spiegeln auf der Bühne (Ausstattung: Caro Stark), über die wiederholt Texte auch als Sprechband lesbar sind, werden hochkomplexe thematische Anspielungen sichtbar. (Foto: Sarah Mistura) In den Spiegeln auf der Bühne (Ausstattung: Caro Stark), über die wiederholt Texte auch als Sprechband lesbar sind, werden hochkomplexe thematische Anspielungen sichtbar. (Foto: Sarah Mistura)