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15.11.2018 |  Anita Grüneis

„Jakob von Gunten“ im TAK: Im Türöffnen liegt mehr verborgenes Leben als in einer Frage

Das TAK-Gastspiel „Jakob von Gunten“ vom Schauspielhaus Zürich, aufgeführt im Schaaner SAL, stieß nicht bei allen im Publikum auf Begeisterung, manchen war die Inszenierung von Barbara Frey zu spröde. Dabei hatte die Regisseurin gemeinsam mit Amely Joana Haag eine detailgenaue Bühnenfassung des Werks von Robert Walser erarbeitet und mit großartigen Schauspielern zeitgemäß auf die Bühne gebracht.

Die Bühne im SAL glich einer Mönchskantine – die Wände waren mit zerschlissenen Tapeten verkleidet, über fünf hohen Türen thronten geschlossene Fenster, an den Seiten standen je ein Klavier und vorne ein schmaler Holztisch mit fünf Stühlen. Der Raum wurde nach hinten schmäler und mündete in einem Großen hellen Fenster, vor dem ein weißer Korbsessel stand. Ein Mann trat ein, öffnete dieses Fenster, Straßenlärm, Polizeisirenen und Autohupen purzelten herein, das Fenster wurde wieder geschlossen, die Außenwelt hatte hier nichts zu suchen.

Das perfekte Türöffnen

Sie war in diesem Internat von Robert Walser auch fehl am Platze, denn nicht das „Schneller, Höher, Weiter“ anderer Schulen war das Ziel der Erziehung, sondern die Abkehr vom Egoismus und das Erlernen des dienenden Gehorsams. So übten sich die vier Schüler in grauen Hosen, weißen kurzärmligen Hemden, schwarzen Krawatten und lachsfarbenen Pullunder auch eifrig im bücklinghaften Türöffnen. „Im Türöffnen liegt mehr verborgenes Leben als in einer Frage,“ wusste Robert Walser.
Bühnen- und Kostümbildnerin Bettina Meyer schuf das Erziehungsinstitut Benjamenta als stringente Welt, in der nur die milde Lachsfarbe das Herz wärmen durfte.
In diese Knabenschule kam der aus einem wohlhabenden Haus stammende Jakob von Gunten (Michael Maertens). Geleitet wurde die Schule vom strengen Herrn Benjamenta (Hans Kremer) und dessen freundlicher Schwester Lisa (Stefan Kurt). Weitere Mitschüler waren Kraus (Hans Kremer), Fuchs (Stefan Kurt) sowie der musikalische Celesta (Iñigo Giner Miranda).

Ich will eine reizende kugelrunde Null werden

„Man lernt hier sehr wenig, es fehlt an Lehrkräften, und wir Knaben vom Institut Benjamenta werden es zu nichts bringen, das heißt, wir werden alle etwas sehr Kleines und Untergeordnetes im späteren Leben sein“, erkannte Jakob rasch. Er wollte eine „reizende, kugelrunde Null“ werden. Wenn die Geduld der Zöglinge beim Lernen nicht ausreichte, dann flüchteten sie in die immer gleiche Litanei, die sie mantra-artig vor sich hersagten: „Das gute Betragen ist ein blühender Garten ... Führt sich einer von uns schlecht auf, so wandelt er wie von selber in einer garstigen, finsteren Hölle ...“

Warten auf das seelische Nichts

Regisseurin Barbara Frey schuf mit dieser Inszenierung eine strikte Gegenwelt zur Gegenwart mit ihrem Selfie-Wahn. Es herrscht Beckett'sche Endzeit-Stimmung, man wartet auf das seelische Nichts. Gleichzeitig wird die Achtsamkeit gelehrt, das absolute Sein im Hier und Jetzt. „Nichts tun ... da spürst du plötzlich wie penibel das Dasein sein kann“, meinte Jakob. Hin und wieder schaute Institutsvorsteher Benjamenta wie ein weißbärtiger Gottvater von den oberen Fenstern herab. Nichts entging ihm, auch nicht die zarten Gefühle zwischen seiner Schwester Lisa und Jakob, doch er wusste: Wo Sehnsucht ist, da ist Langeweile.

Doppelrollen für die Schauspieler

Stefan Kurt erinnerte mit seiner Darstellung der Lisa an Jack Lemmon in „Some like it hot“ – nur das Tango tanzen wäre in seinem goldenen Wurstkleid ohne Ärmel, das ihn zu einer Art Raupe macht, kaum möglich. Hans Kremer war als verschmitzter monströser Benjamenta das pure Gegenteil zu seinem überangepassten Kraus. Mit Michael Maertens stand ein Jakob auf der Bühne, der genau wusste, dass im Dienen die eigentliche Macht verborgen ist. Ihm saß der Schalk im Nacken, das Unterwürfige schien nur ein Spiel zu sein. Es war ein Fest der Schauspielkunst. Zudem durften den Jungs doch ein paar Sehnsüchte bleiben, wie die Musik von Kate Bush („Under Ice“) verriet: „There is something moving, trying to get out – it’s me“Und als zum Schluss alle Türen und Fenster geöffnet wurden, das Licht hereinströmte, da waren auch die Außenwelt-Geräusche verschwunden. Keine Straße mehr? Oder war das Außen zum Innen geworden?

Nächste Vorstellung: 15. November, 20 Uhr, SAL, Schaan

Die Schüler üben das Türöffnen

Die Schüler üben das Türöffnen

 Die Zöglinge im Haus Benjamenta: Hans Kremer, Michael Maertens, Stefan Kurt und Iñigo Giner Miranda

Die Zöglinge im Haus Benjamenta: Hans Kremer, Michael Maertens, Stefan Kurt und Iñigo Giner Miranda

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