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28.11.2018 |  Peter Füssl

Das lustvolle Zerstören des Spießigen – Ein Interview mit Martin Gruber anlässlich der geballten Wiederaufführung von fünf aktionstheater ensemble-Stücken in Dornbirn und Wien

2019 wird das aktionstheater ensemble sein 30-Jahre-Jubiläum feiern. Das nimmt Regisseur Martin Gruber zum Anlass, um fünf erfolgreiche Stücke der vergangenen Jahre textlich und musikalisch neu bearbeitet, kostüm- und videotechnisch neu adaptiert in einem Einheitsbühnenbild zu präsentieren. Im November wurden im Werk X in Wien, Anfang Dezember am Spielboden in Dornbirn an vier Abenden jeweils zwei Stücke gezeigt: „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ wird mit „Ich glaube“, „Immersion. Wir verschwinden“ mit „Swing. Dance to the right“ gekoppelt. Im Jänner wird dann im Wiener Kosmos Theater ein Abend mit „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ und „Pension Europa“ über die Bühne gehen.

„Nur der Moment zählt, Theorie schafft Distanz“

Peter Füßl: In der Theatersaison 2017/18 haben mehr als 7.200 Besucher Eure 38 Aufführungen besucht, Ihr wurdet mit dem renommierten Nestroy-Preis ausgezeichnet, Gastspiele und Festivals führen Euch nach Italien, Deutschland und in die Schweiz. Eure collagenartigen Stücke umkreisen immer aktuelle, gesellschafTspolitisch relevante Themen, sind emotionsgeladen, witzig, aber auch poetisch verdichtet und überhöht also keine ganz einfache Kost und schon gar keine Gratislieferung von Patentrezepten. Besteht vielleicht gerade darin ein Grund für den Erfolg?

Martin Gruber: Theater hat die Möglichkeit, sozusagen auf einer Metaebene, auf gesellschaftliche Entwicklungen und Missstände zu reagieren. Es ist aber nicht unbedingt nur der schnelle Kalauer, wie etwa beim Kabarett, der greift. Vielmehr ist es ein Ergründen, wie sich die Zeitläufe auf den Einzelnen, die Einzelne, auswirken. Ganz persönlich und bei jedem Individuum verschieden. Ich habe seit Welche Krisedie Erfahrung gemacht, dass jeder Mensch, so salbungsvoll das klingen mag, unzählige Geschichten zu erzählen hat. Es gilt also, stückimmanent, diese Geschichten zu dramatischem Material zu verdichten. Aus der Gemengelage aus Text, Musik und visuellen Interventionen entsteht dann die „Stück-Komposition. Der wichtigste Punkt ist aber, mitunter komplexe Zusammenhänge auf das Unmittelbare, auch auf das Verstörende, herunterzureißen. Mit besonderem Augenmerk auf die Wirkmacht des Momentanen. Nur der Moment zählt, Theorie schafft Distanz. Ich glaube, dass diese Unmittelbarkeit letztlich beim Publikum Anklang findet. Auch das Anarchische des Humors. Das lustvolle Zerstören des Spießigen. Weil wir alle unsere Verlustängste haben, neigen wir alle zum Spießertum. Der Eine mehr, die Andere weniger. Der Spießbürger verteidigt mit seinem Spieß das mittelalterliche Dorf, in dem wir alle noch leben – das Boot ist voll. Im angstfreien Raum der Kunst feiern wir die Zerstörung festgefahrener Strukturen. Und kämpfen damit gegen unsere Einsamkeit an.  

„... dass wir selber ein bisschen daneben sind“

Füßl: In Die wunderbare Zerstörung des Manneswerden Männerrollen im postpatriarchalen Zeitalter und die damit verbundenen Verunsicherungen und Fallgruben thematisiert. Drohende Klischees im Spannungsfeld zwischen Macho-Witzen und #MeToo-Debatte umschifft ihr durch Selbstkritik und Selbstironie. Zwei Elemente, die in allen Euren Produktionen wichtig zu sein scheinen.

Gruber: In den letzten 30 Jahren wurde mir, an so manchem Stadttheater, die eine oder andere moralinsaure Brecht‘sche Betonwatsche serviert. So nach dem Motto: „Wir AkteurInnen auf der Bühne sagen jetzt euch mal so richtig, wos langgeht.“ Um sich damit gleichzeitig der eigenen moralischen Überlegenheit zu versichern. Wir beim aktionstheater ensemble gehen davon aus, dass wir selber ein bisschen daneben sind. Im angesprochenen Fall suchen wir den Macho in uns selbst. Freilich darauf vertrauend, dass sich der Eine oder die Andere im Publikum wiederfindet.

Es geht nicht um Ideologie, sondern um Haltung“

Füßl: Angesichts des tobenden Applauses am Ende des Stückes, stellt sich die Frage, ob da halt nicht von vornherein eh schon lauter Gleichgesinnte im Publikum sitzen. Denn die große Mehrheit der ÖsterreicherInnen wünscht sich laut Umfragen einen starken Mannan der Spitze, und der überall triumphierende Rechtspopulismus ist auch nicht unbedingt für seine Gendergerechtigkeit bekannt. Klaffen da Theaterapplaus und Alltagsrealität nicht sehr weit auseinander?

Gruber: Analog zum vorher Gesagten, glaube ich nicht unbedingt, dass sich die Gesellschaft so einfach in Humanisten und rechte Volltrottel aufteilen lässt. Die simple Frage ist, warum die Bevölkerung in einem der reichsten Länder der Welt, nach einem autokratischen Erlöser sucht. Jörg Haider hat vor etwa 30 Jahren den Schmäh mit den Altparteien erfunden und sich selbst als Retter angedient. Um gleichzeitig zu verschweigen, dass er, frei nach Anton Pelinka, nicht ihr Gegner, sondern ihr - siehe Hypo - Übertreiber war. Strache hat diese Erlösernummer übernommen und Kurz, in einer etwas smarteren Version, verfeinert. Wie lange die Christlichsozialen das aushalten, wird sich zeigen. In Vorarlberg vernehme ich gewisse Loslösungstendenzen. So weit, so bekannt. Zurück zum Theater: Man könnte annehmen, dass sich unser Publikum aus der eher linken Reichshälfte speist. Das stimmt so nicht! Gerade im Theaterpublikum vernehme ich auch Bürgerliche. Es geht also nicht um Ideologie, sondern um Haltung. Wer an den Dialog nicht glaubt, hat keine Hoffnung. Um den Anderen zu verstehen, suchen wir nach xenophoben Partikeln in unserer eigenen Vita.

„In der Religion geht es immer ums Rechthaben“

Füßl: Ich glaubeist eine grandiose Auseinandersetzung mit Glauben und Religion, mit deren Ersatzmöglichkeiten, Heilserwartungen und Heilsversprechungen. Die zum Beispiel politisch wunderbar verwertbaren Bedrohungen durch den Islamismus scheinen Euch aber weit weniger zu interessieren als etwa die ganze Bandbreite von großen Emotionen bis hin zum Kitsch.

Gruber: Als gelernter Katholik weiß ich, was Kitsch ist (lacht). In der Religion geht es immer ums Rechthaben. Ich habe den Herrgott - freilich männlich - hinter mir, also kann ich dir auch eine reinhauen. Das passiert ja nicht in meinem Namen, sondern im Namen des Herrn. So passiert in 2000 Jahren Christentum. Bei den Muslimen ist es das gleiche, nur haben die halt keine Aufklärung hinter sich. Im Stück gehen wir wieder von uns aus: Ich habe recht, ich habe den besseren Geschmack, das elaboriertere Weltbild, etc. Egal ob Muslima, Atheistin oder Protestantin. In der Szene mit den Blutsalven versucht die Muslima Alev Irmak sich immer wieder Gehör zu verschaffen, kommt aber nicht zu Wort, weil sich die Protestantin und die Ex-Katholiken in einem kindischen Streit über Martin Luther verfangen haben. Es geht auch um das Nicht-Zuhören, das Nicht-Wahrgenommen werden, das verletzt und wiederum Aggression erzeugt.

„Nur ein angstfreier Raum ermöglicht gute Arbeit“

Füßl: Der zweite Abend startet mit Immersion. Wir verschwinden. Dieses Stück um das Abhandenkommen von Sinn und Halt in Zeiten virtueller Realitäten und dem Wunsch nach permanenter Selbstbestätigung in den sozialen Medien basiert wie viele andere Stücke von Euch auch auf Geschichten, die unter anderem auch von den SchauspielerInnen kommen. Da geht es um Neid, Eitelkeit, Geltungsbedürftnis usw. Du hast einen Stamm exzellenter DarstellerInnen, die die Stücke mit einer unglaublichen emotionalen Wucht mit Leben erfüllen, dazu kommen immer wieder spannende neue Gesichter. Was macht für Dich den idealen Schauspieler, die ideale Schauspielerin aus? Welche Voraussetzungen sind zu erfüllen, um in Dein Konzept von Theater zu passen?

Gruber: Neben der Qualität und dem Willen etwas über sich zu erzählen, ist es die Empathiefähigkeit. Die Leute sollten, trotz ihrer Verschiedenheit, einander mögen. Nur dann ist es möglich, in einem relativ angstfreien Raum zu arbeiten. Nur dieser ermöglicht gute Arbeit. Und natürlich Spaß und Freude. Das Besetzen selbst ist mir, ehrlich gesagt, die unliebste Aufgabe. Zu sagen „Du bist draußen und du drinnen“, ist ein Job, der mir gar keine Freude bereitet. Schließlich hat man die Menschen, mit denen man arbeitet, liebgewonnen. Ich möchte also am liebsten jeder und jedem sagen, dass sie/er in der nächsten Produktion wieder dabei ist. Aber das geht leider nicht. 

Gewahrwerden des ohnehin Sichtbaren“

Füßl: Auch in Swing. Dance to the rightgeht es im übertragenen Sinn um die Sehnsucht nach Ordnung einerseits und die unverhohlene Propagierung autoritärer Denkmuster andererseits. Coole Tanzschritte und Worthülsen führen das Individuum zum Gleichschritt in ein von einem medientechnisch geschickten Führer beherrschten Kollektiv. Irgendwie ein mit theatralischen Mitteln erreichtes, perfektes Abbild der realen Gegebenheiten. Vermag Theater solche gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen nur sichtbar zu machen, oder vermag es mehr?

Gruber: Das ist eine philosophische Frage. Wie bereits angedeutet, glaube ich an die Kraft des Moments. In der Vergegenwärtigung des Moments werde ich mir meines Umfelds bewusst. Die Antithese wäre das Patentrezept oder die Lösung. Das finde ich - siehe „Ich glaube“ - schrecklich. Stehe ich in der Mariahilferstraße und sehe die Obdachlosen, die immer mehr werden, dann wünsche ich mir eine Sozialpolitik, die möglichst allen Menschen gerecht wird. Das vernunftbegabte und empathische Wesen reagiert auf seine Umwelt. Etwaige politische Lösungen ergeben sich gerade aus diesem Gewahrwerden des ohnehin Sichtbaren. Wenn einer im Mittelmeer am Ertrinken ist, brauche ich keine Ideologie, sondern meine Hände, um ihm aus dem Wasser zu helfen.

„Sprache, Musik, Choreografie haben die gleiche Wertigkeit“

Füßl: Euer Theater ist körperbetont und baut auf Sprache, der aber grundsätzlich zu misstrauen ist. Dazu kommen Musik und Choreografien, manchmal auch bildnerische Elemente, die nicht der Behübschung dienen, sondern wesentliche Elemente Deiner Inszenierung sind. Welche Bedeutung haben für Dich diese nonverbalen Elemente innerhalb Deiner Theaterästhetik?   

Gruber: Alle Bedeutungsträger, wie etwa Sprache, Musik, Choreografie haben die gleiche Wertigkeit. Nicht unbedingt quantitativ, weil die Menschen so gerne labern. Im besten Fall geht es immer um das Ansprechen aller Sinne. 

„Die in sich geschlossenen Welten der Frauen und der Männer knallen aufeinander“

Füßl: Im Jänner spielt Ihr auch Pension Europa, wenn man so will, passend zu den anstehenden Europawahlen. Die standen auch 2014 vor der Uraufführung an aber ich denke, die im Stück vorkommenden Themen und Geschichten haben ohnehin eher zeitlosen Charakter. Oder gibt es massive Änderungen?

Gruber: Pension Europa“ lassen wir wahrscheinlich so, der Inhalt scheint noch zu passen. Außer dass die allgemeine Stimmung etwas gruseliger geworden ist. Das Stück ist nicht Teil der Tetralogie, wir wollten es dem Männerstück „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ als reines Frauenstück entgegenstellen. Die in sich geschlossenen Welten der Frauen und der Männer knallen am Abend aufeinander. Die Vereinigung entsteht im Publikum. 

„ ..., gilt es wachsam zu bleiben“

Füßl: Du bist mit dem aktionstheater ensemble in den 30 Jahren sehr konsequent Deinen Weg gegangen und hast in den vergangenen Jahren die verdiente Anerkennung dafür bekommen. Viele Jahre musstest Du um öffentliche Gelder, oft auch ums Überleben kämpfen. Ist das heute z.B. nach dem Nestroy-Preis kein Thema mehr?

Gruber: Mein Compagnon Martin Ojster und ich sind ruhiger geworden. Das wird sich aber künstlerisch nicht auswirken. Versprochen. In Dornbirn, Sitz des aktionstheater ensemble, wo ich, ohne jeden Lokalpatriotismus, mindestens genauso gerne lebe wie in Wien, werden wir subventionstechnisch nicht so wahnsinnig geschätzt. Die Kulturhauptstadt-Euphorie hat sich auf uns leider nicht ausgewirkt.  Seitens des Landes und der Stadt Bregenz sind wir immer auf Interesse und Goodwill gestoßen. Das muss an dieser Stelle mal gesagt werden. Danke. Um die Frage vollständig zu beantworten: Blicken wir nach Ungarn oder Italien, gilt es wachsam zu bleiben. 

aktionstheater ensemble Doppelvorstellungen

Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ & „Ich glaube
Spielboden Dornbirn: Di, 4./Sa, 8.12., 20 Uhr

Immersion. Wir verschwinden“ & „Swing. Dance to the right
Spielboden Dornbirn: Mi, 5./Fr, 7.12., 20 Uhr

Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ & „Pension Europa
Kosmos Theater Wien: Mi, 16. Sa, 19.1.2019, 20 Uhr

www.aktionstheater.at
www.spielboden.at
kosmostheater.at

Dieses Interview ist in der KULTUR-Zeitschrift Nov. 2018 erschienen

Dieses Interview ist in der KULTUR-Zeitschrift Nov. 2018 erschienen

Martin Gruber: „Ich glaube nicht unbedingt, dass sich die Gesellschaft so einfach in Humanis-ten und rechte Volltrottel aufteilen lässt.“ © Apollonia Bitzan

Martin Gruber: „Ich glaube nicht unbedingt, dass sich die Gesellschaft so einfach in Humanis-ten und rechte Volltrottel aufteilen lässt.“ © Apollonia Bitzan

„Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ © Stefan Hauer

„Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ © Stefan Hauer

„Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ © Stefan Hauer

„Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ © Stefan Hauer

„Immersion. Wir verschwinden“ © Stefan Hauer

„Immersion. Wir verschwinden“ © Stefan Hauer

„Immersion. Wir verschwinden“ © Stefan Hauer

„Immersion. Wir verschwinden“ © Stefan Hauer

„Ich glaube“ © Stefan Hauer

„Ich glaube“ © Stefan Hauer

„Ich glaube“ © Stefan Hauer

„Ich glaube“ © Stefan Hauer

„Swing. Dance to the right“ © Stefan Hauer

„Swing. Dance to the right“ © Stefan Hauer

„Swing. Dance to the right“ © Stefan Hauer

„Swing. Dance to the right“ © Stefan Hauer

„Pension Europa“ © Felix Dietlinger

„Pension Europa“ © Felix Dietlinger

„Pension Europa“ © Felix Dietlinger

„Pension Europa“ © Felix Dietlinger

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  • Dieses Interview ist in der KULTUR-Zeitschrift Nov. 2018 erschienen Dieses Interview ist in der KULTUR-Zeitschrift Nov. 2018 erschienen
  • Martin Gruber: „Ich glaube nicht unbedingt, dass sich die Gesellschaft so einfach in Humanis-ten und rechte Volltrottel aufteilen lässt.“ © Apollonia Bitzan Martin Gruber: „Ich glaube nicht unbedingt, dass sich die Gesellschaft so einfach in Humanis-ten und rechte Volltrottel aufteilen lässt.“ © Apollonia Bitzan
  • „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ © Stefan Hauer „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ © Stefan Hauer
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  • „Ich glaube“ © Stefan Hauer „Ich glaube“ © Stefan Hauer
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  • „Swing. Dance to the right“ © Stefan Hauer „Swing. Dance to the right“ © Stefan Hauer
  • „Swing. Dance to the right“ © Stefan Hauer „Swing. Dance to the right“ © Stefan Hauer
  • „Pension Europa“ © Felix Dietlinger „Pension Europa“ © Felix Dietlinger
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