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07.06.2013 |  Natalie Fend

Ein faszinierendes Opening des von Günter Marinelli initiierten „Tanz ist“-Festivals ging gestern Abend im Dornbirner Spielboden über die Bühne - Eine Symbiose aus Klang, Augenblick und Körper

„Tanz ist“ steht heuer im Zeichen von Japan. Der multidisziplinäre Künstler Hiroaki Umeda zeigte zwei Stücke seiner eigens gegründeten Companie S20 „Duo“ und „while going to a condition“. „Es geht nicht um die Idee, sondern um Licht, Sound und Tanz“, so Günter Marinellis Worte bei der Einführung. Der volle Zuschauerraum, in dem auch eine Schulklasse zu entdecken war, zeigt die zunehmende Offenheit für den zeitgenössischen Tanz auch im ländlichen Raum. Am Ende: fünffacher Applaus!

Von außen nach innen

Mit „Misu“ sorgt die japanische Künstlerin AIKO Kazuko Kurosaki draußen im Hof für einen sinnlichen Auftakt des diesjährigen Festivals. Sie taucht ins Jetzt ein und erweckt mit ihrer Installation die Neugierde des Zuschauers auf ihr Stück „Nettó – kochendes Wasser“, das kommenden Mittwoch in Dornbirn zu sehen sein wird. Man möchte fast meinen, dass Kurosaki mit ihren schlichten japanischen Schuhen, dem schwarzweißen Gewand, dem umgedrehten Reiskorb auf dem Kopf und der gekoppelten Musik aus melodischen Klängen in eine Sphäre jenseits der Zeit eintaucht. Sie führt den Zuschauer von außen nach innen, und auf diesem Weg macht sich eine angenehme Ruhe breit, die den Augenblick an erste Stelle rückt. Hinter sich zieht die zeitgenössische Tänzerin ein großes Gefäß mit Wasser, in dem eine lange Glaspipette ruht; die Durchsichtigkeit lässt auf die Flüchtigkeit und Zerbrechlichkeit des Moments schließen. Wasser als Lebenselixier, doch zu Zeiten des Überflusses und des gegenwärtigen Hochwassers erinnert es viel mehr an den verschwenderischen Umgang damit und regt zum Nachdenken an. Kurosaki setzt das Element Wasser auf liebliche Weise in Szene und löst einen Fluss von Gedanken und Berührungen aus: das Leben als Daseinsform eines stetigen Wandels!

Duo


Hiroaki Umeda, ein Mensch mit vielen Begabungen, die in zwei ähnlichen, aber exzellenten Stücken zum Vorschein gekommen sind, ist trotz seiner Reduktion und Abstraktheit sehr ausdrucksstark und von fesselnder Berührung.

„Duo“ ist gezeichnet durch Mensch und Technik. Eine weiße Wand, zwei Individuen: Umeda als Mensch zum Angreifen und keine zwei Meter neben ihm seine Technologie-Version auf der Leinwand. Sie beginnen gemeinsam, synchron. Von einem gleichmäßigen Puls ausgehend, zersplittert er sich allmählich. Sound und Körper – zu Beginn noch aufeinander abgestimmt – finden ihre Unterschiedlichkeit nach und nach in Stopps und zeitversetzten Bewegungen. Auch durch Umedas schwarzes Kostüm, die weiße Fläche und seinen Schatten – der fast schon als 3. Figur mitagiert – entsteht ein Kontrast. Die Gegensätzlichkeit dieser zwei Individuen wird klar, und doch finden sie im darauffolgenden Moment wieder zueinander. Dadurch entsteht ein Irritationsmoment, der die Sinne des Zuschauers aktiviert und ihn mit gebanntem Auge dem Darsteller folgen lässt. Die Auflösung sowie die Verbindung von Mensch und Technologie stehen im Raum. Das Rauschen in den Klängen erzeugt Assoziationen von einer Flut und wirkt in gleicher Weise bedrohlich wie unscheinbar.

Hiroaki Umeda, der sich als Tänzer und Choreograph in „Duo“ dazu entschieden hat, mit seiner expressiven Bewegungssprache an ein und derselben Stelle im Raum zu bleiben, wirkt umso eindrücklicher, als am Ende auf der Leinwand ein Mann hereinspaziert, den Applaus entgegennimmt und seinerseits die Zuschauer und die Technik beklatscht. An die Stelle des Menschen tritt die Technologie.

„while going to a condition“


Umeda rückt im Vergleich zu „Duo“ weiter in den Raum vor. Das Bühnenbild, bestehend aus einer weißen Projektionsfläche und dem schwarz gekleideten Tänzer, scheint fast ident. Er steht auf einer Linie in der Mitte der Bühne, die zwei separaten Räume von vorher scheinen sich zu verbinden. Die Bühne ist dunkel. Von einem dumpfen Klangteppich getragen, bewegt sich Hiroaki mit geschlossenen Augen zu den leisen, aber doch fesselnden Tönen. Langsam dringt Licht von vorne ein, es folgt ein plötzlicher Ausbruch des Sounds. Die Visuals an der Projektionsfläche bilden abstrakte Räume aus Toren und Gassen. Der Tänzer steht in einem Feld, das mit ihm interagiert. Kurz erscheint der Gedanke, ob er wohl durch ein Portal in eine andere Sphäre gesogen würde. Die Bewegungen, Sounds und Visuals verdichten sich, werden schneller, intensiver, impulsiver und münden in einer Beschleunigung, die an einem gewissen Punkt nur noch in der Reduktion der Bewegung enden kann. Vom Stroboskoplicht getragen, den Augen einen Flash versetzend, bilden Figur, Linie und Position diverse Schichten und kumulieren zu einem Ganzen. An der Wand taucht nun die Farbe Blau auf, und Hiroaki Umeda steht plötzlich in einem blauen Rechteck am Boden. Der blaue Planet? Das Wasser? Das Ende mündet in den Anfang und somit in einen ewigen Kreislauf.

 

„Tanz ist“-Programm im Spielboden Dornbirn:

Samstag, 8. Juni:
19.45 Uhr AIKO Kazuko Kurosaki: Misu – Opening
20.30 Uhr HIROAKI UMEDA: Duo & While going to a condition

Dienstag, 11. Juni, 20.30 Uhr
Running Sushi, Tanz-Film

Mittwoch, 12. Juni, 20.30 Uhr:
AIKO Kazuko Kurosaki: Nettó – Kochendes Wasser

Donnerstag, 13. Juni, 19 Uhr:
Butoh-Abend mit KO Murobushi – Tanz-Workshop

Freitag 14. & Samstag, 15. Juni, 20.30 Uhr
KO Murobushi: Quicksilver

Infos & Karten: Tel. 05572 21933, spielboden@spielboden.at
www.spielboden.at

Hiroaki Umeda in "Duo"

Hiroaki Umeda in "Duo"

Fotos: Spielboden

Fotos: Spielboden

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Bilder
  • Hiroaki Umeda in "Duo" Hiroaki Umeda in "Duo"
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