Das PulsArt Ensemble der Stella Privathochschule in Feldkirch (Foto: Victor Marin)
Peter Füssl · 15. Jun 2013 · Tanz

Radikale Körperkunst - Butoh-Meister Ko Murobushi sorgt für ein eindrucksvolles Finale des „Tanz ist“ Festivals am Spielboden

Zeitgenössischer Tanz aus Japan scheint den Nerv der Vorarlberger Tanzinteressierten zu treffen, denn das von Günter Marinelli konzipierte „Tanz ist“ Festival am Dornbirner Spielboden war durchwegs sehr gut besucht. So konnte auch Ko Murobushi, der als lebende Legende der ursprünglichen Butho-Bewegung gilt und diese in Japan lange Zeit als zu avantgardistisch verschriene Kunstform mit großem Erfolg nach Europa brachte, seine aufwühlende Tanztheater-Performance „quicksilver“ vor vollem Haus präsentieren.

Nichts an Radikalität verloren


Zu den Ursprüngen des Ende der 50er/Anfang 60er Jahre entstandenen Butoh gibt es verschiedene Theorien: man sieht ihn als radikale Ablehnung gleichermaßen der japanischen wie der westlichen Tanztradition, als Reaktion auf Hiroshima und Nagasaki, als künstlerische Ausdrucksform der antiamerikanischen Protestbewegung jener Zeit, aber auch als Kampfansage gegen die vom aufkeimenden Big Business diktierten Tendenzen in der japanischen Gesellschaft. Butho war in Japan jahrzehntelang eine Underground-Bewegung, und dass er bis heute an Radikalität nichts verloren hat, stellt Ko Murobushi eindrucksvoll unter Beweis.

In einen dunklen Anzug gehüllt, das Gesicht mit Bandagen verbunden, erscheint er wie ein Zwischending aus Mumie und Zombie oder ein aus einem Friedrich Murnau-Film entsprungenes Monster – tatsächlich schöpft Butho ja auch aus dem Vokabular des deutschen Expressionismus und auch Antonin Artauds „Theater der Grausamkeit“ kommt einem in den Sinn. Schnell ist klar, dass hier keine Geschichte erzählt wird, Ko Murobushi geht es nicht um die Darstellung des Seins, sondern um das Sein selber. Den Großteil der fünfzig Minuten dauernden Performance bestreitet er dann fast nackt, den Körper und das Gesicht ganz in Silber getaucht. Er reduziert alles auf das Existenzielle, stülpt sein Innerstes nach außen, manchmal in schmerzhaften Aktionen. Er schlägt den Kopf auf den Boden, dass man es krachen hört, oder gegen eine große Blechplatte. Hier kommen Wut und Aggressionen durch, aber wirklich an die Nieren gehen diese unendliche Hilflosigkeit, dieses ständige Zittern, die schmerzhaften Verrenkungen und vergeblichen Versuche, auf die Beine zu kommen. Hier windet sich einer, dessen Schicksal schon besiegelt, dem der Tod gewiss ist, da kann er sich aufbäumen, wie er will.

... vom Zuschauen zum Mitleben


Aber „quick silver“ ist keine Performance, die man sich einfach so anschaut, geschweige denn, die man genießt. Ko Murobushi eröffnet mit seiner kompromisslosen, äußerst expressiven und kraftraubenden Kunst unendliche Denkräume und Assoziationsfelder in den Köpfen der Zuschauer. Bilder der eigenen Ängste und Unzulänglichkeiten, des Getrieben-Seins und Sich-Aufbäumens, des zehrenden Lebenskampfes mit unzweifelhaftem Ausgang flackern auf. Hier wird einem nichts geschenkt – außer einem erhellenden Einblick in die dunkle Seite des Daseins, die faszinierend ist, die man aber dennoch lieber wieder ganz schnell in den hintersten Winkel des Bewusstseins drängt oder besser gleich ins Unbewusste. „Tanz der Finsternis“ lautet die gängige Übersetzung für Butoh – wie wahr! Diese Urgewalt ist das pure Gegenteil von Illusion oder Ästhetik. Naturgeräusche statt Musik, einfachste aber wirkungsvolle Bühnenelemente und Beleuchtung. Hier lenkt nichts ab beim Blick auf Ko Murobushi – und auf sich selbst. Der frenetische Applaus am Ende bewies, dass sich die BesucherInnen der Einzigartigkeit dieses Erlebnisses bewusst waren.

 

Veranstaltungstipp: Heute Samstag, 15.6., 20.30 Uhr, ist diese grandiose Performance von Ko Murobushi nochmals am Spielboden Dornbirn zu sehen. www.spielboden.at