Das Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Leo McFall startete sein Abonnement mit einem aussagekräftigen Konzert. Gefeiert wurden unter anderem der Komponist Herbert Willi und die Klarinettistin Sharon Kam.
Fritz Jurmann · 22. Sep 2013 · Musik

Wortwitz und Liebeleien im Barock – Das Ensemble „L’Estate musicale“ beschwört in der Villa Grünau den musikalischen Sommer

Es dürfte wenige Konzertschauplätze geben im Land, die so wie die inmitten einer großen Parkanlage gelegene Villa Grünau in Kennelbach als ehemaliger Wohnsitz der Fabrikantenfamilie Schindler das Lebensgefühl einer ganzen Epoche atmen. Bereits zum dritten Mal präsentierte sich am Freitag in diesem Rahmen das heimische Barockensemble „L’Estate musicale“ („Der musikalische Sommer“) und holte mit einem vorwiegend heiter-verliebten Programm zusammen mit dem Gast-Cellisten Stefan Susana ein Stück der warmen Jahreszeit zurück.

In deutscher Neorenaissance


Seit vielen Jahren belebt eine mit dem modischen Kürzel „kik“ bezeichnete „Kulturinitiative Kennelbach“ unter Leitung der engagierten Roswitha Frefel dieses Haus, in dem auch das Gemeindeamt untergebracht ist, mit sorgfältig ausgewählten Konzerten. 70 bis 80 Interessenten pro Abend finden dort regelmäßig das Besondere im Kleinen, mehr haben auch gar nicht Platz. Denn der dortige, etwas großspurig „Musiksaal“ genannte Raum in deutscher Neorenaissance ist nicht viel größer als ein geräumiges Wohnzimmer und natürlich, vor allem im voll besetzten Zustand wie am Freitag, auch mit einer solchen Akustik ausgestattet.

Da „singt es sich dann nicht von selber“, wie vor allem Vokalsolisten immer wieder erfahren müssen. Da braucht es langjährige Erfahrung, um mit entsprechend eingesetzter Technik die Stimme zum Klingen zu bringen. Kein Problem für die bekannte, in Bildstein ansässige Sopranistin Birgit Plankel, die solche Hürden auch diesmal brillant meistert, andererseits die trockene Akustik aber auch für ein Höchstmaß an Verständlichkeit, die ungewohnte Nähe zum Publikum gleich zum charmanten Umgang mit den Zuhörern nutzt.

Spielwiese für die Sommermonate


Birgit Plankel bildet zusammen mit der Blockflötistin Dorit Wocher, die vor über 15 Jahren dieses Ensemble eigentlich als Spielwiese in den für Pädagogen freien Sommermonaten ins Leben gerufen hat (deshalb der Name!), und ihrem Mann, dem Cembalisten und Pianisten Michael, seit langem den Grundstock von „L’Estate musicale“. Dazu wurde für dieses neue Programm mit heiterer Barockmusik der auch als Dirigent bekannte Vorarlberger Cellist Stefan Susana eingeladen, der sich als sichere Continuo-Stütze ins wunderbar eingespielte Kollektiv einfügte, auf seinem mit altem Rundbogen gespielten modernen Cello mit jugendlicher Lebendigkeit aber auch eigene Impulse ins Spiel brachte.

Mit diesem Programm zeigt sich das Ensemble seinen vielen Freunden von einer neuen Seite, überrascht mit neuen Spielweisen und Zugangsarten. Die Barockmusik mit virtuosen Koloraturarien, bislang das Kompetenzzentrum dieser Musiker, ist nur noch marginal vertreten. Dafür dominieren diesmal Wortwitz, Heiterkeit und verliebte Tändelei, die man durchaus auch im Barock findet, natürlich auch bei einem kleinen Ausflug in die Wiener Klassik.

Der Satiriker Laurentius von Schnifis


Gleich am Beginn geht es mit dem Vorarlberger Dichter-Komponisten Laurentius von Schnifis zur Sache, der vor über dreihundert Jahren als scharfzüngiger Satiriker den „Politicus“ von damals so charakterisierte:

„Fragst Du, was für ein Wunderthier Politicus doch sey? So will ich es andeuten Dir ohn alle Schmeichlerey: Politicus nichts anders ist, als einer, der voll Trug und List die Menschen hintergeht – auf keiner Red besteht.“

Und so geht das vier Strophen weiter, und jeder der Besucher kann sich gerade eine Woche vor der Nationalratswahl wohl selber seinen Reim auf die Aktualität dieses Textes machen. John Dowlands „Come again“, eines der ältesten und schönsten Liebeslieder der Weltliteratur, leitet einen Vokalblock ein, der mit „Fine knacks for ladies“ auch vor durchaus frivolen Anspielungen nicht zurückschreckt. Vom Deutschen Andreas Hammerschmidt stammt ein „Kusslied“, das etwa zwei Dutzend Arten dieser beliebten zwischenmenschlichen Betätigung aufzählt, von Adam Krieger ein Gesang zum Lobe des rheinischen Weins. Das Continuo und die immer wieder die Melodielinien umspielende Blockflöte geben allem den besonderen Reiz.

Erlebnisse verliebter junger Leute


Auch Mozart war bekanntlich kein Kostverächter, wie er in drei Vertonungen italienischer Texte wie „Due pupille amabile“ („Zwei liebliche Augen“) beweist. Haydn gibt sich zunächst in ernster Selbstbetrachtung über „Das Leben ist ein Traum“ hin, bevor auch er in meisterlichen Miniaturen wie „Die zu späte Ankunft der Mutter“ oder „Ein sehr gewöhnliche Geschichte“ die Erlebnisse verliebter junger Leute punktgenau charakterisiert. Hier assistiert Michael Wocher allein am Klavier. Dies alles wird von Birgit Plankel mit viel komödiantischem Einsatz dargeboten und erreicht die Zuhörer.

Instrumentale Ruheinseln im Programm gestaltet Dorit Wocher virtuos mit ihren Blockflöten in Triosonaten von Loillet und Boismortier, kommt auch den durch die Wärme im Raum sich ergebenden Intonationsproblemen bei und berückt in großer Kompetenz und Geschlossenheit der Darbietung. Bei Boismortier hat auch Youngster Stefan Susana am „Cello obligato“ seine solistische Aufgabe. Schön, dass die Zuhörer zwischendurch in sparsamen Moderationen auch etwas über die Hintergründe der Musik erfahren: Dorit Wocher beleuchtet als studierte Musikwissenschaftlerin das Umfeld der Komponisten, Birgit Plankel erläutert den Inhalt der Lieder.

Die Wut der enttäuschten Geliebten


Schließlich kommt Vielschreiber Antonio Vivaldi zu Wort mit „All ombra di sospetto“, das nun auch noch jenen Bereich bringt, für den „L’Estate musicale“ in den vergangenen Jahren immer wieder gelobt und bewundert worden ist: eine Kantate mit je zwei kurzen Rezitativen und längeren Arien, in denen eine von ihrem Liebhaber getäuschte Frau ihren Emotionen freien Lauf lässt. Vivaldi drückt diese „Wut im Bauch“ durch teils abenteuerliche Koloraturen in der Gesangsstimme aus, denen Birgit Plankel strahlend, mit Bravour und reizvollen Verzierungen Ausdruck verleiht, im aufgeregten Duett mit der Blockflöte und getragen von Cello und Cembalo. Da sind die Musiker nun in ihrem Element und die Zuhörer warmgeklatscht, sodass die zweite Arie mit ihren virtuos-zornigen Staccati gleich ein Da capo erfährt. Und da bewundert man auch wieder die positive Ausstrahlung und den Geist, mit dem hier Barock auf historischen Instrumenten stilsicher lebendig wird.

Nächstes Konzert in der Villa Grünau Kennelbach:
Freitag, 11. Oktober, 20.00 Uhr – „Wirklich Liebe? – Lustiges und Sinnliches zum ewigen Thema“
Judith Bechter, Sopran, Peter Cavall, Tenor, Iván Kárpáti, Klavier