Kris Lemsalu im Magazin 4 im Rahmen des Bregenzer Kultursommers (Foto: Magazin 4)
Fritz Jurmann · 14. Mär 2022 · Musik

Verspätetes Opernglück: Wie Händels „Jephtha“ am Landestheater doch noch zum rauschenden Erfolg wurde

So etwas hat es seit 30 Jahren noch nie gegeben bei den jährlichen Opernproduktionen am Landestheater. Da wurde im Februar 2021 Händels kostbare Opernrarität „Jephtha“ von einem ambitionierten Ensemble bis zur Generalprobenreife vorbereitet und dann quasi für ein gutes Jahr auf Eis gelegt, weil der damals angeordnete Lockdown auch Kulturveranstaltungen untersagte. Vergleicht man freilich die damalige 7-Tage-Inzidenz von rund 200 Fällen mit den Rekordzahlen von 3.660 am Wochenende, hätte man wohl besser daran getan, „Jephtha“ gleich damals der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Denn wenn auch das Omikron-Virus harmloser scheint, ist dennoch die Ansteckungsgefahr heute weit größer. Rund die Hälfte der Besucher trug wohl deshalb auch während der Vorstellung die empfohlene Maske, und bei den letzten Proben musste wegen laufend neuer Fälle immer wieder umdisponiert werden, wie das Intendantin Stephanie Gräve in einer improvisierten Premierenfeier auf offener Bühne eindrücklich schilderte. So wurden bei der Besetzung, beim Bühnenpersonal und auch im Symphonieorchester Vorarlberg Infizierte laufend durch neue Kräfte ersetzt, und wenn diese wieder positiv getestet wurden, kamen die inzwischen Genesenen zurück. Unglaublich und ein kleines Wunder an Teamgeist und Unerschrockenheit, dass diese Premiere am Sonntag auch tatsächlich über die Bühne gehen konnte und vor einem vollen Haus zum rauschenden Erfolg für alle Beteiligten wurde.

Prächtige Barockoper

Letztlich unberührt von solchen Troubles ist diese Produktion absolut sehenswert und hörenswert, eine prächtige Barockoper mit allem, was man sich in diesem Umfeld erwarten darf und weit mehr, als gerade in den vergangenen Jahren oft in dieser Reihe angeboten wurde. Und das nicht nur, weil bei den Mitwirkenden wie beim Publikum von Anfang an eine Art „Jetzt erst recht!“-Gefühl spürbar wird. Es ist vor allem zunächst das spannende alttestamentarische Sujet dieses kaum bekannten geistlichen Oratoriums, das einem unter die Haut geht und in der auf zwei Stunden verkürzten Opernfassung enorme Stringenz und Präsenz erhält.
Es geht um den Kampf der Israeliten gegen die Ammoniter. Zum Dank für göttliche Hilfe verspricht der Feldherr Jephtha, das erste Wesen, das ihm bei der Heimkehr entgegenkommt, zu opfern. Es ist seine eigene Tochter, die diesen Opfertod gerne auf sich nimmt, bis sich durch Händels Librettisten Thomas Morell in barocker Gefühls- und Geisteshaltung alles doch noch zum Guten wendet. Iphis wird durch göttlichen Ratschluss von einem Engel gerettet und verstärkt als Priesterin fortan den Chor der himmlischen Jungfrauen. Jephtha aber thront am Schluss im grellen Scheinwerfer auf jenem Götzenbild, das seine Untertanen am Beginn in blinder Verkennung angebetet haben.

Weiß beflügelter Schutzengel

Dass die himmlische Erscheinung mit riesigen schneeweißen Flügeln wie der Schutzengel aus der Kinderbibel ausgestattet ist (die heimische Sopranistin Veronika Vetter gibt ihr Stimme und Anmut), ist eigentlich die einzige, vielleicht auch den Publikumserwartungen geschuldete geschmackliche Entgleisung in der sonst klug und klar durchgestylten und durchdachten Inszenierung des Bregenz-Debütanten Stefan Otteni, einem bekannten deutschen Regisseur. Ihm war klar, dass man eine so sehr angejahrte und mit dem Mief der Jahrtausende behaftete Geschichte heute nicht unkommentiert darbieten könne, vor allem in der Grundsatzfrage, wie weit Glaube gehen darf, um eine scheinbar ausweglose Situation zu lösen.
Dafür hat Otteni ein Figuren-Paar von zwei jungen Schauspielern erfunden und neu ins Geschehen eingefügt (mit viel Power Maria Lisa Huber und unser Nico Raschner), die sich mit oft knallharten, deutsch gesprochenen Kommentaren in die sich aus diesem Zwist ergebenden Meinungsverschiedenheiten der Akteure und des Chores einmischen, während die Musik durchwegs im englischen Original gesungen wird. Auch psychologisch werden die Figuren der Handlung scharf gezeichnet und vermitteln damit absolute Glaubhaftigkeit. Sondermeldungen von der Front aus einem quäkenden Volksempfänger, blutverschmierte Gesichter und Hände der aus dem Kampf zurückgekehrten Chorsänger rücken das Geschehen in die unmittelbare Gegenwart und lassen den Zuseher doch sehr nachdenklich werden.

Schöpferische und emotionale Kraft von Händels Musik

Dies alles ergibt einen eigenwilligen Kontrast zur Musik des späten, bereits blinden Händel in der ungebrochen schöpferischen und emotionalen Kraft seiner Arien, Ensembles, Chöre und Orchesterteile, die unter den Händen von Heinz Ferlesch, einem Topexperten auf dem Gebiet des Originalklangs und ebenfalls eine Bregenz-Premiere, eine sorgsame und wunderbar stilistische und klangliche Deutung erfahren. Das schlank besetzte und dadurch in der Klangbalance auch nie zu laute Symphonieorchester Vorarlberg klingt hier im Non vibrato auf modernen Instrumenten historisch informiert wie ein „echtes“ Barockorchester, hoch konzentriert und spannend im sanften Alten Sound.
Dazu kommt das große Verständnis des Dirigenten für Stimmen. Er lässt den gerade 22-köpfigen, aber klang- und aussagekräftigen Chor aufblühen, der zwar unter „Bregenzer Festspielchor“ firmiert, in der Hauptsache aber mit tollen jungen Stimmen von Studierenden des Landeskonservatoriums besetzt ist. Benjamin Lack hat sie so perfekt auf ihre Aufgabe gebrieft, dass sie auch während ihrer fordernden Choreografien noch hochklassige gesangliche Leistungen erbringen und im finalen Lobgesang zu ganz großer Form auflaufen, unterstützt durch Pauken und Trompeten.   

Erstklassige Besetzung

Heinz Ferlesch trägt aber auch die Sängerinnen und Sänger des Ensembles wie auf Händen, atmet mit ihnen mit und ermöglicht so auch im vokalen Bereich Außergewöhnliches von erstaunlicher Qualität. Die Besetzung ist erstklassig gewählt, alle sind hörbar dem besonderen Geist der Alten Musik verpflichtet und gehen so darin auf wie der Basler Michael Feyfar in der Titelrolle. Er scheint die altenglische Gesangstradition und ihre leichtgängigen Koloraturen mit der Muttermilch eingesogen zu haben und bringt auch seinen inneren Zwiespalt packend und glaubhaft zum Ausdruck. Als seine Tochter Iphis entwickelt die Österreicherin Elisabeth Wimmer mit jugendlich frischem Sopran eine unglaublich starke stimmliche und schauspielerische Leistung und erhält zurecht auch den größten Applaus. Feine Mezzotöne bringt Annelie Sophie Müller als Jephthas Gattin Storgè ins Geschehen, der im Land bekannte Bass Thomas Stimmel als Bruder Zebul liefert kräftige Akzente, mit der hohen Kunst des Countertenors verkörpert James Hall als Hamor den Geliebten von Iphis, der schließlich auf sie verzichten muss.
Das Fazit ist eindeutig: Ein glänzender Wurf, atemberaubend in seiner zwingenden Konsequenz der Handlung, der Schönheit und Vielschichtigkeit von Händels Musik und einer glänzend aufgestellten Besetzung samt Chor und Orchester, die alle bereit sind, das Letzte zu geben. Man sollte sich das in den nächsten Wochen unbedingt anschauen! 

weitere Vorstellungen:
15./16./23./28./30.3.,1.4., 19.30 Uhr
27.3, 3.4., 16.00 Uhr
Landestheater, Bregenz
www.landestheater.org