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17.02.2011 |  Thorsten Bayer

Säuseln war gestern – Marianne Dissard und Polite Sleeper rocken den Spielboden

Dornbirn hat wohl zu wenige mutige Trompeter. Die Vorband – Polite Sleeper aus New York City – hat interessierte Bläser per Internet dazu aufgerufen, mit ihr gemeinsam aufzutreten. Die Noten stehen zum Download auf ihrer Homepage bereit. Am Spielboden bleiben die drei sympathischen Amerikaner aber unter sich und begeisteren auch als Trio. Dann heißt es "Bühne frei" für Marianne Dissard, die das Publikum mit ihrem Mix aus französischem Chanson und Americana-Rock endgültig mitreißt.

Der Abend steht im Zeichen des Mixes unterschiedlichster musikalischer Stile. Amerika als „melting pot“, als Schmelztiegel, in dem sich verschiedenste Einflüsse verbinden – diese Idee ist ja nicht sonderlich originell und doch gelingt es beiden US-Bands, neue musikalische Perspektiven zu eröffnen. Das fängt schon mit der Vorband an: Kritiker sehen Polite Sleeper aus Brookly in der Tradition des amerikanischen Folk. Aber was heißt das schon? Außer dem Gesang, der an manchen Stellen an Bob Dylan, die zentrale Figur dieser Szene, erinnert, kümmert sich das Trio wenig darum, die Erwartungen an eine „ghörige“, weil herkömmliche Folk-Band zu erfüllen. Und das ist gut so: Die Songs gehen in die Beine. Die verschleppten Gitarrenriffs kennen dennoch nur eine Richtung: vorwärts, und zwar mit Tempo.

Chansons aus der amerikanischen Wüste

Auch die folgende Künstlerin hat nicht viel für Formalitäten und Konventionen übrig. „My name is Marianne Dissard, let's rock“ – mehr Informationen braucht es zum Beginn ihres Sets nicht, als sie in einem roten Tüllkleid, mit Rose im Haar und Tucson-Shirt die Bühne betritt. Französische Texte über l'amour in all ihren Spielarten, Verehrung für Chansonniers wie Jacques Brel, das ist die eines Seite der 41-Jährigen. Und dennoch hat ihre Musik wenig mit dem süßlichen Säuseln und Flüstern vieler ihrer Kolleginnen zu tun. Denn auf der anderen Seite stehen bei Dissard 25 Jahre Aufenthalt im amerikanischen Westen, der sie spürbar geprägt hat. In ihrer Wahlheimat Tucson, Arizona (die sie nach wie vor, ganz französisch, auf der letzten Silbe „Arizon-a“ betont) hat sie mit Joey Burns von Calexico und Howe Gelb (Giant Sand) zusammengearbeitet.

Schubladendenken ist nicht ihr Ding

„Wüstenmusik“ ist dennoch nicht das Etikett, das ihr gerecht würde. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was das sein soll, Wüstenmusik“, hat sie einmal in einem Interview gesagt und die Frage angeschlossen: „Was die Leute wohl sagen, wenn ich auf Englisch singe? Momentan nennen sie mich Chansonsängerin. Aber wenn ich englisch singen würde, wäre ich einfach nur die amerikanische Indie-Sängerin, sowas in der Art. Das ist doch Schubladendenken“. Auf ihrer Homepage löst sie das Problem mit der Einordnung elegant und bezeichnet sich selbst als „Tucson chanteuse“.
Auf der Bühne wirkt sie wie eine Mischung aus Björk und Juliette Lewis und wandelt zwischen zwei Extremen: mal kokett-kindlich wie erstere, dann wieder ekstatische Rampensau wie letztere. Ihre Musiker sind großartig, allen voran Brian Lopez an der Gitarre, der souverän den Takt vorgibt. Sergio Mendoza (Drums/Keyboard) und Gabriel Sullivan am Kontrabass vervollständigen das Ensemble.

Schwere und leichte Kost gleichermaßen

Dissard ist eine politische Künstlerin. Im Vorfeld der US-Präsidentenwahlen 2004 gründete sie eine Frauenband mit dem Namen Tucson Sufragettes. Ziel der Band: Mobilisierung von Wählern, um eine zweite Amtszeit von George W. Bush zu verhindern.
In den Songs ihres neuen Albums „L'Abandon“ behandelt sie auch das schwierige Verhältnis der Vereinigten Staaten zu Mexiko. Die Grenze ist nur eine Autostunde von ihrer Wahlheimat entfernt. Doch nach dem spanischen „Almas Perversas“ ("Perverse Seelen") folgen wieder leichtere Stücke, die sich um dicke Katzen, Konfetti oder Seifenblasen drehen. Auch wenn das Hauptmotiv des Albums, die Trennung von ihrem Ex-Mann Naim Amor, ein trauriges ist, gelingt es ihr, positive Stimmung zu verbreiten. „Der Titel des Albums hat zwei Bedeutungen: zum einen die negative (verlassen zu werden, versagt zu haben), zum anderen eine positive: die eines Zustands der Befreiung und des Hinter-sich-Lassens mit allen sexuellen und spirituellen Untertönen“, hat sie selbst formuliert.

Der Funke springt über

Auch wenn der Wortlaut ihrer Texte mangels Französisch-Kenntnisse den meisten Zuhörern im Dunkeln bleiben dürfte – nicht nur an diesem Abend, wie sie bekennt –, so kommen ihre Botschaften dennoch an. Nicht zuletzt dank einer ausladenden Gestik und Mimik, die sie bewusst zum besseren Verständnis einsetzt. Das funktioniert mit zunehmender Spieldauer immer besser: Sie wird immer lockerer, immer nahbarer und springt gegen Ende sogar von der Bühne herunter, um ausgelassen mit dem Publikum zu tanzen. Da gibt es nichts mehr zu deuteln, weder sprachlich noch musikalisch.

„My name is Marianne Dissard, let's rock“

„My name is Marianne Dissard, let's rock“

Dissard wandelt zwischen zwei Extremen: mal kokett-kindlich, dann wieder ekstatische Rampensau. (Fotos: Scott Christensen)

Dissard wandelt zwischen zwei Extremen: mal kokett-kindlich, dann wieder ekstatische Rampensau. (Fotos: Scott Christensen)

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  • „My name is Marianne Dissard, let's rock“ „My name is Marianne Dissard, let's rock“
  • Dissard wandelt zwischen zwei Extremen: mal kokett-kindlich, dann wieder ekstatische Rampensau. (Fotos: Scott Christensen) Dissard wandelt zwischen zwei Extremen: mal kokett-kindlich, dann wieder ekstatische Rampensau. (Fotos: Scott Christensen)