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28.09.2015 |  Willibald Feinig

Neues Lied von Schwester Sonne - Ein Franz-von-Assisi-Experiment mit Musiker und Schauspieler in St. Gerold und in St. Gallen

Sieben Jahrhunderte vor der Relativitätstheorie und den Entdeckungen der Makro- und Mikrophysik, die unsere Augen für die Dimensionen des Alls und der Materie öffnen und den Sinn von Worten wie „Ewigkeit“ neu erahnen lassen, knapp vor dem Tod, 1226, verfasste Francesco, der Sohn des geschäftstüchtigen Textilkaufmanns Pietro Bernardone von Assisi, einen Cantico; darin spricht in unerhörter Weise der Mensch für das Universum, als Teil, als Bruder von Materie und Natur. Um dieses alles andere als niedliche Gedicht und Gebet neu zu Gehör zu bringen, veranstaltet die Propstei St. Gerold am Sonntag, 4. Oktober - Festtag des Heiligen und UNO-Tag der Umwelt - einen Abend mit dem Musiker Nikolaus Feinig (Kontrabass, Wien), und dem Schauspieler Tobias Fend (Hittisau - Stadttheater St. Gallen), die in bewährtem Zusammenspiel mit ihren Mitteln dem Cantico di frate Sole, dem heiligen Autor und seiner Zeit, Verbindungen zur Literatur und Musik und zur Welt des 21. Jahrhunderts nachspüren. Im Rahmen des Spielefestes, das in der Propstei am selben Tag stattfindet, wird der Sonnengesang von einer Gruppe von St. Gerolder Volksschulkindern in Bilder umgesetzt.

Das Lied des Gemeinschafts- und Friedensstifters und Mystikers, der vereinfachend sogenannte Sonnengesang, hat auch eine „höfische“ Seite, die Julien Green in seiner Biographie (Frère François) hervorkehrt. Wie Clara, die junge Adelige aus Assisi, oder (weit im Norden auf der Wartburg) Gräfin Elisabeth war Francesco schon als Jugendlicher, Bonvivant und Charmeur, von einem Ideal der Ritterlichkeit erfüllt, ohne das man den immer kranken und immer fröhlichen, bereits von Dante im  Paradiso gepriesenen Franko-Italiener mit der schönen Stimme nicht verstehen kann. Entsprechend heißt es in der Neuübersetzung des Gedichts, die dem Abend zugrunde liegt, etwa vom Zentralgestirn unseres Planetensystems:

Gelobt seist Du, mein Herr, mit all Deinen Geschöpfen, besonders mit Frau Schwester Sonne.
Sie ist der Tag und durch sie leuchtest Du uns. Und sie ist schön und strahlend mit großem Glanz. Dein Banner, Höchster, trägt sie.

Am eigenen Leib erlebte Ethik


Wohl auch durch seine Hinfälligkeit und zusätzlich durch Fasten für die Natur besonders aufgeschlossen, hatte Francesco in großer Geste in aller Öffentlichkeit seinem Erbe entsagt, ja, allem Besitz – Jahrhunderte vor Marx, das Evangelium wörtlich nehmend. Der 24-Jährige warf alles, was er besaß, auch die Kleider, seinem Vater vor die Füße und sich nackt wie ein Neugeborener dem Vater im Himmel in die Arme. In Gestalt des Ortsbischofs, denn im Unterschied zu anderen Armen und Revolutionären seiner Zeit hielt dieser pazzo, dieser „Verrückte“, sich im Urteilen zurück und übte Armut und  zugleich Gehorsam in kirchlich anerkannter Gemeinschaft, aktiv und passiv. Einem Schüler Jesu gehört nichts und doch Himmel und Erde: Diese unerwartete, am eigenen Leib erlebte Ethik – Franz verbot sich und den Brüdern und Schwestern, die sich ihm und Schwester Clara anschlossen, strikt die Annahme von Geld - hat die mittelalterliche Kirche (die es ihm schwer genug machen sollte und seine Gemeinschaft in das Korsett eines Ordens gezwängt hat) zur Solidarität mit zahllosen Obdachlosen, Hungernden und Kranken befähigt, erneuert, ja, vor dem Ruin bewahrt.

Gesang von Himmel, Erde und Elementen


Simone Weil, Jüdin, Konvertitin, Denkerin, Prophetin unserer Zeit, 1942: „Das kosmische Element ist so sehr aus dem üblicherweise praktizierten Christentum verschwunden, dass man vergessen könnte, dass das Universum von Gott stammt“ – dem höchsten, allmächtigen, guten Herrn, singt Francesco, mit dem Islam dank seiner Begegnung mit Sultan Malik al-Kamil mitten im Elend der Kreuzzüge vertraut: Kein Mensch ist würdig, Dich beim Namen zu nennen. Schon todkrank ergänzt er angesichts des in seiner Heimatstadt bevorstehenden Bürgerkriegs den Gesang von Himmel, Erde und Elementen; der Liebhaber der Dame Armut fügt das Lob der Friedfertigen an, die Leid und Not ertragen dem Schöpfer zuliebe, und das Lob von Bruder Tod. Für ihn ist er Teil der Schöpfung, nicht Endpunkt. Vorgetragen von zwei Brüdern in brauner Kutte vor den Anführern der Parteien, hat der erweiterte Sonnengesang ähnlich gewirkt wie bei ähnlicher Gelegenheit die Botschaft von Bruder Klaus in Stans.

Mit dem Text im umbrischen Dialekt, bald 800 Jahre alt, beginnt die italienische Literatur. Papst Francesco hat das Lied jüngst zu einem eindringlichen, umfangreichen und wohlbegründeten Schreiben an die Welt inspiriert - im Angesicht der Katastrophe, auf die wir mit unserer verblendeten globalisierten Wirtschaft zusteuern.

Christus kommt im Cantico nicht ausdrücklich vor; Franz benützt Jesus nicht, um sich hinter ihm zu verstecken. Er lebt das Evangelium in seiner Zeit. Mit seiner Reverenz vor Erde und Weltall ohne Anspruch auf Vollständigkeit, und in seinem Glauben an den Menschen und die Fähigkeit zur Umkehr predigt er zugleich unbedingte Liebe und die Nähe zu denen, die nichts haben, mit neuen, noch nie gehörten Worten. Sein Ton klingt immer wieder in Dichtung und Musik an; Ingeborg Bachmann und Paul Celan zum Beispiel setzen sich direkt und indirekt mit dem Franz von Assisi des Sonnengesangs auseinander, der zum Franziskusfest am 4. Oktober in St. Gerold und zuvor in St. Gallen-Rotmonten neu erklingen wird.

 

Neuer Sonnengesang
Franz von Assisis Cantico di frate Sole

in neuer Übersetzung von Willibald Feinig
mit Musik und Texten von Ingeborg Bachmann, Paul Celan u.a.
aufgeführt von Nikolaus Feinig (Kontrabass, Wien) und Tobias Fend (Stadttheater St. Gallen)

Fr, 2.10., 19 Uhr
St. Gallen, Kirche Peter und Paul – Rotmonten (Waldgutstraße)

unter Einbeziehung des Sonnengesangs (6 Tafeln), gemalt von Kindern im Rahmen des Spielefestes am gleichen Tag
So, 4.10., 17.30 Uhr
Propstei St. Gerold

Franz von Assisi warf alles, was er besaß, auch die Kleider, seinem Vater vor die Füße und sich nackt wie ein Neugeborener dem Vater im Himmel in die Arme

Franz von Assisi warf alles, was er besaß, auch die Kleider, seinem Vater vor die Füße und sich nackt wie ein Neugeborener dem Vater im Himmel in die Arme

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