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17.06.2020 |  Fritz Jurmann

Neubeginn und Vollendung: Nach Corona-Stillstand tritt beim SOV der neue Chefdirigent McFall an, Petrenko finalisiert seinen Mahler-Zyklus

Monatelang war es im Land durch die Corona-Krise ungewollt still gewesen um das Symphonieorchester Vorarlberg, dieser längst zum unverzichtbaren Schlachtschiff im Kulturleben des Landes gewordenen Einrichtung. Doch umso intensiver wurde in dieser Zeit im Hintergrund gewerkt. Unter Präsident Manfred Schnetzer war die Organisation mit Geschäftsführer Sebastian Hazod und seinem Team eifrig um die Bewältigung der durch den Entfall der letzten beiden Abo-Konzerte aufgetretenen Probleme bemüht und hat zeitgleich ein sehr ambitioniertes und mutiges Programm für die kommende Saison 2020/21 auf die Beine gestellt, das mit vielen Überraschungen und Highlights auftrumpft. Die Presse-Präsentation erfolgte am Mittwochvormittag im Hotel Schwärzler in Bregenz.

Die Eckpunkte zwischen Neubeginn und Vollendung lassen aufhorchen: Drei der sechs Abo-Konzerte, die an den beiden Schauplätzen im Festspielhaus Bregenz und im Montforthaus Feldkirch das gewohnte Grundgerüst für das SOV bilden, werden vom neuen britischen Chefdirigenten Leo McFall geleitet, der nach interimistischen Auftritten mit dieser Saison offiziell sein Amt antritt. Stardirigent Kirill Petrenko, mittlerweile Chef der Berliner Philharmoniker, kehrt im Oktober zum Abschluss seines vor zwölf Jahren in Bregenz begonnenen Mahler-Zyklus mit der Symphonie Nr. 9 zum SOV zurück, ebenso wie der inzwischen zum Ehrendirigenten ernannte ehemalige Chef Gérard Korsten. Quasi als ungeplante Zugabe wird das entfallene 6. Abo-Konzert der vergangenen Saison im Mai 2021 nachgeholt. Eine der Pandemie geschuldete Besonderheit wird es sein, dass die ersten beiden Konzerte aufgrund der dann noch geltenden Abstandsregeln an beiden Konzertorten mit halbem Publikum jeweils zweimal gespielt werden.

Publikum zeigt sich in der Krise solidarisch

„Wir verdanken es der Treue und Großzügigkeit unseres Publikums, dass das überhaupt möglich ist“, betonte Präsident Manfred Schnetzer. Nur ein kleiner Teil der Abonnenten ließ sich nach der Absage den Kartenpreis zurückerstatten. „Das hat uns einerseits ermöglicht, den Musikerinnen und Musikern wenigstens ein Abschlagshonorar zu bezahlen. Andererseits hat es uns ein Polster verschafft, um den Mehraufwand für die doppelten Aufführungen im Herbst zu stemmen.“
Dazu beigetragen hat auch der Publikumserfolg mit einer hohen Auslastung der Konzerte in der vergangenen Saison. 27.500 Besucher sahen 2019/20 die 13 Produktionen, die Zahl der Abonnenten stieg erstmals in der Geschichte des SOV auf über zweitausend, die Auslastung der Abo-Konzerte von 94,5 auf 95,3 Prozent. Dennoch herrscht ein enormer wirtschaftlicher Druck auf dem Orchester. Der Anteil der Eigenfinanzierung liegt bei fast 63 Prozent, gegenüber von oft nur 20 bis 25 Prozent bei anderen Orchestern. Mehr als eine Million Euro pro Jahr erwirtschaftet das Orchester selbst. Die Subventionen von Bund und Land liegen im Vergleich bei nur 594.000 Euro.

Bewährtes und Neues im Programm

Für den kommenden Abo-Zyklus haben der neue Chefdirigent Leo McFall und Geschäftsführer Sebastian Hazod große Werke der Orchesterliteratur samt einigen handfesten Ohrwürmern wie Mozarts g-Moll-Symphonie oder Samuel Barbers Adagio for Strings mit wenig gespielten Neuentdeckungen und Musik des 20. Jahrhunderts kombiniert. So wird etwa auch Mozarts bekanntes Klavierkonzert Nr. 24 mit einem 2004 entstandenen Werk von Thomas Adès kontrastiert.
Ein besonders anspruchsvolles Highlight ist mit der konzertanten Aufführung von Béla Bartóks 1911 entstandener Oper „Herzog Blaubarts Burg“ zu erwarten, mit dem von den Festspielen als „Don Quichotte“ bekannten ungarischen Bariton Gábor Bretz und der gefragten irischen Mezzosopranistin Paula Murrihy. In einem Statement zeigte sich McFall, der aufgrund der herrschenden Reisebeschränkungen in Großbritannien nicht persönlich an der Pressekonferenz teilnehmen konnte, „extrem glücklich, dass es uns gelungen ist, ein so reiches und inspirierendes Programm zusammenzustellen.“

Beginn eines Bruckner-Zyklus

Die Aufführung von Anton Bruckners 6. Symphonie unter McFall im letzten Abo-Konzert im Mai soll der Beginn eines neuen Zyklus sein, bei dem in den nächsten Jahren sämtliche großen symphonischen Werke des oberösterreichischen Komponisten durch das SOV und seinen neuen Chef präsentiert werden. Kurz danach erklingt dann im nachgeholten letzten Abo-Konzert der vergangenen Saison unter Nicholas Milton bereits Bruckners Symphonie Nr. 3. „Das zufällige Aufeinandertreffen dieser beiden Werke ergibt eine ganz eigene Spannung“, ist Geschäftsführer Sebastian Hazod überzeugt.
Erneut auf das Gebiet der Barockmusik wagt man sich nach Glucks „Orpheus und Eurydike“ 2017 diesmal mit der jährlichen Opernproduktion, die im Februar gemeinsam mit dem Vorarlberger Landestheater realisiert wird. Gegeben wird das späte szenische Oratorium „Jephtha“ von Georg Friedrich Händel in der Regie von Stefan Otteni mit Heinz Ferlesch am Pult, die beide in Bregenz debütieren werden. Die ungeheure emotionale Ausdruckskraft der Musik Händels und die philosophische Tiefe der alttestamentarischen Geschichte machen „Jephtha“ so bewegend, kraftvoll und intensiv und waren für die Wahl ausschlaggebend. Wie schon im Vorjahr begleitet der Künstler Harald Gfader auch heuer das Programmbuch und die Abendprogramme des SOV mit seinen geschmackvollen und farbfrohen Illustrationen.

Silvester mit Kian Soltani

Außerhalb des Abo-Programms widmet man sich wie gewohnt beim Festival „Texte & Töne“ am 7. November im ORF Vorarlberg auch der aktuellsten Musik aus Österreich, diesmal u. a. mit einem Werk des im Waldviertel lebenden Vorarlberger Komponisten Johannes Wohlgenannt-Zincke. Erstmals wird es heuer im Montforthaus Feldkirch gemeinsam mit dem international gefragten heimischen Cellisten Kian Soltan ein Silvesterkonzert geben, das an Neujahr zweimal im Festspielhaus Salzburg wiederholt wird, u. a. mit Haydns Cellokonzert Nr. 1 und Beethovens „Pastorale“. Der aktuell nächste Auftritt des Symphonieorchesters Vorarlberg wird im Rahmen der Festtage der Bregenzer Festspiele ein Konzert am 16. August unter der Leitung von Enrique Mazzola mit der „Gilda“ aus „Rigoletto“ am See sein, der Französin Mèlissa Petit, die im entfallenen 5. Abo-Konzert der vergangenen Saison vorgesehen gewesen wäre. Weiters wird das SOV in diesen Festtagen bei der zeitgemäß gedeuteten Opera buffa „Impresario Dotcom“ nach Carlo Goldoni von L’ubica Čekovská mitwirken.

Optimismus für die Zukunft

Bei einem Blick in die aktuelle Zukunft tut sich für die Verantwortlichen die Frage auf, wie sich die noch nicht überstandene Corona-Krise auf das Buchungsverhalten des Publikums auswirken wird. Einerseits wird das SOV, wie sich aktuell gezeigt hat, getragen von einer Sympathiewelle seiner Besucher, andererseits befürchten manche vielleicht weitere Konzertabsagen im Abo-Zyklus oder die Ansteckungsgefahr beim Besuch der Veranstaltungen. Sebastian Hazod ist realistisch: „Wir rechnen in dieser Situation in der kommenden Saison sicher mit Mindereinnahmen, neue Rekorde an Verkaufszahlen wird es nicht geben. Wie hoch diese sein werden, ist schwer zu sagen und für uns ein Schritt ins Ungewisse. Man kann aber deshalb nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern muss eben trotzdem mit einem inhaltlich und wirtschaftlich gut ausgewogenen Programm optimistisch in die Zukunft blicken.“

Symphonieorchester Vorarlberg Abo-Saison 2020 | 21
Konzert 1
25. | 26. | 27. September 2020
Kolja Blacher
Barber · Haydn · Bernstein

Konzert 2
16. | 17. | 18. Oktober 2020
Kirill Petrenko
Mahler

Konzert 3
28. | 29. November 2020
Leo McFall · Christopher Park
Prokofjew · Mozart · Adès · Schubert

Konzert 4
16. | 17. Jänner 2021
Leo McFall · Paula Murrihy · Gábor Bretz
Suk · Bartók

Oper im Landestheater
Februar 2021
Heinz Ferlesch · Stefan Otteni
Händel · Jephtha

Konzert 5
10. | 11. April 2021
Gérard Korsten · Pieter Schoeman · Xandi van Dijk
Beethoven · Britten · Mozart

Konzert 6
8. | 9. Mai 2021
Leo McFall · Maxim Rysanov
Walton · Bruckner

Konzert 6 der Saison 19 | 20
15. | 16. Mai 2021
Nicholas Milton
Zimmermann · Bruckner     

Präsident Manfred Schnetzer (li) und der neue Geschäftsführer Sebastian Hazod steuern das Projekt SOV gekonnt auch durch unsichere Corona-Zeiten. (Foto SOV/Stephan Militz)

Präsident Manfred Schnetzer (li) und der neue Geschäftsführer Sebastian Hazod steuern das Projekt SOV gekonnt auch durch unsichere Corona-Zeiten. (Foto SOV/Stephan Militz)

Der Brite Leo McFall tritt mit der kommenden Saison offiziell sein Amt als Chefdirigent des SOV an und wird drei Konzerte leiten. (Foto Roland Knapp)

Der Brite Leo McFall tritt mit der kommenden Saison offiziell sein Amt als Chefdirigent des SOV an und wird drei Konzerte leiten. (Foto Roland Knapp)

Kirill Petrenko wird im Oktober 2020 mit der Symphonie Nr. 9 seinen vor zwölf Jahren begonnenen Mahler-Zyklus mit dem SOV beenden. (Foto Wilfried Hösl)

Kirill Petrenko wird im Oktober 2020 mit der Symphonie Nr. 9 seinen vor zwölf Jahren begonnenen Mahler-Zyklus mit dem SOV beenden. (Foto Wilfried Hösl)

Der ungarische Bariton Gábor Bretz, als „Don Quichotte“ bei den Festspielen aktuell in bester Erinnerung, wird die Titelpartie in Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ singen. (Foto Laszlo Emmer)

Der ungarische Bariton Gábor Bretz, als „Don Quichotte“ bei den Festspielen aktuell in bester Erinnerung, wird die Titelpartie in Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ singen. (Foto Laszlo Emmer)

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  • Präsident Manfred Schnetzer (li) und der neue Geschäftsführer Sebastian Hazod steuern das Projekt SOV gekonnt auch durch unsichere Corona-Zeiten. (Foto SOV/Stephan Militz) Präsident Manfred Schnetzer (li) und der neue Geschäftsführer Sebastian Hazod steuern das Projekt SOV gekonnt auch durch unsichere Corona-Zeiten. (Foto SOV/Stephan Militz)
  • Der Brite Leo McFall tritt mit der kommenden Saison offiziell sein Amt als Chefdirigent des SOV an und wird drei Konzerte leiten. (Foto Roland Knapp) Der Brite Leo McFall tritt mit der kommenden Saison offiziell sein Amt als Chefdirigent des SOV an und wird drei Konzerte leiten. (Foto Roland Knapp)
  • Kirill Petrenko wird im Oktober 2020 mit der Symphonie Nr. 9 seinen vor zwölf Jahren begonnenen Mahler-Zyklus mit dem SOV beenden. (Foto Wilfried Hösl) Kirill Petrenko wird im Oktober 2020 mit der Symphonie Nr. 9 seinen vor zwölf Jahren begonnenen Mahler-Zyklus mit dem SOV beenden. (Foto Wilfried Hösl)
  • Der ungarische Bariton Gábor Bretz, als „Don Quichotte“ bei den Festspielen aktuell in bester Erinnerung, wird die Titelpartie in Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ singen. (Foto Laszlo Emmer) Der ungarische Bariton Gábor Bretz, als „Don Quichotte“ bei den Festspielen aktuell in bester Erinnerung, wird die Titelpartie in Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ singen. (Foto Laszlo Emmer)