Das Klangkollektiv Wien unter der Leitung von Rémy Ballot gastierte erstmals im Dornbirner Kulturhaus.
Silvia Thurner · 11. Mär 2012 · Musik

Musikantisch und waghalsig – das Symphonieorchester Vorarlberg auf außergewöhnlichen Wegen, Georg Breinschmid macht’s möglich

Die vielen Facetten des Kontrabassisten Georg Breinschmid waren schon öfters in Vorarlberg zu erleben. Doch nun setzte der unkonventionelle Musiker noch eins drauf und arbeitete mit dem Symphonieorchester Vorarlberg (SOV) zusammen. Unter dem Motto „Brein’s Café“ spielten die Brüder Roman und Frantisek Jánoska, Georg Breinschmid und das SOV auf und begeisterten das Publikum im Bregenzer Festspielhaus mit ihrer humorvollen und musikalisch aufreizenden Spielart. Guido Mancusi am Dirigentenpult leistete ganze Arbeit, denn ihm wurde einiges abverlangt.

Michael Löbl, der Geschäftsführer des Symphonieorchesters Vorarlberg, setzte schon öfters auf unkonventionelle Kooperationen mit Kammermusikensembles, die zwischen den Stilrichtungen wandeln. Meist waren dies unterhaltsame „Crossover-Konzerte", die musikalisch oberflächlich und mitunter sogar geschmäcklerisch wirkten. Dementsprechend kritisch bin ich dem Programmkonzept von „Brein’s Café“ gegenübergestanden. Mit dem Vorwissen über Breinschmids Qualitäten war ich gespannt, welchen Zugang der Kontrabassist und seine Freunde zu einem traditionellen Symphonieorchester wählen und in welcher Form dieser umgesetzt wird.

Die Kunst des Orchesterarrangements

„Brein’s Café" im Zusammenwirken mit dem SOV überzeugte mich vor allem deshalb, weil der Kontrabassist wusste, dass er sich jemanden zu Hilfe holen muss, der die Fähigkeit hat, anspruchsvolle Arrangements für einen großen Orchesterapparat zu schreiben. Michael Radanovics bearbeitete und setzte die Ideen des Georg Breinschmid sehr kreativ um. Er schrieb Musiknummern, die gespickt waren mit Querverweisen, Überhöhungen, schrillen und klangfarblich schön abgerundeten Passagen. Auf diese Weise kamen der musikalische Humor und Spielwitz sowie die dadaistischen Züge der Musik voll und ganz zur Geltung.

Gleichberechtigte Partner

Ironisch und feinsinnig nahm Georg Breinschmid den traditionellen Konzertbetrieb aufs Korn. Diese Ironie spiegelte sich auch in der Musik wider, beispielsweise in der „Musette pour Elisabeth“, in der die Themencharaktere originell verdreht wurden. In „Brein’s Knights“ gaben das Trio Breinschmid, Roman Jánoska (Vioine) und Frantisek Jánoska (Klavier) ein wahnwitziges Tempo vor, das mit zahlreichen Akzentuierungen im Orchester gesteigert und weitergetragen wurde.
Spätestens von diesem Moment an war der Bann gebrochen und das Orchester wurde zu einem selbstbewussten Partner in „Brein’s Café“. Die Nummer „Balkandrom“ bildete den Höhepunkt des Abends. Georg Breinschmid erinnerte in seiner Musik mit vielen Allusionen an unterschiedliche traditionelle Musikstile. Eine besondere Vorliebe hat er für bekannte Themenfloskeln aus dem klassischen Repertoire, die er an prägnanten Stellen originell in die Musik einstreut. Unter anderem hielt er damit die ZuhörerInnen bei Laune und bot Unterhaltung auf höchstem Niveau. Raffiniert waren die einzelnen Stimmgruppen des Orchesters gesetzt, die Blechbläser etwa in Form einer Bigband und die Rhythmusgruppe als gleichwertiger Partner des Trios Janóska und Breinschmid.

Brüder im Geiste

Die Brüder Roman und Frantisek Jánoska ergänzten Georg Breinschmid mit ihrer souveränen Spielart und ihrem Auftreten souverän. Am Dirigentenpult zog Guido Mancusi die Fäden, die schwierigen Einsätze des Orchesters setzte er sehr genau. Sympathisch und mit viel Sinn für Humor setzte er sich in Szene und wandte sich sogar mit einer Gesangseinlage an das Publikum.

Gemüt und Intellekt

Wie in anderen Programmen auch machte sich Georg Breinschmid über zeitgenössische Musikstile lustig, die sich von der traditionellen Harmonik und Spieltechnik losgesagt haben. Im „Komischen Wienerlied“ thematisierte er unter anderem die Sehnsucht nach der Harmonie und stellte die pseudointellektuelle Rezeption zeitgenössischer Musik an den Pranger. Leider bediente er damit auch Klischees und Vorurteile, zumal er mit lediglich oberflächlichen musikalischen Anmerkungen vorlieb nahm. Trotzdem regte die Darbietung zum Lachen an. Und wennschon – dennschon hätte der gut gesetzte Clou mit Cages’ 4’33“ Stille noch länger dauern sollen. Dies sei jedoch nur nebenbei bemerkt.
Georg Breinschmid kann sich auf der Bühne (fast) alles erlauben, weil er so gut über sich selbst lachen kann. Darüber hinaus ist er ein souveräner Musiker, der sich keinen Deut um Konventionen schert und kabarettistische und dadaistische Züge in seiner Musik geist- und kontrastreich zueinander in Beziehung stellt.

Gute Werkzusammenstellung

Im ersten Programmteil wurde quasi als Einstimmung auf „Brein’s Café“ die Jazz-Suite Nr. 2 von Dmitri Schostakowitsch interpretiert. Lustvoll und in einem gut aufeinander abgestimmten Verhältnis zwischen den Stimmgruppen spielte das SOV mit einer „fetzigen“ Musizierhaltung, mitreißend hintergründig.