Mit der Stimme in unbegrenzte Klangräume eintreten – Youn Sun Nah und der Gitarrist Ulf Wakenkius wurden im Spielboden Dornbirn bejubelt
Das Publikum im voll besetzten Dornbirner Spielboden tobte vor Begeisterung, als sich die Sängerin und Vokalistin Youn Sun Nah und ihr Partner an der Gitarre Ulf Wakenkius nach einem ereignisreichen Konzert der Reihe „Jazz&“ verabschiedeten. In ihrer Performance zog die vielseitige Sängerin alle Register ihrer einfallsreichen Kunst. Sie sang Standards von Nat King Cole ebenso überzeugend wie jene von Egberto Gismonti und Metallica. Am aufregendsten wirkten jedoch die Eigenkompositionen von Youn Sun Nah und Ulf Wakenkius. Der Gitarrist war der Sängerin ein ebenbürtiger Instrumentalpartner, er formte die Musik kreativ und sehr farbenreich.
Youn Sun Nah ist eine vielseitige Sängerin, die jedem einzelnen Song eine ganz individuelle Note verleiht. Dies kam gleich zu Beginn in ihrer Eigenkomposition „Voyage“ zum Tragen. Vor allem diesen Song modellierte sie mit vielen Atemgeräuschen, reduzierte ihre Stimme teilweise auf einen Summton und verlieh damit jedem Wort ein eigenes Timbre. Den Rahmen steckte die attraktive Künstlerin mit Nat King Coles „Calypso Blues“ ab, den sie sehr präzise, mit fein abgestimmten Akzenten und einem beeindruckenden Stimmvolumen in den tiefen Lagen ausdeutete. Vor allem der mühelose Wechsel der Stimmregister verlieh dem Lied eine besondere Note.
Eindringliche Körpersprache
Die außergewöhnliche Bühnenpräsenz der aus Südkorea stammenden Sängerin, die seit ihrem Studium in Paris lebt, ließ den Funken zum Publikum sofort überspringen. Youn Sun Nah wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt erhielt sie den renommierten „Echo Jazz Award 2011“. Es war ein besonderes Erlebnis, Youn Sun Nahs Gesang in Verbindung mit ihrer ausgeprägten Körpersprache zu hören, weil sie die Musik auf mehreren Ebenen deutete. Vor allem in jenen Passagen, in denen die Stimme instrumental eingesetzt erklang, vorwiegend in virtuosen, parallel geführten Passagen mit dem Gitarristen, wurde ihre wandlungsfähige Vokalkunst eindringlich erfahrbar. In Erinnerung blieb unter anderem die Interpretation von Egberto Gismontis „Frevo“. Das Stück deuteten Youn Sun Nah und Ulf Wakenkius in einer bewundernswert aufeinander abgestimmten Kommunikation. Aus dem Anfangsthema entwickelten sie Soli, die in einem energiegeladenen Finale mit einem scheinbar endlosen Atem kulminierte.
Facettenreiche Vokalkunst
Eine weitere Facette ihres breitgefächerten Könnens kristallisierte das Duo mit „Enter Sandman“ von Metallica heraus. Kehlkopfgeräusche und aufgeraute Klänge, voluminös aus der Atmung heraus entwickelt und mit abrupten Wendepunkten versehen, zogen die Aufmerksamkeit auf sich. Ein französisches Chanson gestaltete die Sängerin ebenso authentisch wie den Randy-Newman-Song „Same Girl“, der mit Music Box begleitet wurde.
Arabisches Frühstück als Höhepunkt
Mit jeder einzelnen Nummer beleuchteten die Musiker eine andere Facette, den Höhepunkt setzten sie mit dem Werk „Breakfast in Bagdad“ von Ulf Wakenkius. Tonwiederholungen fungierten als Grundlage für einen Groove, den der Gitarrist wirkungsvoll steigerte. Youn Sun Nah nahm den melodischen Hauptgedanken auf und entwickelte ihn weiter. Allmählich nahm der Gitarrensound den Charakter einer Ud an und die Singstimme mündete in intensiv ausgestalteten Melismen mit arabischem Touch. Dabei wirkte die Musik in keiner Weise illustrativ, sondern ganz aus musikalischen Keimzellen heraus entwickelt.