Prinz Grizzley erzählte musikalisch eindrucksvoll die Geschichte seiner Großeltern. (Foto: Daniel Furxer)
Peter Bader · 02. Dez 2012 · Musik

Jazz-Pianomania im Spielboden

Der Vorarlberger Jazz-Pianist David Helbock brachte bei der Präsentation seiner aktuellen Solo-Piano-CD „Purple“ am Freitagabend das Publikum im sehr gut besuchten Spielboden zum Toben.

Es ist kein Geheimnis, dass Peter Füßl ein Händchen dafür hat, welche Künstler er im Rahmen der Jazz&-Reihe in den Dornbirner Spielboden einlädt. Der vielfach ausgezeichnete 28-jährige Vorarlberger Jazz-Pianist David Helbock erwies sich als weiterer Glücksgriff in der Programmgestaltung der Reihe. Helbock schaffte es am Freitagabend im sehr gut besuchten großen Saal des Spielbodens mit seinen durchdachten, fantasievollen, stimmigen und zum Teil atemberaubend virtuosen Jazz-Arrangements von Prince-Klassikern in einem ca. 90-minütigen Set mühelos, einen mitreißenden musikalischen Spannungsbogen zu erzeugen. Ein Bogen, der sich über die Zwischenstationen von fünf Variationen des Songs „Diamonds and Pearls“ spannte. Jenem Song also, der auch für die aktuelle CD „Purple“ die thematische Klammer für die anderen neun brillanten Bearbeitungen von Prince-Hits bildet. Wenn man weiß, dass für Helbock das „Inside Piano“-Spiel, also das Spiel auf den Saiten des Flügels mit verschiedenen Obertönen usw., ein wichtiger Aspekt seiner Klavierkunst ist, bemerkt man umso mehr, wie reflektierend Helbock an sein Thema heranging: Da sich bei der „Inside Piano“-Technik durchaus „perlige“ Sounds ergeben, war die intellektuelle Verquickung des Song-Titels mit jener modernen klavieristischen Technik für den jungen, zeitgemäß denkenden Pianisten beinahe zwingend.

„Action-Piano“

Durch die lebendige Einbeziehung des Flügel-Inneren - dies oft stehend -, etwa das Dämpfen der Saiten mit der einen und das Spielen der Tastatur mit der anderen Hand, ergab sich für den Zuseher ein Bild, das die Assoziation „Action-Piano“ nahelegte. Diese Bemerkung darf allerdings nicht als die Unterstellung eines vom Künstler intendierten billigen Show-Effekts verstanden werden, sondern als Beschreibungsversuch eines absolut seriösen Unterfangens. „Action“ ergab sich allerdings auch durch die stupende Virtuosität des jungen Pianisten an seinem Instrument. Und: Virtuosität muss man sehen, alles andere wäre wie „Formel 1 im Radio zu hören“, wie der Star-Geiger David Garrett in einem Interview bemerkte. Nun, im Spielboden durfte man an diesem Freitagabend einen Meisterpianisten live bei der konzentrierten Arbeit beobachten. Hier traf wirklich zu, was Peter Füßl in seinen einleitenden Worten formuliert hatte: „Tastenzauberer trifft Pop-Genie.“ Die Leidenschaftlichkeit seines perfekten, fehlerlosen Klavierspiels spiegelte sich dabei durchaus auch in seinem Mienenspiel und seiner Körpersprache wider. Dies aber ohne überzogenes Virtuosen-Getue.

Helbock besitzt die mächtige Pranke, mit der er große Lautstärke erzeugen kann, aber auch den weichen Anschlag, mit dem er den Flügel leise zum Singen bringt. Auch in dynamischer Hinsicht holte er somit an diesem Abend alles aus dem Seiler-Flügel heraus.

Kontrast und Polarität

Dieser Sinn für Dynamik entspricht auch ganz dem Gedanken des „Kontrasts“, der in Helbocks musikalischem Denken einen wesentlichen Raum einnimmt und der auch an diesem Abend in seinem Spiel deutlich erkennbar war. Man kann aber auch von einer Art Polarität sprechen, die sich immer wieder in seinem auswendigen Vortrag zeigte. Die folgenden Beobachtungen mögen diese Aussage untermauern: Auskomponiertes stand Improvisiertem gegenüber. Langsame (Moll-)Balladen (etwa „If I was your girlfriend“) Stücken mit schnellen (bluesigen) Piano-Riffs (etwa „Kiss“, „1999“). Meditatives wurde durch Exaltiertes ergänzt. Die (rhythmische) Freiheit der Intros durch die präzise groovenden Piano-Riffs des begnadeten Rhythmikers. Transparenz stand Dichte gegenüber. Reduktion Fülle. Minimalistisches fand sein Gegenüber in der Opulenz.  Ostinato-Patterns fanden ihre Ergänzung in Parts, die sich entwickelten. Ton-Repetition (etwa in „1999“) stand einer Fülle von Tönen gegenüber, etwa in Helbocks wunderschönen, perlenden Läufen. Verstörendes Betörendem. Wie etwa die groteske Bass-Figur in „When you were mine“, der lieblichen Melodie dieses Songs.

Aber auch in stilistischer Hinsicht war die Kontrast-Idee deutlich. Etwa in der Gegenüberstellung von traditionellen, älteren Techniken wie dem brillant exekutierten Stride Piano in „Cream“ und modernen Ansätzen wie dem „Inside Piano“-Spiel; dies auch mit präparierten Klavier, etwa in „Controversy“.

The Blues

Abgesehen von einigen bluesigen Riffs und Blues-Phrasierungen wurde dem Blues, „der Quintessenz des Jazz“, wie der 1995 verstorbene österreichische Jazz-Experte Walter Richard Langer diese Musikgattung einmal nannte, an diesem Abend auch in formaler Hinsicht Respekt gezollt: In „Delirious“ und dem erwähnten „Cream“ war die klassische 12-taktige Blues-Form inkludiert.

Virtuosität ohne Selbstzweck; Reflexion

Virtuose Fingerfertigkeit und rhythmische Unabhängigkeit der Hände scheinen für Helbock kein Thema zu sein. Er besitzt sie. Besonders erfreulich ist jedoch, wie der Pianist sein virtuoses Vermögen nicht zum Selbstzweck verkommen lässt und dieses nicht in einer plumpen Show-off-Attitüde eitel vorführt, sondern wie er seine brillante Technik dem jeweiligen Song dienend einsetzt und: „Musikant“ bleibt.

Schön war aber auch, wie man in Helbocks Vortrag die Beschäftigung mit den ganz Großen der Jazz-Piano-Welt erkennen konnte. Denn auf dem Weg zum eigenen Stil ist die Reflexion der Großen unabdingbar.
Keith Jarrett etwa grüßte in den rhythmischen Ton-Repetitionen bei „1999“.
McCoy Tyner war erkennbar in den Quarten-Voicings der linken und den Quarten-Läufen der rechten Hand sowie in der Verwendung der Pentatonik im Solo von „Delirious“.

Abdullah Ibrahim (vormals Dollar Brand) schaute Helbock in der afrikanischen Fröhlichkeit von „1999“ über die Schulter.

Moderation

In seinen kurzen Moderationen zeigte sich der bescheidene Künstler sehr natürlich und sympathisch. Ohne jegliche Star-Allüren erklärte er zum Beispiel, wie er den Flügel für das Stück „Controversy“ mit Knetmasse und einem Cent-Stück präparierte.

Humor

Sympathisch machte Helbock aber auch der Umstand, dass in seinem Spiel der Humor nicht zu kurz kam.  Die exponierte, neckische Sekundreibung im Thema von „Alphabet St.“ etwa war zum Schmunzeln. Und auch der etwas verzögert im Flügel-Inneren gezupfte Schlusston in „Delirious“ zeugte von Humor.

Zwei Zugaben

Der Saal tobte. Klatschen, Trampeln, Ausrufe der Begeisterung. Helbock ließ sich nicht lange bitten und performte als erste Zugabe jene Nummer, die ihn zum Titel seiner aktuellen CD inspiriert hatte: „Purple Rain“. Auch hier: eine sensationelle Umsetzung des Pop-Songs in das Idiom des Jazz.

Mit der sehr kurzen Interpretation von „Sexy Motherfucker“ endete das Konzert.