Hasardstücke der Violinliteratur - Karin-Regina Florey spielte im Feldkircher Dom Telemanns "Fantasien"
Sie scheinen so etwas zu sein wie ein geistig-musikalischer Jungbrunnen, ein Quell der Erfrischung „nach des Tages Müh‘ und Plag“ – die „Abendmusiken“, die regelmäßig am Donnerstag um 18 Uhr in der heimeligen Marienkapelle im Feldkircher Dom angeboten werden. Von Domorganist Johannes Hämmerle liebevoll programmiert mit Künstlern aus dem Land und musikalischen Spezialitäten und seit Bestehen gerne in Anspruch genommen von einer steigenden Zahl von Musikfreunden aus dem Raum Feldkirch, die nach übereinstimmendem Urteil den Kirchenraum eine Stunde später in anderem Zustand verlassen, als sie ihn betreten haben.
Höchste Anforderungen an Spieltechnik und Nervenstärke
Jüngstes Beispiel war vergangenen Donnerstag ein Konzert, das man von der Besonderheit der Programmwahl wie der Qualität der Darbietung ohne weiteres auch in einem größeren Rahmen hätte präsentieren können. Die seit 1993 am Landeskonservatorium Feldkirch lehrende Geigerin Karin-Regina Florey hatte sich sechs der "Zwölf Fantasien für Violine Solo" des Barockmeisters Georg Philipp Telemann vorgenommen und damit ein Programm, das höchste Anforderungen an Spieltechnik und Gestaltungsvermögen, aber auch an die Nervenstärke der eine knappe Stunde allein mit ihrer Geige vor Publikum agierenden Interpretin stellte. Denn diese Stücke wurden ganz bewusst für unbegleitete Violine geschrieben, also „ohne Generalbass“, wie das im barocken Fachjargon heißt.
Florey ist solche Einsätze mit Hasardstücken der Violinliteratur längst gewöhnt. Die gebürtige Klagenfurterin, ausgebildet unter anderem bei Gerhard Schulz vom Alban Berg Quartett, bei Sandor Végh und Nathan Milstein und Gewinnerin verschiedener Wettbewerbe, gehört allerdings zu jenen Künstlern, die sich im eigenen Land eher rar machen. Dafür streckt sie ihre Fühler gerne in pädagogischen Gastauftritten Richtung USA, Japan und Thailand aus und ist Dozentin an Kammermusikkursen in Österreich, der Schweiz und den USA. Seit 1999 ist sie auch ständiges Mitglied des von András Schiff geleiteten Kammerorchesters Capella Andrea Barca und spielt in anderen Ensembles. Und als absolute Besonderheit hat sie das Gesamtwerk für Violine solo und für Violine und Klavier des Zwölftöners Josef Matthias Hauer auf CD eingespielt.
Eine Fülle an musikalischen Einfällen
Das zeigt auch die unglaubliche Spannweite, mit der diese Künstlerin unterwegs ist. Denn von Hauer zurück zu „Telemann privat“, wie dieser Abend im Dom überschrieben ist, und seinen 1735 entstandenen "Fantasien" ist es eine ganz schöne Wegstrecke. Diese Stücke, als „Hausmusik“ konzipiert, gehören vielleicht deshalb heute eher zu den Raritäten im Konzertbetrieb, weil der barocke Vielschreiber darin auch eine gewisse Lehrhaftigkeit an den Tag legt. Karin-Regina Florey zeigt freilich, welche Fülle auch an musikalischen Einfällen daneben in diesen Stücken steckt. Mit großer Überlegenheit demonstriert sie, dass sich eine Geige, an sich vorwiegend als Melodieinstrument einstimmig im Einsatz, auch für das polyphone Spiel mit Fugencharakter eignet (etwa im Presto der "Fantasie Nr. 5 A-Dur"), dass mehrstimmige Passagen und Arpeggien dabei oft den verblüffenden Eindruck eines ganzen Ensembles vermitteln.
Den unglaublichen technischen Anforderungen, die Telemann in genauer Kenntnis des Violinspiels in die schnellen Sätze seine Stücke eingebaut hat und die oftmals einen Vergleich mit Bachs Sololiteratur für Violine nicht zu scheuen brauchen, begegnet Florey mit stupender Fertigkeit und größtmöglicher Konzentration, lässt zur Entspannung aber die langsamen Teile sich klanglich wunderbar im Raumklang des Domes entfalten. Für kostbare Töne sorgt dabei ihre kostbare originale Violine von 1776, die sie als „modernes“ Instrument im heutigen Sinn einer mit Darmsaiten bespannten Barockgeige vorgezogen hat. Vor allem aber macht Karin-Regina Florey mit enormer Spielfreude den Geist Telemanns in diesen Stücken lebendig: Optimismus und Vitalität wie im Vivace der "Fantasie Nr. 9 h-Moll", Zartheit und Melancholie wie im einleitenden Largo der "Fantasie Nr. 1 B-Dur" ergeben erneut eine mitreißende Stunde der geistig-musikalischen Erfrischung im Feldkircher Dom. Eine allein auch vom Übungspensum her beeindruckende Leistung, die größten Respekt abverlangt und vom Publikum mit viel Begeisterung bedankt wird.