Großer Soul und kleines Ego: Macy Gray in der Poolbar
So muss eine Soul-Diva aussehen: Mit Stola, rot schimmerndem Kleid und ihrer typischen Sturmfrisur betritt Macy Gray die Bühne des Alten Hallenbades. Schon die ersten Augenblicke des Konzertes zeigen, wohin die Reise geht: Die Show überlässt die Grammy-Preisträgerin gerne ihrer großartigen Band und konzentriert sich ganz auf ihren Gesang. Ein Star ohne Allüren – dieser Eindruck verstärkt sich noch beim kurzen Interview nach einem umjubelten Abend, den "Os and The Sexual Chocolates" eröffnet hatten.
Man kennt das ja aus Seminaren: Am Anfang steht die – mal mehr, mal weniger kreativ gestaltete – Präsentationsrunde. Macy Gray ist auch wichtig, mit wem sie es zu tun hat. Ungewöhnlich früh, schon nach dem ersten Song, stellt sie ihre fünfköpfige Band vor. „Jetzt wisst ihr, wer wir sind, aber wir kennen euch ja noch nicht. Das ist unfair“, sagt die 43 Jahre alte Sängerin aus Ohio mit gespieltem Schmollen. Ein Experiment soll Abhilfe schaffen: Auf „Drei“ brüllt jeder Zuhörer seinen Namen. Natürlich ist sie danach nicht wesentlich schlauer – nicht nur, weil das Konzert ausverkauft und das Echo entsprechend vielstimmig ist –, aber Macy Gray hat dennoch das Publikum gleich für sich eingenommen.
Gelungene Soul-Version von Radioheads „Creep“
Live wirken ihre Songs deutlich rotziger, ungeschliffener als im Radio – zum Glück. Grays rauchige und variable Stimme ist das Fundament der Songs, die Elemente von Soul, Pop, Rhythm & Blues und Hip Hop kombinieren. Neben eigenem Material kommen auch Klassiker des Genres wie „Do you think I´m sexy?“ an die Reihe. Aber sie hat sich auch in anderen Musikrichtungen umgeschaut. Bei den ersten Takten zu Radioheads „Creep“ johlt das Publikum euphorisch. Bei einer späteren Interpretation von „Nothing Else Matters“ verblasst das Metallica-Original hinter ihrer Version. Eine ungewöhnliche Wahl? „Ich habe diese Songs schon immer gerne gesungen“, erklärt eine sichtlich müde, aber freundliche Macy Gray nach dem Konzert. „Es ist immer wieder erstaunlich, wie lange zum Beispiel 'Nothing Else Matters' in den Köpfen der Leute bleibt. Da sitzt der Text auch noch nach zwanzig Jahren.“
Bescheidenes Auftreten
Die Abstimmung ihrer Band ist großartig. Perkussion, Drums, Bass, Gitarre – alle Teile greifen perfekt ineinander. Auf der Bühne scheint es, als spielten die fünf schon seit Jahren mit Macy Gray. Dabei täuscht dieser Eindruck. „Tatsächlich bin ich das erste Mal mit ihnen unterwegs“; sagt Gray mit einem Lächeln. Da sitzt in der Garderobe eine Künstlerin, die bereits mit den Größten ihrer Branche zusammengearbeitet hat, zum Beispiel mit Santana, Natalie Cole, John Frusciante oder Justin Timberlake, und dennoch bescheiden, bodenständig wirkt. Ihr Fokus liegt darauf, sich weiter zu verbessern. Früher mochte sie beispielsweise ihre Stimme überhaupt nicht: „Als ich jung war, haben mich die Leute immer ausgelacht, wenn sie mich gehört haben. Seitdem habe ich viel an meiner Stimme gearbeitet, es hat sich auch einiges an ihr getan. Aber ich bleibe dran.“
„Gib den Dingen ihren Raum“
Nach „einigen Kämpfen im Privatleben“ (Gray) im Vorfeld ihres aktuellen Albums „The Sellout“ (2010) scheint sie heute mit sich im Reinen zu sein. Vielleicht hat sie sich auch den Tipp ihres Vaters zu Herzen genommen. In einem Interview mit der britischen Zeitung „The Independent“ sagte sie, er habe ihr geraten, auch einmal ihre Band allein spielen zu lassen und nicht jede Lücke mit ihrem Gesang zu füllen. Stattdessen gehe es darum, den Dingen ihren Raum zu lassen – und das nicht nur in der Musik.
Diese Balance gelingt Macy Gray auf der Bühne grandios. Einerseits ist sie sehr präsent, andererseits überlässt sie auch gerne einmal die Show ihren Musikern – allen voran der quirligen Backgroundsängerin, die sich selbst, ihren Kollegen auf der Bühne und den Zuschauern einen Riesen-Spaß macht. Sie sprüht nur so vor Energie und wird des Tanzens und Animierens einfach nicht müde. Für sie wäre der Begriff „Frontground-Sängerin“ deutlich passender.
Die bessere Mrs. Winehouse?
Manch ein Besucher mag sich bei Macy Gray im ersten Moment an Amy Winehouse erinnert fühlen – angesichts einer Soulsängerin mit großer Stimme und einer Frisur, die auch als Vogelnest taugen würde. Aber der entscheidende Unterschied liegt in der Bühnenshow, die die US-Amerikanerin deutlich besser (und nüchterner) beherrscht. Als Zugaben spielt sie zwei Songs aus ihren Anfangstagen: Natürlich „I try“, ihren größten Hit aus dem Jahr 1999 und das zwei Jahre jüngere „Oblivion“. Selbst in „Oblivion“, also in Vergessenheit zu geraten, dürfte der sympathischen Macy Gray nach diesem mitreißenden Konzert wohl kaum drohen.