Tom Hanks zwischen Wutbürger und gnadenlosem Ordnungshüter derzeit in den Kinos in „A Man Called Otto“ .
Michael Löbl · 28. Nov 2022 · Musik

Geburtstag und ein gutes Werk - Konzert des Komponisten Alfred Huber im vorarlberg museum

Ein Komponist möchte seinen 60. Geburtstag mit einem Benefizkonzert feiern, die gesammelten Spenden sollen selbstverständlich nicht ihm, sondern einem in Not geratenen, befreundeten Orchester zugute kommen. So geschehen am Samstagabend im vorarlberg museum in Bregenz.

Der Komponist Alfred Huber ist Oberösterreicher und Neurochirurg. Als Assistenzarzt kam er vor dreißig Jahren von Linz an das LKH Feldkirch, ist anschließend in der Gegend ansässig geworden, in Kempten betreibt er eine neurochirurgische Praxis. Ein wichtiger Grund dafür war sein Kompositionsstudium bei Herbert Willi am Landeskonservatorium, das er neben seiner ärztlichen Tätigkeit fortsetzte und abschloss.

Ungewöhnliches Doppelleben

Alfred Huber genießt sein Doppelleben als Komponist und Arzt, für ihn ergänzen einander beide Aufgabengebiete hervorragend. Der im Rahmen seines Konzertes gesammelte Geldbetrag kommt dem Symphonieorchester Kiew zugute. Das Orchester lebt derzeit im Exil in Deutschland und ist dringend auf finanzielle Hilfe angewiesen. Ein Programm für diesen Abend war schnell gefunden. Alfred Huber ist seit vielen Jahren mit dem Artis-Quartett aus Wien befreundet, ganz besonders mit dessen Cellisten Othmar Müller. Darum lag es auf der Hand, dort als erstes zu fragen. Ebenfalls auf der Bühne: Die Geigerin Eszter Haffner, Alfred Hubers Sohn Benedikt am Kontrabass sowie der Percussionist Kristof Hrastnik aus Graz.
Als musikalische Einstimmung auf den Abend erklang das Streichquartett  Es-Dur III/38 von Joseph Haydn. Ein perfekter Beginn, vom Artis-Quartett sehr wienerisch gespielt. Wienerisch meint hier: natürlich, weder übertrieben im Tempo noch durch zusätzliche Akzente oder sonstige Schroffheiten angereichert. Haydn verträgt so etwas zwar sehr gut, es muss aber auch nicht immer sein. Das Anfangsthema des ersten Satzes ist ein Ohrwurm, den man auch noch Stunden später nicht aus dem Kopf bekommt. Im Anschluss dann ein Streichquartett von Alfred Huber. In seiner Moderation gab der Komponist den Zuhörern einen Einblick in die Entstehung seiner Werke. Das dritte Streichquartett, ein Kompositionsauftrag des Artis-Quartetts, entstand während einer persönlichen künstlerischen Krise. In welche Richtung sollten sich neu entstehende Werke bewegen? Ist die traditionelle Tonalität heutzutage noch ein adäquates Stilmittel? Alfred Huber hat versucht, viele dieser Fragen in seinem Streichquartett Nr. 3 zu beantworten. Es ist ein sehr persönliches Werk, den befreundeten Musikern quasi auf den Leib geschrieben und von ihnen 2017 im Wiener Musikverein uraufgeführt.    

Müheloser Stilwechsel

Das Artis-Quartett verabschiedete sich mit dem 7. Streichquartett von Dimitri Schostakowitsch. Ein kompaktes, dramaturgisch faszinierend aufgebautes und unglaublich spannungsgeladenes Werk. Typisch Schostakowitsch eben. Während die Kombination Haydn - Huber bestens funktionierte, war die Paarung Huber - Schostakowitsch vielleicht nicht ganz optimal gewählt. Da entstand wegen der doch nicht unähnlichen Klangsprache ein vermutlich ungewolltes Konkurrenzverhältnis. Das Artis-Quartett wechselte mühelos von Haydn über Huber zu Schostakowitsch und interpretierte die drei doch sehr unterschiedlichen Quartette technisch und musikalisch souverän.

Uraufführung in Memoriam

Den Abschluss des Konzertes bildete eine Uraufführung, ein Trio für Violine, Kontrabass und Percussion von Alfred Huber, gewidmet seinem Sohn Benedikt. Es heißt „Ich grolle nicht“ und nimmt Bezug auf den Zyklus „Dichterliebe“ von Robert Schumann. Geplant war die Uraufführung zu dessen Bachelorprüfung an der Musikhochschule Essen. Auch hierzu gibt es eine Geschichte - eine tragische, wie Alfred Huber erklärt. Der für diese Uraufführung vorgesehene Schlagzeuger, ein Studienfreund Benedikts, nahm sich in der Zeit der Corona-Lockdowns das Leben. So erklang am Samstag in Bregenz die Uraufführung der endgültigen Fassung des Trios in Memoriam dieses jungen Musikers. Das klanglich sehr attraktive Werk ist eine Herausforderung für alle drei Instrumentalisten, vor allem rhythmisch ist es äußerst komplex geschrieben. Das Publikum war von der ungewöhnlichen klanglichen Kombination und der Interpretation des Trios begeistert. Dieses Stück sollte unbedingt vermarktet werden und hätte ganz sicher einen fixen Platz in der Kammermusikreihe jedes Opern- oder Symphonieorchesters. Wann gibt es schon einmal die Chance, dass ein Geiger, ein Kontrabassist und ein Schlagzeuger gemeinsam musizieren, zumal die beiden letzteren in der Kammermusik ja eher stiefmütterlich behandelt werden.
Alfred Hubers Musik ist nicht einfach einzuordnen und passt in keine der derzeit angesagten Schubladen. Sie ist weder avantgardistisch noch seriell, aber auch mit Minimal Music hat sie nichts zu tun. Die derzeit sehr beliebten statischen Klangflächen sucht man bei ihm ebenfalls vergeblich. Seine Klangsprache kommt eher aus der Tradition eines Béla Bartók, Paul Hindemith oder Karl Amadeus Hartmann. Auch Einflüsse des Jazz sind nicht zu überhören. Hubers Musik ist sehr rhythmusbetont, oft ausgesprochen virtuos und hat - vor allem in langsamen, lyrischen Passagen - keine Angst vor konventioneller Tonalität. Ist das Attribut „publikumsfreundlich“ für zeitgenössische E-Musik eigentlich ein positives? Auf Alfred Hubers Kompositionen trifft diese Zuordnung jedenfalls zu.