Uh!-Batman überzeugte beim diesjährigen Poolbar Festival (Foto: ira&john)
Thorsten Bayer · 01. Apr 2012 · Musik

Die Welt ist ihnen nicht genug: Lonely Drifter Karen haben ihren Horizont erweitert

Einen durchweg überzeugenden Auftritt legte die Band um die Wienerin Tanja Frinta am gestrigen Samstagabend am Spielboden Dornbirn hin. Die Phase, in der ihre Songs immer ein bisschen nach Zirkus und Cabaret klangen, scheint sie hinter sich gelassen zu haben. Folkiges Singer/Songwritertum war einmal. Auf ihrem neuen Album „Poles“ kommen verstärkt elektronische Sounds hinzu. Einem zentralen Thema, dem Reisen, bleiben sie treu – nehmen aber in den neuen Stücken immer wieder das Weltall in ihre Routenplanung auf.

Die Sängerin und Gitarristin Tanja Frinta ist schon eine ganze Menge herumgekommen. Nach ihrer Zeit in der Riot-Grrrl-Band Holly May ging sie 2003 nach Schweden. Dort startete sie – zunächst als Soloprojekt – Lonely Drifter Karen. Nach einem Umzug nach Barcelona lernte sie den mallorquinischen Keyboarder und Arrangeur Marc Meliá Sobrevias kennen. Mit ihm nahm die Band Fahrt auf. Das Debütalbum „Grass is singing“ erschien 2008, „Fall of spring“ folgte zwei Jahre später. Heute leben die beiden in Brüssel. Auf die Trennung von dem italienischen Drummer Giorgio Menossi folgte die Verpflichtung von Pierrot Delor als sein Nachfolger. Als Gitarrist stieß der Franzose Clément Marion dazu.

Harmonie und Spielfreude

Live fallen diese Umbesetzungen nicht auf – der Zuhörer gewinnt nie den Eindruck, es mit einem Dauerprojekt im Übergangsstadium zu tu zu haben. Im Gegenteil: Das Quartett, das Meliá Sobrevias von seinem Keyboard am linken Bühnenrand führt, wirkt harmonisch – und vor allem sehr spielfreudig. Bei den Musikern stimmt ganz offensichtlich die Chemie. Frinta, deren Pferdeschwanz-Frisur ihre ohnehin mädchenhafte Erscheinung noch unterstreicht, hält sich zurück, die große Show ist spürbar nicht ihr Ding. Doch der nachhaltigen Wirkung ihres Auftritts tut das keinen Abbruch. Manche Kritiker vergleichen Tanja Frinta mit einer „intergalaktischen Charlotte Gainsbourg“ (The Word, UK) oder Karen Carpenter (The Arts Desk, UK). Mich hat sie zeitweise auch an Ladyhawke erinnert.

Science-Fiction-Motive als Inspiration

Die Frontfrau hat ein Faible für Musik aus Science-Fiction-Filmen der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre. Das hört man dem neuen Album „Poles“ deutlich an – beispielsweise dem Song „Hunters to Heaven´s Wild“, mit dem die Band gegen 21.30 Uhr das Konzert in der Spielbodenkantine eröffnet. Sphärische Klänge, vorwärtstreibende Elektrobeats, verführerische Melodien und viel Groove zeichnen ihren Auftritt von Anfang aus. Ob „Brand new world“ oder „Comet“ – das Weltall spielt immer wieder eine Rolle in den neuen Songs. Die Musik und die Stimmung, die sie transportieren, wecken im Publikum Erinnerungen an die TV-Serie „Captain Future“; die Anfang der achtziger Jahre im Nachmittagsprogramm über den Bildschirm flimmerte.

Ungenauigkeiten statt kühler Kalkulation

Der „Retro-Trick“ funktioniert einwandfrei – dabei wirkt es aber nicht wie pure Berechnung seitens der Band, nostalgieverliebte Hipster auf diese sichere Weise für sich einzunehmen. Dass die Produktion von „Poles“ wohl kaum derart reißbrettartig ablief, sondern auch Ungenauigkeiten und Zufälle eine große Rolle spielten, verdeutlichen zwei Anekdoten: Bei einem Stück von Air meinte Frinta die Zeile „you need a soul traveller“ zu hören (tatsächlich heißt es stattdessen „universal traveller“). Doch sie ging sofort an die Arbeit und schrieb einen Song mit diesem Titel. Ein Freund der Band wiederum verhörte sich bei einer frühen Version von „Brand New World“ und dachte, das Wort Reptil („reptile“) würde genannt statt einer roten Krawatte („red tie“). Tanja schrieb daraufhin die Geschichte komplett um; der Protagonist wurde zu einem riesigen Reptil, der zwischen Wolkenkratzern herumläuft.

Gereifte Band

Wie aus einem Guss spielen Lonely Drifter Karen in Dornbirn das vorerst letzte Konzert ihrer Tournee. Hits aus früheren Alben, allen voran das zirkusartige „This world is crazy“ vom Debütalbum, sind am Spielboden nicht zu hören – noch nicht einmal im kurzen Zugabenblock. Stattdessen hat eine Tour nach Ostasien Spuren im neuen Songmaterial hinterlassen. So bleibt der Eindruck einer gereiften Band, die das Publikum intensiver in ihren Bann zu ziehen vermag als in früheren Jahren und ihm einen sehr kurzweiligen Abend bereitet.