Das Ensemble NAMES aus Salzburg gastierte erstmals bei den Bludenzer Tagen zeitgemäßer Musik. (Foto: Erhard Sprenger)
Silvia Thurner · 04. Mär 2012 · Musik

Die Musik von Johann Sebastian Bach gespiegelt und zelebriert – Uri Caines „Goldberg Variations“ fanden bei den Jazztagen in Bludenz viel Anklang

Vor zwölf Jahren komponierte Uri Caine die „Goldberg Variations“ nach der berühmten Vorlage von Johann Sebastian Bach. Im Rahmen der Jazztage Bludenz interpretierte der Pianist und Komponist nun gemeinsam mit einem Ensemble, dem auch der Dornbirner Trompeter Martin Eberle angehörte, das vielschichtig angelegte Werk. Die KonzertbesucherInnen in der Bludenzer Remise wurden bestens unterhalten. Gemeinsam mit der Sängerin Barbara Walker boten die Musiker ein buntes Konglomerat an Musikstücken, das auch als Querschnitt durch die Geschichte verschiedener Genres des Jazz zu verstehen war.

Uri Caine hat für seine groß angelegte Komposition das harmonische Grundgerüst des Ausgangswerkes von J.S. Bach verwendet. Ursprünglich dienten Bachs Goldbergvariationen dem an Schlaflosigkeit leidenden Reichsgrafen von Keyserlingk zur Zerstreuung. Unterhaltsam spielte Uri Caine mit diesem Gedanken und verfasste in Anspielung auf das Original Stiltypen unterschiedlicher Tanzformen. Gleichzeitig entstand eine Art Geschichte der Jazzkomposition ausgehend vom Ragtime bis hin zu freien und durchaus experimentellen Ausdrucksformen. Ergänzt wurde das bunte musikalische Konglomerat durch Anspielungen auf unterschiedliche Wesensmerkmale der Folkmusik.

Naheverhältnisse

Abschnittsweise bewegten sich Uri Caines Variations nahe an der Ausgangskomposition. Über weite Strecken war diese jedoch wenig erkennbar, weil die Idiome lediglich als Inspirationsquelle gedient haben. Genau dieses Changieren rund um die unterschiedlichen Naheverhältnisse zum Original bot in der ersten Hälfte des Werkes einige Anreize beim Hören. Jedoch hatten die äußerst vielfältigen musikalischen Facetten innerhalb des Werkganzen auch einen Nachteil. Zuerst war es eine faszinierende Reise in ein musikalisches „Potpourri“, dem man gerne folgte. Im Laufe der dreißig Variationen war jedoch mitunter der innere Zusammenhang zu wenig erkennbar und die Musik wirkte beliebig.

Achsenbildungen und Driften

Spannung ergab sich vor allem durch Achsenbildungen innerhalb des Ensembles. Beispielsweise lieferte das Zusammenwirken zwischen dem Pianisten und dem Perkussionisten intensive Wechselspiele. In einigen Variationen wurde der musikalische Strom originell aufgelöst. Themen drifteten auseinander und wurden neu miteinander kombiniert. Dadurch entstanden Schichtungen und außergewöhnliche musikalische Wendungen sowie Auflösungsprozesse, die eine besondere Kraftquelle in sich bargen.

Selbstbewusstsein entwickelt

Erst allmählich entwickelten die Ensemblemusiker Martin Eberle (Trompete), Clemens Salesny (Saxophon und Klarinette), Nicolas Geremus (Violine), Tim Lefebvre (Bass), Mark Guiliana (Perkussion) ein kreatives Selbstbewusstsein, das sich im Laufe des Abends geistreich, virtuos und humorvoll steigerte. Von der Soulsängerin Barbara Walker ging ein großer Aufforderungscharakter aus. Ihre erdige Stimme und ihr großes stimmliches Spektrum zogen die Aufmerksamkeit auf sich. Besonders in Erinnerung blieb jene Passage, in der sie über das Wort „Hallelujah“ improvisierte, wispernd und in sich gekehrt, freudig und feierlich bis hin zum jubelnden Höhepunkt.

Viel Gesprächsstoff

Im Gespräch mit dem Musikjournalist Andreas Felber erzählte Uri Caine unter anderem von seinen Intentionen und kompositorischen Überlegungen. In seinen Ausführungen stellte der Pianist und Komponist eindrücklich dar, aus welch großem Fundus der traditionellen klassischen Musik er schöpft.