Die Improvisation als Spielwiese und verbindendes Element: Rolf Lislevand und „Concerto Stella Matutina“ formten aus Barock und Jazz eine faszinierende Symbiose
„Ich komme nach Götzis und treffe hier Musiker, die in der Barockmusik ebenso wie in der Klassik und dem Jazz zu Hause sind. Glauben Sie mir, ich komme viel herum, aber dergleichen hört man selten!“ So viel Lob auf einmal für das Vorarlberger Barockorchester „Concerto Stella Matutina“ hat es bisher nicht gegeben, dazu aus berufenem Munde, von einem, der es absolut wissen muss.
Der 51-jährige norwegische Lauten-Guru Rolf Lislevand äußerte sich so anlässlich seines ersten gemeinsamen Projektes mit dem heimischen Ensemble unter dem provokanten Titel „Alte Musik?“, das am Freitag in der restlos ausverkauften Götzner Kulturbühne AmBach zum Auftakt nach Maß für die fünfte Jubiläumssaison und vom Publikum stürmisch gefeiert wurde.
Weit mehr als billiger Crossover
Nach einer dreitägigen intensiven Probenphase ist es tatsächlich gelungen, das nach vier Jahren und 16 Konzerten längst fest im Konzertleben des Landes und seiner Musikfreunde verankerte heimische Barockorchester einmal von einer völlig neuen und in solch spontaner Glaubwürdigkeit unvermuteten Seite zu zeigen. Mehr noch: Der Aufbruch zu neuen Ufern im Jazzbereich gründet auf der Basis des Barock, es entsteht also nicht nur billiges Nebeneinander, wie das im modischen Crossover gerne praktiziert wird, sondern eine substanzielle, sich gegenseitig inspirierende Verbindung auf höchstem Level.
Womit auch die einleitende Frage nach der Alten Musik beantwortet ist. Strenges Schubladendenken war gestern, heute gilt: Altes und Neues verbinden sich hier zu einer Musik über alle Zeiten und Stilrichtungen hinweg. Da bedarf es dann auch gar keiner weiteren theoretischen Erklärungen, wie eng eigentlich Barockmusik und Jazz allein über das Stilmittel der Improvisation miteinander verbunden sind – die musikalischen Ergebnisse dieses Abends sprechen für sich. Man hat solches in unserem Land bislang nur von dem mehrmals bei der Schubertiade in Hohenems in Erscheinung getretenen Ensemble „L’Arpeggiata“ von Christine Pluhar vernommen.
Lislevand bleibt ein bescheidener „Primus inter Pares“
Rolf Lislevand ist mit seinen historischen Saiteninstrumenten wie Theorbe, Knickhalslaute und Barockgitarre, die er alle virtuos beherrscht, der Star des Abends. Der smarte, international gehätschelte ECM-Künstler aus der Weltliga bleibt freilich bescheiden als „Primus inter Pares“, ein Teil des Ganzen, und ist doch unangefochtener Mittelpunkt des diesmal schlank besetzten und dadurch ungemein wendigen „CMS“. Zieht von dort aus wie eine Spinne seine Fäden mit kleinen Gesten, Blickkontakten, einem Lächeln. Findet auch im Duo zusammen mit seinem Lautenpartner Thor-Harald Johnsen, dem die tollen Arrangements zu danken sind, und ist bei aller vornehmen äußeren Zurückhaltung eine Künstlerpersönlichkeit von geradezu berstender Spielfreude und ansteckender Musikalität.
So funktioniert das alles, so wie bei einem unvergessenen Auftritt mit seinem eigenen Barockensemble 2006 AmBach, auch diesmal wie am Schnürchen. Aus den barocken Themen, die Lislevand auf seinen sanft verstärkten Instrumenten in Medleys von wechselndem Stimmungsgehalt vorstellt, wachsen gut verteilte Rollen für die drei solistisch besetzten Streicher oder die drei Bläser, gleiten unversehens in den Jazzbereich hinüber und erzeugen damit ein ganz eigenes, spannendes Flair, dem sich niemand im Saal zu entziehen vermag. Eben eine „Barocksession“ vom Allerfeinsten. Die Stücke im Programm aus dem Italien des 16. und 17. Jahrhunderts bleiben dabei eher nebensächlich, bilden nur das Gerüst für lyrisches Ausspinnen von Melodien in den Ciaconas oder Toccaten, für die ostinate Bass-Beharrlichkeit einer Passacaglia oder mitreißende Tanzstücke wie die „Aria di Firenze“.
Wie Hunde, die man von der Leine lässt
Der Rhythmus mit Cello, einer barocken gestrichenen Violone, einem modernen, gezupften Kontrabass, der mit Jazzlegende Björn Kjellemyr (!) besetzt ist, und vielfältigem Schlagzeug bildet dazu ein mitreißendes Fundament. Und die Improvisation ist jene Spielwiese, auf der sich diese so genannten Barockmusiker nun einmal so recht austoben können wie Hunde, die man von der Leine lässt. Bei diesem Experiment stechen jene Leute aus dem Ensemble besonders hervor, die sich auch bisher schon im Jazz profiliert haben: der exzellente Herbert Walser-Breuss etwa auf Trompete, Flügelhorn und Horn, Stefan Konzett ideenreich an barocker und moderner Posaune, Percussionist Georg Tausch an vielen Klangerzeugern. Gefehlt hat dabei eigentlich nur der jeweils spontane Szenenapplaus des doch eher barockgewohnten Publikums, wie man ihn bei Sessions im Jazzbereich kennt und erwartet. Dafür sind die Zuhörer am Ende jedes Sets kaum mehr zu bändigen. Nach diesem sensationellen Saisonauftakt dürfte einer baldigen Wiederbegegnung von Lislevand mit „Concerto Stella Matutina“ nichts im Wege stehen.
Ein Hörfunk-Mitschnitt des ORF wird am 4. März, 20.04 Uhr, bei Radio Vorarlberg ausgestrahlt.
Das zweite Abo-Konzert von „Concerto Stella Matutina“ findet am Freitag, 18. Mai, 20.00 Uhr, in der Götzner Kulturbühne AmBach statt. Unter dem Motto „Il canto d’Orfeo“ gibt es Musik und Tanz mit den Solisten Judit Scherrer, Sopran, Jakob Pilgram, Tenor, und dem Tanzensemble „Cie.OffVerticality“ in der Choreographie von Rose Breuss.
Kartenvorverkauf bei allen v-ticket-Verkaufsstellen sowie unter www.v-ticket.at.