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06.08.2019 |  Silvia Thurner

Die Aussagekraft aus dem Kern heraus entwickelt – Philippe Jordan und die Wiener Symphoniker spielten alle vier Brahms-Symphonien als Zyklus und fanden damit viel Zustimmung

Die Aufführung der vier Symphonien von Johannes Brahms bildet das Zentrum der diesjährigen Orchesterkonzerte bei den Bregenzer Festspielen. Philippe Jordan und die Wiener Symphoniker präsentierten die Kompositionen als Werkzyklus und stießen damit auf Begeisterung. Vom ersten bis zum letzten Ton war klar, dass Philippe Jordan am Pult des Orchesters sehr genau wusste, was er mit jeder einzelnen Phrase zum Ausdruck bringen, in welchen Sinnzusammenhang er sie stellen wollte. Er dirigierte auswendig, leitete die Symphoniker mit akkurater Gestik und ermöglichte damit anregende Werkdeutungen, die sowohl geistreiche als auch emotionale Hörerlebnis boten und darüber hinaus gute Anreize zum Weiterdenken lieferten.

Im Rahmen einer Matinee wurden die beiden Symphonien Nr. 1 und Nr. 2 präsentiert, am Abend des darauffolgenden Tages standen die Symphonien Nr. 3 und Nr. 4 auf dem Programm. In der zeitlich kurzen Aufeinanderfolge kam die individuelle und raffinierte Kompositionsart von Johannes Brahms hervorragend zum Ausdruck. Die individuellen Zugänge, die Philippe Jordan seinen Brahms-Interpretationen zugrunde legte, war sehr eindrücklich und es wurde erlebbar, wie sehr ihm die durchdachte Kompositionsart von Johannes Brahms liegt. Jedoch war es für die singuläre Aussagekraft jeder einzelnen Symphonie wenig zuträglich, alle vier als Zyklus darzubieten.

Aus dem Detail heraus entwickelt

Das ständige Hinterfragen von musikalischen Inhalten und die Art, wie das Orchester die Aussagegehalte bis in die motivischen Keimzellen hinein ausformte und damit den Energiefluss der Phrasen steuerte, boten faszinierende Hörerlebnisse. Die aus einem kammermusikalischen Geist heraus entwickelten symphonischen Abschnitte entfaltete das Orchester mit viel Bedacht auf gut austarierte Stimmen. Mit spannenden Lautstärkeverhältnissen steigerten die Musikerinnen und Musiker den Energiefluss und ebbten ihn feinsinnig ab. Diese Spielarten verdeutlichte den Zuhörenden sehr transparent, was die Musik im Inneren zusammenhält, ohne die Emotion außer Acht zu lassen. Mitunter führte jedoch die Konzentration auf die eher kleinräumigen Details dazu, dass die großen romantischen Bögen eher wenig ausgeprägt erklangen.

Harmonische Farbenspiele

Besonders schön spielten Philippe Jordan und das Orchester mit den harmonischen Farben, die Brahms vor allem in seiner Dritten so unvergleichlich einsetzte. Überhaupt nutzten die Musikerinnen und Musiker ihre solistischen Auftritte hervorragend und stellten damit ihre Meisterschaft unter Beweis. Besondere Aufmerksamkeit lenkte auch die Konzertmeisterin Sophie Heinrich im ersten der beiden Orchesterkonzerte auf sich.

Die zweite Symphonie im Schatten der ersten

Die 1. und die 2. Symphonie entfalten sehr unterschiedliche Charaktere. Während die erste ein faszinierendes Kompendium mit viel rhythmischer Prägnanz und dramatischer Kontraste entfaltete, wirkte in der direkten Nachfolge die 2. Symphonie mit ihren eher lyrischen Themen eher blass. Schade, denn die Zweite wurde allein durch die Konzertdramaturgie zu Unrecht in den Schatten der ersten Symphonie gestellt.
Die Proportionen und der Aussagegehalt der beiden Symphonien Nr. 3 und 4 passte sehr gut in der Abfolge und brachten die kompositorischen Aussagegehalte von Johannes Brahms wunderbar zur Geltung.

Erscheinungsbilder

Auffallend war auch eine meiner Wahrnehmung nach nicht nur optische Nebensächlichkeit. Während die Musikerinnen und Musiker mitsamt dem Dirigenten die Matinee im Anzug spielten, traten sie beim Abendkonzert im Frack auf. Vor allem im Hinblick auf das Dirigat von Philippe Jordan hatte dies Folgen. Straff, streng und äußerst Energie geladen wirkte das Dirigat im ersten Konzert, eleganter und weicher in der Gestik beim zweiten Konzert.

Die Strahlkraft betont

Selbstverständlich gäbe es über jede einzelne Werkdeutung sehr viel zu berichten.
Plastisch und stringent führte Philippe Jordan in der ersten Symphonie die Tongestalten aus, detailreich und konzentriert folgten ihm die Musikerinnen und Musiker. Während es schien, dass sie sich zu Beginn im Hinblick auf größere Phrasierungsbögen erst finden mussten, entwickelte sich die Werkdeutung sodann zu einem facettenreichen organischen Klanggewebe. Die Ausgestaltung des dritten und vierten Satzes der ersten Symphonie bildeten den ersten Höhepunkt des gesamten Zyklus.
Verspielt, mit zahlreichen schönen Soli und einem weichen Duktus musizierten die Wiener Symphoniker Brahms‘ Zweite, die jedoch der gewaltigen ersten Symphonie nicht das Wasser reichen konnte und so, wie bereits erwähnt, allzu sehr im Schatten stehen musste.

Zeitgestalten und Stille

Zahlreiche Passagen ließen in der dritten Symphonie aufhorchen. Im Andante und auch im Poco Allegretto wurde den Themen viel Raum und Zeit eingeräumt, so dass die Stimmenverflechtungen und das Spiel mit den Instrumentalfarben wunderbar entfaltet wurden. Die Ausgestaltung dieser beiden Sätze stellte einen weiteren Höhepunkt der „Tetralogie“ dar. Aus den rhythmischen Impulsen heraus schöpfte der Finalsatz viel Kraft. Feinsinnig setzte das Orchester die Schlusspassage in den Raum und verdeutlichte damit, wie bedeutend für die Interpretation das Mitbedenken der Stille ist.

Fulminanter Schluss mit einer Passacaglia

Ebenso waren in der Vierten die musikalischen Hauptgedanken transparent nachvollziehbar. Das Spiel mit der Dehnung und Straffung der Zeiten bestimmte den kammermusikalisch gesetzten langsamen Satz, reizvoll wirkte zudem das Spiel mit den Zeitmaßen. Schließlich bot der Finalsatz noch einmal die Möglichkeit, die bewundernswerte Satztechnik von Johannes Brahms klar und transparent gedeutet miterleben zu können. In sich hervorragend abgerundet und homogen agierten die Musikerinnen und Musiker in den einzelnen Stimmgruppen.
Mit stürmischem und langanhaltendem Applaus dankte das Publikum für das in sich stimmige Gesamterlebnis.

Philippe Jordan bündelte zum Abschluss seiner Funktion als Chefdirigent der Wiener Symphoniker die Kräfte aller und brachte im Rahmen von zwei Orchesterkonzerten bei den Bregenzer Festspielen detailreiche Werkdeutung der vier Symphonien von Johannes Brahms auf die Bühne. (Foto: Lisa Mathis)

Philippe Jordan bündelte zum Abschluss seiner Funktion als Chefdirigent der Wiener Symphoniker die Kräfte aller und brachte im Rahmen von zwei Orchesterkonzerten bei den Bregenzer Festspielen detailreiche Werkdeutung der vier Symphonien von Johannes Brahms auf die Bühne. (Foto: Lisa Mathis)

Das Publikum im Bregenzer Festspielhaus folgte den Werkdeutungen konzentriert und goutierte die Hörerlebnisse mit viel Applaus. (Foto: Dietmar Mathis)

Das Publikum im Bregenzer Festspielhaus folgte den Werkdeutungen konzentriert und goutierte die Hörerlebnisse mit viel Applaus. (Foto: Dietmar Mathis)

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  • Philippe Jordan bündelte zum Abschluss seiner Funktion als Chefdirigent der Wiener Symphoniker die Kräfte aller und brachte im Rahmen von zwei Orchesterkonzerten bei den Bregenzer Festspielen detailreiche Werkdeutung der vier Symphonien von Johannes Brahms auf die Bühne. (Foto: Lisa Mathis) Philippe Jordan bündelte zum Abschluss seiner Funktion als Chefdirigent der Wiener Symphoniker die Kräfte aller und brachte im Rahmen von zwei Orchesterkonzerten bei den Bregenzer Festspielen detailreiche Werkdeutung der vier Symphonien von Johannes Brahms auf die Bühne. (Foto: Lisa Mathis)
  • Das Publikum im Bregenzer Festspielhaus folgte den Werkdeutungen konzentriert und goutierte die Hörerlebnisse mit viel Applaus. (Foto: Dietmar Mathis) Das Publikum im Bregenzer Festspielhaus folgte den Werkdeutungen konzentriert und goutierte die Hörerlebnisse mit viel Applaus. (Foto: Dietmar Mathis)