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10.08.2019 |  Peter Füssl

Alles ist möglich – Große stilistische Bandbreite und viel Raum für spannende Neuentdeckungen bei den Bezau Beatz

Nie zuvor war das Publikumsinteresse so groß, und wenn die Wetterlage am letzten Tag keinen Strich durch die Rechnung macht, werden die 12. Bezau Beatz einen neuen Zuschauerrekord aufstellen. Mittlerweile trifft man im Gespräch zwischen den Konzerten vermehrt auf in alle Richtungen offene Musik-Touristen, die dieses innovative Festival in den Bergen gleich auch mit einem Kurzurlaub verbinden. Dies ist umso bemerkenswerter, weil Festivalorganisator Alfred Vogel sein Credo „Qualität vor Quote“ durchaus ernst nimmt und auf authentische und außergewöhnliche Künstler setzt, die nicht immer unbedingt leichte Kost servieren. „Gekocht“ wird aber stets auf hohem Niveau. Die drei Konzerte am Abend des zweiten Festival-Tages mit Théo Ceccaldis Freaks, Intensivstation und Trixie Whitley haben das wieder einmal deutlich gemacht.

Sechs französische Freaks entfachen einen Orkan

Der französische Geiger Théo Ceccaldi und seine fünf Mitstreiter starteten ihren Auftritt mit einem absoluten Power-Stück auf einem Intensitätslevel, zu dem andere Bands oft erst am Ende ihres Konzerts gelangen. Mit der Haltung witziger und gut gelaunter Punks wildern sie in allen musikalischen Revieren, verlocken zu absurden Phantasievorstellungen wie „Sun Ra auf Heavy-Metal-Trip“ und sorgen mit ihren trefflichen Kombinationen von Disparatem für permanente Aha-Erlebnisse: Infernalischer Krach im Wechselspiel mit lieblichen Gesängen, Tongeplänkel von eindringlichen und eingängigen Riffs unterbrochen, Zappaeskes, aufgepeppt mit der Zirkularatmungsartistik der zwei röhrenden Saxophonisten Quentin Biardeau und Mathieu Metzger, oder der seltsam entrückt wirkende Gitarrist Giani Caserotto auf Spacecowboy-Trip. Scheinen alle auf einer sanften Wolke dahinzureiten, wird unter Garantie etwas Brachiales nachgeschoben, und fährt mal ein Rhythmus total in die Beine, werden gleich gefährliche Breaks als Stolperfallen eingebaut. Das Sextett – allen voran der charismatische Geigenderwisch Ceccaldi mit seinen ungemein kraftvollen Soloexzessen – versprüht pure Energie. Eine umwerfend kreative und expressive Abreaktionsmusik auf höchstem musikalischem Level – hier ist Vieles kalkuliert und wohldurchdacht, was dann spontan zur Ekstase getrieben wird. Und genau das macht den Charme der Franzosen aus. Anschließend konnte man diese Flut an musikalischen Anregungen auf einer gemütlichen Fahrt mit dem Wälderbähnle durch das satte Grün dieser wunderbaren Landschaft nachwirken lassen. Wer wollte, konnte aber auch zu DJ-Klängen von YnnY & Berti Basement das Tanzbein schwingen.

Nomen est omen: Intensivstation

Der aus Frankfurt stammende und in Berlin lebende Multiinstrumentalist John Schröder, der vor allem mit dem Trio „Der Rote Bereich“ bekannt geworden ist, der Schweizer Bassist und Elektroniker Wolfgang Zwiauer und Bezau Beatz-Mastermind Alfred Vogel am Schlagzeug spielen schon seit mehreren Jahren sporadisch immer wieder einmal zusammen. Bei den Bezau Beatz luden sie nun mit einer fünfundvierzig Minuten langen, freien Improvisation zur Entdeckungsreise in bislang unerforschte musikalische Gefilde ein, und wem es glückte, sich in den musikalischen Strom einfach hineinfallen und mittreiben zu lassen, konnte am Vergnügen der Musiker durchaus partizipieren. Schröder entlockte Gitarre und Fender Rhodes, oftmals auch simultan, außergewöhnliche Klänge, während Zwiauer mit dem Bass für ein Minimum an Erdung sorgte und Vogel das rhythmische Zentrum lautmalerisch zu umkreisen schien. Handfester ging es meistens zu, wenn Schröder an die zweiten Drums wechselte und die Intensität erhöhte, aber der kompromisslose Verzicht auf konventionelle rhythmische,  melodische oder harmonische Konzepte ließ erwartungsgemäß auch einen beachtlichen Teil des Publikums aus dem Geschehen aussteigen. Manche zeigten sich gar verärgert, aber solche Experimente müssen auf einem Festival mit den musikalischen Ansprüchen der Bezau Beatz ihren Platz haben.

Trixie Whitley - Multitalent mit starker Stimme

Die 32-jährige Trixie Whitley hat Wurzeln in Belgien und New York und wurde als Tochter des renommierten Singer/Songwriters Chris Whitley schon früh in ihren vielfältigen Talenten gefördert: Mit zehn spielte sie Schlagzeug, mit elf tourte sie mit verschiedenen Theaterkompagnien durch Europa, mit vierzehn war sie beim renommierten Ballets C de la B engagiert, mit siebzehn lernte sie selber Gitarre und Piano und schrieb ihre ersten eigenen Lieder, nachdem sie bereits auf mehreren Produktionen ihres Vaters präsent war. Kein Geringerer als Musiker/Produzent Daniel Lanois engagierte sie ihrer expressiven Stimme wegen gemeinsam mit Brian Blade und Daryl Johnson für seine Black Dub Band, aber auch Robert Plant, Marianne Faithful oder Marc Ribot zählten zu ihren Brötchengebern. Nach den beiden hochgelobten Veröffentlichungen „Fourth Corner“ (2013) und „Porta Bohemica“ (das sie 2016 ebenfalls in Bezau vorstellte) präsentierte Trixie Whitley nun diesen März mit „Lacuna“ bereits das dritte Album unter ihrem Namen. Bei den Bezau Beatz gab es die ohne Scheu vor irgendwelchen Genregrenzen stilistisch sehr vielfältig und farbenreich, mit viel Elektronik arrangierten Songs nun „stripped to the bones“ zu hören – eine Frau, eine Gitarre, ein Keyboard, ein Piano und ein bisschen Rhythmus aus der Maschine. Auf Reduktion schwörte bekanntlich ja auch schon ihr Vater, und Trixie Whitleys eigenwilliges, aber durchaus mitreißendes Gitarrenspiel erinnert ebenfalls ein bisschen an ihn. Damit erreicht sie genauso wie mit ihren hörenswerten Auslassungen am Piano das vordringliche Ziel, ihre ungemein ausdrucksstarke und wandlungsfähige Stimme ins beste Licht zu rücken. Von der Sprechstimme her verfügt sie über einen prickelnd-angenehmen Alt, der sich gesanglich problemlos in höhere Register erweitern lässt, um an Ausdrucksstärke zu gewinnen. Leider ist bei zwei der drei Gesangsmikros einiges von der Magie dieser außergewöhnlichen Stimme buchstäblich verhallt, aber der Auftritt in Bezau vermittelte klar, dass Fans unkonventioneller, kritisch reflektierter Singer/Songwriter-Kunst Trixie Whitley vermehrt auf dem Radar haben sollten.     

Fazit eines vielschichtigen Abends: Die Bezau Beatz sind längst zu einer herausragenden Spielwiese für Musikerinnen und Musiker auf der einen und Musikbegeisterte auf der anderen Seite geworden, die das Außergewöhnliche und Überraschende lieben und sich mitunter auch auf Herausforderndes jenseits der musikalischen Komfortzone einlassen wollen. Ein absolutes No-Go ist aber die Lautstärke, mit der sich manche Festivalbesucher mit Fortdauer des Abends vor dem Eingang der Wälderbähnle-Remise bemerkbar machen müssen - das stört die MusikerInnen, im konkreten Fall Trixie Whitley, und all jene, die gekommen sind, um zuzuhören.

Théo Ceccaldi's Freaks sorgen mit ihren trefflichen Kombinationen von Disparatem für permanente Aha-Erlebnisse (alle Fotos: © Stefan Hauer)

Théo Ceccaldi's Freaks sorgen mit ihren trefflichen Kombinationen von Disparatem für permanente Aha-Erlebnisse (alle Fotos: © Stefan Hauer)

Das Sextett – allen voran der charismatische Geigenderwisch Ceccaldi mit seinen ungemein kraftvollen Soloexzessen – versprüht pure Energie

Das Sextett – allen voran der charismatische Geigenderwisch Ceccaldi mit seinen ungemein kraftvollen Soloexzessen – versprüht pure Energie

John Schröder, Wolfgang Zwiauer und Alfred Vogel wurden als Trio Intensivstation mit ihrer 45-minütigen freien Improvisation für viele zur ganz besonderen Herausforderung

John Schröder, Wolfgang Zwiauer und Alfred Vogel wurden als Trio Intensivstation mit ihrer 45-minütigen freien Improvisation für viele zur ganz besonderen Herausforderung

... aber dass sich die Geister auch mal scheiden dürfen, ist Teil des musikalischen Konzepts, das Schlagzeuger und Festivalorganisator Alfred Vogel den Bezau Beatz zugrunde gelegt hat

... aber dass sich die Geister auch mal scheiden dürfen, ist Teil des musikalischen Konzepts, das Schlagzeuger und Festivalorganisator Alfred Vogel den Bezau Beatz zugrunde gelegt hat

Willkommene Abwechslung - eine Fahrt mit dem Wälderbähnle, inklusive (falls gewünscht) DJ-Beschallung

Willkommene Abwechslung - eine Fahrt mit dem Wälderbähnle, inklusive (falls gewünscht) DJ-Beschallung

Trixie Whitley, ein Multitalent mit viel Potential und ausdrucksstarker Stimme

Trixie Whitley, ein Multitalent mit viel Potential und ausdrucksstarker Stimme

Freunde unkonventioneller, kritisch reflektierter Singer/Songwriter-Kunst sollten die New Yorkerin mit belgischen Wurzeln vermehrt auf dem Radar haben (alle Fotos: © Stefan Hauer)

Freunde unkonventioneller, kritisch reflektierter Singer/Songwriter-Kunst sollten die New Yorkerin mit belgischen Wurzeln vermehrt auf dem Radar haben (alle Fotos: © Stefan Hauer)

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  • John Schröder, Wolfgang Zwiauer und Alfred Vogel wurden als Trio Intensivstation mit ihrer 45-minütigen freien Improvisation für viele zur ganz besonderen Herausforderung John Schröder, Wolfgang Zwiauer und Alfred Vogel wurden als Trio Intensivstation mit ihrer 45-minütigen freien Improvisation für viele zur ganz besonderen Herausforderung
  • ... aber dass sich die Geister auch mal scheiden dürfen, ist Teil des musikalischen Konzepts, das Schlagzeuger und Festivalorganisator Alfred Vogel den Bezau Beatz zugrunde gelegt hat ... aber dass sich die Geister auch mal scheiden dürfen, ist Teil des musikalischen Konzepts, das Schlagzeuger und Festivalorganisator Alfred Vogel den Bezau Beatz zugrunde gelegt hat
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