Die Schubertiade Schwarzenberg hat dem Bregenzerwald enorm viel touristisches Entwicklungspotenzial geboten. (Foto: Dominic Kummer / Bregenzerwald Tourismus)
Fritz Jurmann · 18. Okt 2011 · Musik

Der neue Innsbrucker „Lohengrin“: Stockkonservativ, leicht frauenfeindlich – aber mit einem „echten“ Schwan!

Richard Wagners populäre Oper „Lohengrin“ – das ist die mit dem „Brautchor“, als „Hochzeitsmarsch“ längst Fixbestandteil unseres Wunschkonzert-Repertoires – scheint auch noch gut 160 Jahre nach ihrer Entstehung die Fantasie der Regisseure anzuregen. Während man im Vorjahr im Wagner-Mekka Bayreuth in der Deutung von Hans Neuenfels die Handlung kurzerhand in ein Versuchslabor verlegt hat, mit als Ratten verkleideten Choristen, wagte man am Tiroler Landestheater bei der Neuinszenierung von David Prins keine solchen Experimente und setzte lieber auf Bewährtes und Bekanntes, wie es das eher konservative Innsbrucker Publikum liebt. Es ist die zehnte und letzte Spielzeit von Ex-Altistin Brigitte Fassbaender, die sich damit als geschätzte Intendantin des Tiroler Landestheaters auch einen guten Abgang sichern möchte.

Die eine wie die andere Variante mag ihren Reiz haben, und nur wer beides gesehen hat, kann auch werten und vergleichen. In Vorarlberg gibt es da ein unerschrockenes Häuflein eingefleischter Wagnerianer, denen buchstäblich kein Weg zu weit ist und keine Kosten zu hoch sind, um sich im Umkreis etwa zwischen Zürich – München – Bayreuth – Stuttgart und Innsbruck bevorzugt immer wieder dieselben Wagner-Opern in stets neuen Inszenierungen anzusehen.

Richard-Wagner-Verband als Wagner-Keimzelle im Land

Organisiert sind sie im derzeit 140 Mitglieder zählenden Richard-Wagner-Verband Vorarlberg, der im Bregenzer CD-Spezialisten und Musikfachmann Peter Stemberger einen kundigen und rührigen „Vorsitzenden“ gefunden hat, wie das dort so schön altertümlich heißt. Dieser Verband ist einer von weltweit 200 Vereinen dieser Art, die bestrebt sind, das Werk Richard Wagners weiterzuverbreiten. Dies geschieht auch durch die Ernennung eines besonderen musikalischen Talentes jährlich als Stipendiaten, der dann sommers kostenlos drei Wagner-Opern in Bayreuth besuchen darf und weiter gefördert wird. Ihren Diskussionsstoff für die monatlichen geselligen „Wagner-Stammtische“ aber erhalten die Mitglieder auf den erwähnten regelmäßigen, gut organisierten Opernfahrten.

Generell gelungenes Experiment

Eine solche führte vergangenes Wochenende nach Innsbruck zum neuen „Lohengrin“ am Tiroler Landestheater. Ein durchaus mutiges Unterfangen für eine Provinzbühne, ein so bekanntes, von der Besetzung und mit drei Stunden reiner Spielzeit her auch aufwendiges Projekt auf die Bühne zu stemmen. Das Experiment darf generell als gelungen bezeichnet werden, wenn auch relativiert werden muss: Man hat in Innsbruck zwar schon Besseres, aber auch Schlechteres gesehen als diese Neuproduktion. Zudem gehört Innsbruck mit 37 Euro für die teuerste Karte im weiten Umkreis zu den mit Abstand preisgünstigsten Opernhäusern.

Mythenverbrämtes Unglück

Diese Geschichte aus der Zeit der „alten Rittersleut‘“ dreht sich rund um den geheimnisvollen Gral als Zentrum von Wagners Pseudoreligion. Lohengrin, der starke Held, Inbegriff des Guten und Beschützer der Bedrängten, taucht bald in der Handlung auf und am Schluss wieder unter, und das wörtlich: nämlich im Wasser.Die geliebte Elsa an seiner Seite, die Edle und Reine, wird von Lohengrin vor den Verleumdungen ihrer Widersacherin Ortrud und deren Mann Friedrich von Telramund in Schutz genommen. Das mythenverbrämte Unglück, mit Wagners starker Leitmotivik in der Musik farblich opulent angereichert, nimmt seinen Lauf. Am Schluss gibt es unter den Protagonisten mehr Tote als Lebende. Vorhang! Das Publikum ist begeistert.

Kaum neue Ideen in der Regie

Die Crux dieser Aufführung liegt in einer Regie, die sich nicht dazu entschließen konnte, gedanklich das zehnte Jahrhundert als Entstehungszeit der Handlung zu verlassen. Entsprechend wirkt vieles schwerfällig in dieser stockkonservativen Inszenierung von David Prins und einer wie zufälligenPersonenführung, neue Ideen gibt es wenige (was hat Ortrud in Elas Schlafgemach zu suchen?). Eine glatte Bankrotterklärung aber ist die Behandlung des legendären Schwans, der überall auf der Welt symbolhaft stilisiert wird, nur in Innsbruck „echt“ als lebensgroße Leihgabe eines Kinderkarussells auftaucht.

Dafür grenzt die Art, wie hier Elsas Charakter in devot kriechender Unterwürfigkeit ihrem Geliebten Lohengrin gegenüber gezeichnet wird, glatt an Frauenfeindlichkeit. So etwas kann man heute mit einer starken Frauengestalt wie dieser nicht mehr machen. Der Ausstattung (Marrit van der Burgt) ist nicht viel anderes eingefallen, als Solisten und Chor in teils grässliche Kostüme zu stecken. Dabei gerät sie aber doch in ein gewisses stilistisches Dilemma zwischen Neandertalern, die zu Rittern ernannt werden, und grellen Barbarella-Pink-Kostümen aus den bekannten Computerspielen.

Gute Abstimmung

Gesungen und musiziert wird auf einem insgesamt ansprechenden und akzeptablen Niveau, das der Stellung dieses Hauses entspricht. Chefdirigent Alexander Rumpf ist ein Bühnenroutinier, der das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck zwar gleich bei der Ouvertüre zu unangebrachter Eile und grober Zeichnung statt feinem Strich treibt. Im weiteren Verlauf aber pendeln sich auch die Balance und die exakte Abstimmung mit der Bühne recht gut ein, besonders die Finali der beiden ersten Aufzüge überzeugen zudem durch leuchtende Kraft im Zusammenwirken mit dem nicht nur zahlen-, sondern auch stimmkräftigen Chor (Einstudierung Jan Altmann).

Der Lohengrin ist eine tenorale Mörderpartie

An der Spitze der sechs Protagonisten macht der orientalisch angehauchte Lohengrin des in Teheran geborenen Österreichers Mehrzad Montazeri in dieser Mörderpartie das Manko seines relativ kleinen lyrischen Tenors durch den Reiz besonderer Ausstrahlung wett. Seine Elsa ist mit der vielseitigen Susanna von der Burg besetzt, die ihren kräftigen Sopran ebenso wie ihre schauspielerischen Qualitäten überzeugend einsetzt. Die Bombenrolle als Elsas zauberischer Gegenspielerin Ortrud nutzt die amerikanische Mezzosopranistin Jennifer Maines zu einer Darstellung von größter stimmlicher und darstellerischer Intensität, ihr Partner, der deutsche Bariton Joachim Seippals Telramund, ist stellenweise jenes beängstigend polternde Monstrum, wie es die Partitur verlangt. Von edler Zurückhaltung und Würde schließlich die beiden deutschen Bässe im Ensemble, Marc Kugel, der als König Heinrich etwas blass bleibt, und Andreas Mattersberger als Heerrufer.

Weitere „Lohengrin“-Aufführungen im Tiroler Landestheater Innsbruck, Rennweg 2, Beginn jeweils 18.00 Uhr, Dauer inkl. Pause vier Stunden: Samstag, 5. November; Sonntag, 20. November; Sonntag, 4. Dezember, Sonntag, 18. Dezember, Bestellungen unter kassa@landestheater.at, Infos unter www.landestheater.at