Den Entstehungsprozess hörbar gemacht – das Ensemble „Phace|Contemporary Music“ präsentierte im Rahmen der Klangspuren Schwaz Wolfram Schurigs „Tintoretto-Zyklus“
Während der vergangenen zwölf Jahre hat Wolfram Schurig einen fünfteiligen Werkzyklus komponiert. Als Ganzes wurde der sogenannte „Tintoretto-Zyklus“ im Rahmen der Klangspuren uraufgeführt. Das Ensemble „Phace|Contemporary Music“ unter der Leitung von Simeon Pironkoff spielte die Werke herausragend gewissenhaft und mit Leidenschaft. Die gute Akustik im spanischen Saal auf Schloss Ambras in Innsbruck und das Ambiente verliehen dem gut besuchten Konzert einen schönen Rahmen.
Obwohl das Werk einen Bezug zu Domenico Tintorettos Gemälde „Die Eroberung Konstantinopels durch die Venezianer“ hat, schlug sich dieser inhaltlich nicht unmittelbar in der Musik nieder. Im Eröffnungsstück „battaglia“ für Posaune und Ensemble stand in erster Linie das Verhältnis zwischen dem Solisten und dem Ensemblesatz im Vordergrund. Andrew Digby deutete seinen Part hervorragend aus. Über weite Strecken war ein Dämpfer vorgeschrieben, so dass der Posaunenklang entgegen dem Werktitel irritierend abgeschwächt erklang. Zusätzlich unterstrichen die Rollenverteilungen der Solo- und Ensemblestimmen, dass sich Wolfram Schurig hier dem traditionellen musikalischen Genre auch ironisierend näherte. Besonders deutlich kam dies bei den Anklängen an signalartige Motive zum Ausdruck.
Höhe- und Mittelpunkt
Einen Angelpunkt stellte das Solostück für Violine namens „Tintoretto: Erste Übung“ dar. Ivana Pristasova überzeugte mit ihrer Werkdeutung auf allen Linien, denn sie gestaltete die spieltechnischen und dynamischen Vorgaben differenziert aus. So boten Referenztöne Orientierung, mehrmalige Impulse und stets neue Tonqualitäten stellten die Musik in einem gut austarierten Bewegungsfluss dar.
Im Mittelpunkt stand das größte Werk des Zyklus „Augenmaß“. In dieser Komposition nahm sich Wolfram Schurig die Skizzen Tintorettos zum Vorbild. Indem er den kompositorischen Prozess direkt in Musik setzte, transferierte er die Skizzen, die sonst quasi als Vorstufen einer Komposition dienen, unmittelbar in den Schaffensprozess. Aus einem langen stehenden Akkord entwickelten sich Floskeln und klangfarbliche Markierungen, die in einem langsamen Fluss konkrete Gestalten annahmen oder sich wieder verflüchtigten. Irrwege des Kompositionsprozesses wurden in der formalen Anlage nachvollziehbar. Auch aus diesem Grund wirkte das Werk in sich brüchig und wenig abgerundet.
In sich geschlossenes Ganzes
Im Gegensatz zu „Augenmaß“ war das Schlussstück „Gravur“ in sich geschlossen und spannend angelegt in der Themenverarbeitung zwischen der Violine (Ivana Pristasova), dem Violoncello (Roland Schueler) und der Bratsche (Elaine Koene), die über weite Strecken die Vorreiterrolle spielte. Stringent ineinander geflochtene Linien wurden von stehenden Klängen durchbrochen. Besonderes Augenmerk lenkten die MusikerInnen mit spezifischen Tonqualitäten auf sich, aus deren innerer Substanz motivische Floskeln herauskristallisiert wurden.
„Tintoretto: Zweite Übung“ erklang in der reizvollen Klangfarbenkombination von Schlagwerk (Bernd Thurner) und Posaune (Andrew Digby). Aus den Instrumentalfarben und deren zahlreichen Zwischentönen und nachklingenden Passagen wurden thematische Ereignisse modelliert und weiterverarbeitet. Viele Motivgestalten verklangen mit einem vielschichtigen Obertonspektrum im Raum.
Hervorragende Werkdeutungen
Es war ein besonderes Ereignis, den Tintoretto-Zyklus von Wolfram Schurig als Ganzes erleben zu können. Gut ausgewogen in seinen Proportionen wirkte der „Tintoretto-Zyklus“. Stilmerkmale wurden deutlich, die über das ganze Jahrzehnt der Entstehungsgeschichte und über die individuellen Einzelwerke hindurch tragend sind. Hervorragend durchdachte Werkdeutungen präsentierte das Ensemble „Phace|Contemporary Musc“ mit dem exakt agierenden Ensembleleiter und Dirigenten Simeon Pironkoff am Pult. Die zugrundeliegenden Themengestalten der einzelnen Werke kamen dadurch gut zur Geltung. Die hervorragende Akustik des Saales verstärkte den positiven Eindruck des Konzertereignisses.