Tight Ships aus Lustenau beim Dynamo Festival 2026 (Foto: Stefan Hauer)
Fritz Jurmann · 30. Jän 2012 · Musik

Chorakademie Vorarlberg unter Markus Landerer in der Höchstliga: Mit Dvoráks Requiem wurden neue Maßstäbe gesetzt

Nach fünf Jahren ist es bereits zur schönen Tradition geworden, dass sich die Chorakademie Vorarlberg unter ihrem Leiter Markus Landerer in den ersten Wochen des Jahres jeweils mit einer neuen Produktion präsentiert. Auch diesmal gab es am vergangenen Wochenende drei Konzerte in der Region, in Altstätten/CH, Feldkirch und Bludenz, die durchwegs auf großes Publikumsinteresse gestoßen sind. Zumeist hat man in der Programmwahl bisher auf eher Populäres aus Barock und Romantik gesetzt, nun wagte man sich mit der Vorarlberger Erstaufführung von Antonin Dvoráks Requiem in relatives Neuland vor.

Es spricht für die Offenheit und Flexibilität der 80 ausgewählten Sängerinnen und Sänger aus ganz Vorarlberg, dass sie sich völlig unvoreingenommen von Landerer auch für ein weniger populäres Werk von hohen Ansprüchen und in ungewohnter slawischer Färbung begeistern ließen. So sehr, dass die herzenstiefe Inbrunst und der hohe Level, mit denen hier gesungen wurde, auch die Zuhörer am Samstag in der zum Brechen vollen Kapelle des Landeskonservatoriums gute eineinhalb Stunden lang ereignishaft in ihren Bann geschlagen haben. Die Ovationen des Publikums waren ein einhelliges Zeichen dafür, dass hier in einer Höchstliga des Chorgesanges neue qualitative Maßstäbe gesetzt wurden.

Wurzeln in der böhmischen Heimat

Dvoráks als Spätwerk 1890 entstandenes düsteres Requiem in b-Moll, op. 89, steht stets etwas im Schatten seines weit populäreren, lyrisch-elegischen „Stabat Mater“. Unverdienterweise, wie wir nach dieser Aufführung meinen und wie auch Markus Landerer schon zuvor mit sicherem Spürsinn erkannt hat. Denn dieses Werk verrät in seiner Mischung aus mitreißender Dramatik und slawischer Melodienseligkeit zweifellos die Pranke des genialen Könners, der in effektvoller Instrumentierung auch die Wurzeln seiner böhmischen Heimat nicht verleugnet. Da schmettern die Hörner, schluchzen die Klarinetten mit Solosopran und Alt in Terzen um die Wette, bereiten die Streicher für manche Arie einen samtenen Teppich als „Heiligenschein“. Dazu kommt Dvoráks geheimnisvolles „Todesmotiv“, das auch der musikalisch weniger Erfahrene bald erkennt, weil es sich wie ein deutlicher, immer neu variierter roter Faden durch das gesamte Werk zieht.
Doch vor allem zu Beginn des zweiten Teiles, im „Offertorium“, „Hostias“ und „Sanctus“, gerät Dvorák ganz deutlich ins Fahrwasser des Opernhaften, mit Trompeten in strahlendem Dur, knalligen Pauken und einer geradezu überschäumenden Lebensfreude, wie sie etwa Verdis „Triumphmarsch“ aus seiner Oper „Aida“ entlehnt sein könnten. Freilich schwappt dieser Höhenflug sehr rasch wieder in die gebotene düstere Grundstimmung um, das „Agnus Dei“ als letzter Teil der Totenmesse mündet in das erneut vorgetragene „Requiem aeternam dona eis, Domine“ – „Ewige Ruhe gib ihnen, o Herr“ –, mit dem das Werk ganz verhalten eingeleitet wurde. Der Kreis hat sich geschlossen.

Beschwörende Gestaltungskraft

Bei solch emotionaler Vielfalt kann Markus Landerer aus dem Vollen schöpfen, mit seiner fast mystischen, beschwörenden Gestaltungskraft und plastischen Vorstellungsgabe all dies in voller Perfektion und höchster Konzentration abrufen, was er den Seinen zuvor in einer viermonatigen Probenzeit seit Oktober vermittelt hat. Und das ist natürlich nicht nur das Treffen der richtigen Töne, sondern vor allem die geistige Erfassung dieses Werkes in seiner Gesamtheit, mit dem Ausdruck der Schrecken des Todes ebenso wie den Tröstungen der heiligen Religion, auch seiner slawischen Tönung mit entsprechendem Vibrato. Er schärft die Diktion der Sänger, reizt ihre Dynamik zwischen Flehen und Fordern bis zum Letzten aus, verleiht ihnen in Dvoráks oft recht vertrackter Harmonik hohe Intonationssicherheit, in den Fugen die Klarheit der Linienführung. Und lässt neben der Strahlkraft des Gesamtchores auch die oft eingesetzten vierstimmigen Frauen-, bzw. Männerchöre in satter Homogenität und wunderbarer Ausdrucksvielfalt aufleuchten.

Hervorragende Gesangssolisten und kongeniale Musiker

Ein international besetztes Solistenquartett aus Landerers neuem Wirkungskreis als Domkapellmeister zu St. Stephan in Wien bildet dazu in Arien und Ensembles die adäquate Entsprechung: die Wiener Sopranistin Monika Riedler, die technisch exzellent, mit Leidenschaft, Verstand und makellosen Spitzentönen brilliert, die etwas verhalten agierende deutsche Altistin Anna Haas, der Kärntner Karl Jerolitsch mit seinem klaren, höhensicheren Tenor und der Münchner Thomas Dobmaier, dessen Bass mit nobler Phrasierung und Wärme das Fundament bereitet. Alle vier gemeinsam gelangen mit ihrer Stimmpracht im bittenden „Recordare, Jesu Pie“ zu höchster Verinnerlichung. Die „Sinfonietta Vorarlberg“ aus heimischen Musikern schließlich ist erneut der kongeniale instrumentale Partner für so viel vokalen Glanz, gut besetzt in allen Registern und mit feinem Gespür für farbenreiche Zwischentöne und stimmige Balance zu Solisten und Chor.
Zweifellos ein Markstein in der noch jungen Geschichte der Chorakademie Vorarlberg, der Markus Landerer nach eigenem Bekunden auch weiterhin als allseits verehrter Dirigent treu bleiben will. Auch wenn er nach Übernahme seines Amtes in Wien im Jahre 2007 inzwischen bereits sämtliche übrigen Verpflichtungen in Vorarlberg zurückgelegt hat.