Beeindruckende Aufführung von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium
Immer diese Veränderungen. Jetzt hatte man endlich auch Leute, die mit klassischer Musik gar nichts am Hut haben, soweit gebracht, dass sie wussten was und wo das "Kons" ist, und plötzlich gibt es das Landeskonservatorium gar nicht mehr. Es ist seit diesem Studienjahr Österreichs erste und einzige Privathochschule.
Privat deshalb, weil nicht der Bund sondern wie bisher ausschließlich das Land die Finanzierung übernimmt und Hochschule, damit man – unabhängig von externen Institutionen wie bisher dem Mozarteum Salzburg – eigene Masterstudiengänge anbieten und die begehrten ECTS-Punkte vergeben kann. Beides muss man, um international nicht auf dem Abstellgleis zu landen. Erkauft wird der Titel Stella Vorarlberg Privathochschule für Musik GmbH mit zahlreichen Auflagen, sicher auch einem mehr an Bürokratie und höheren Kosten. Professoren müssen bestellt, ein Senat und ein Hochschulrat müssen installiert werden. Dass es mit diesen beiden Gremien mitunter auch kompliziert werden kann, davon wissen die Kolleg:innen aus Salzburg und Wien spätestens seit den letzten beiden Rektoren-Neubestellungen ein Lied zu singen.
Ein Meister der Nachhaltigkeit
Um diese Neuausrichtung zu feiern und einen starken vorweihnachtlichen Akzent zu setzen, ist Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium BWV 248 die perfekte Wahl. „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage" – auch der Text scheint wie gemacht für diesen Anlass. Auf dem Programm standen die Teile 1-3 mit Geburt Jesu, Verkündigung der Geburt durch die Engel und Anbetung der Hirten. Schade eigentlich, dass die Teile 4-6 so viel seltener zu hören sind, aber sie sind auf das Dreikönigsfest konzentriert und so kurz nach Weihnachten ist das Musikleben überall meist noch im Ferienmodus. Musikalisch sind diese drei Teile den ersten dreien zumindest ebenbürtig.
Wie Rektor Jörg Maria Ortwein in seiner Begrüßungsrede bemerkte, war J.S. Bach ein Meister der Nachhaltigkeit, indem er ständig eigene Werke neu bearbeitete und mit geändertem Text wiederverwertete. Große Teile des Weihnachtsoratoriums sind so entstanden. Dieses Verfahren war in der Barockzeit selbstverständlich, da viele Werke für ganz einen speziellen Anlass komponiert wurden, ohne die Chance einer weiteren Aufführung. Nur so ist auch die unglaubliche Anzahl an Werken von Bach, Händel oder Vivaldi zu erklären, Musik galt damals weniger als hohe Kunst, entscheidend war in erster Linie ihre Verwendung als Gebrauchsmusik für Adel und Kirche.
Historisch informiert
Die Aufführung am dritten Adventsonntag im Festsaal des Landeskons... – sorry, der Stella Privathochschule – war ein beeindruckendes Leistungszeugnis dieser Institution. Eine sehr junge Truppe von 40 Sänger:innen und Instrumentalist:innen unter der Leitung von Benjamin Lack zeigte, wieviel Potenzial in diesem Haus steckt und in welche Richtung es künstlerisch in nächster Zeit gehen könnte. Ein 20-köpfiges Vokalensemble, zusammengesetzt aus Student:innen der Vokalklassen, übernahm sowohl die Aufgabe des Chores als auch sämtliche Solopartien. Das ebenso große Orchester zeigte das hohe Niveau der Instrumentalabteilung. Inmitten all der jungen Musiker und Musikerinnen bildete Johannes Hämmerle an der Truhenorgel das harmonische Zentrum dieser Aufführung.
Benjamin Lack hat die Vokalist:innen und Instrumentalist:innen perfekt einstudiert. Es wird auf modernem Instrumentarium gespielt, einzig die Trompeten und Pauken sind historische Instrumente. Es wäre in dieser Konstellation durchaus originell gewesen, den einst sehr beliebten, in letzter Zeit allerdings in Ungnade gefallenen modernen Piccolotrompeten wieder einmal eine Chance zu geben. Benjamin Lacks Tempi sind rasch, manchmal sogar ein wenig ungeduldig, zum Beispiel in der Hirtenmusik zu Beginn des zweiten Teils. Es entsteht aber ein großer musikalischer Bogen vom Eingangs- bis zum Schlusschor und insbesondere in den großen Ensembles verbinden sich alle Kräfte zu einem wunderbar ausbalancierten Bach-Klang. Die achtzehn Sänger:innen klingen, als wären sie doppelt so viele, Streicher und Holzbläser spielen historisch informiert und über allem glänzen Barocktrompeten und Barockpauken.
Beeindruckende Gesamtleistung
Obwohl das Weihnachtsoratorium so viele solistische Aufgaben enthält, steht bei dieser Aufführung die Kollektivleistung im Vordergrund. Es wäre ungerecht, aus den vokalen Solopartien jemanden hervorzuheben. Karoline Streibich, Anjulie Hartrampf, Jaegyeun Choi, André Sesgör, Sarah Kling, David Höfel, Sarah Schmidbauer und Nina Oberhauser gestalteten ihre Solopartien hervorragend, alle hatten sehr hohe aber ebenso unterschiedliche Qualitäten was Stimmvolumen, Klangfarbe und musikalische Gestaltung betrifft. Eine besondere Herausforderung ist die Partie des erzählenden Evangelisten. Der Tenor Clemens Breuss meisterte diese spezielle Aufgabe souverän mit heller, leichter Stimme.
Im Orchester glänzten Quentin Föhr und Stefan Negurici an der Oboe d'amore, die Trompetengruppe mit Leo Heck, Ètienne Hoschek, Benedikt Bär und dem brillanten und nervenstarken Solotrompeter Oliver Biedermann sowie die Konzertmeisterin Veronika Kahrer, die das Violinsolo der Arie „Schließe, mein Herze" wunderschön gestaltete.
Bachs Weihnachtsoratorium gehört zur Vorweihnachtszeit wie Adventkränze, Weihnachtskekse oder der heilige Nikolaus. Danke an alle Mitwirkenden der Stella Privathochschule für dieses musikalische Geschenk.