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07.06.2019 |  Anita Grüneis

8. Schlossmediale Werdenberg eröffnet: Eine Uraufführung mit einem Goldkehlchen 

„Was für ein fulminanter Start“, meinte Geschäftsleiter Thomas Gnägi, als er die 8. Schlossmediale Werdenberg eröffnete. Seine Bemerkung bezog sich zwar auf das Wetter, es hätte aber ebenso gut auf das erste Konzert im zehntägigen Festival für Alte und Neue Musik gepasst. Es ist ein Festival, das in seiner Eigenart mit dem be- und umspielten Schloss nirgendwo anders stattfinden könnte. Das diesjährige Motto lautet „Gold“.

Wurden in den letzten Jahren Themen rund um Schloss Werdenberg aufgegriffen wie „Idylle“ oder „Wild“, so steht dieses Jahr etwas im Mittelpunkt, das nicht im Schloss anwesend ist: Gold, „das verdichtete Sonnenlicht“, wie es die künstlerische Leiterin Mirella Weingarten bei ihrer Eröffnungsrede bezeichnete. Ob Rheingold, Blutgold, Goldkiste, Goldmarie oder Goldkehlchen – diese und weit mehr Begriffe sind an der diesjährigen Schlossmediale zu finden. Beispielsweise in der Ausstellung, die vom Erdgeschoss bis zum Dachboden reicht und das ganze Schloss Werdenberg in einen Goldrausch versetzt. So finden sich in der alten Apotheke exakt 511 Objekten, in deren Namen das Wort „Gold“ zu finden ist. Albrecht Fersch hat sie für sein Kunstwerk „Opus Magnum“ zusammengetragen und verkauft sie während des Festivals. Jeder Käufer erhält ein Zertifikat über die Einmaligkeit seines Massenprodukts - ob Goldbären, Gold-Zack Gummi, Hafergold oder Goldhasen!

Ein Schloss voller Figurinen

Imposant auch die Figurinen von Marion Steiner, der Schweizer Kostümbildnerin, die dieses Jahr als Künstlerin im Fokus steht. Ihre „Goldwesen“ bevölkern das Schloss, ob Widderwille, Spiegelgold, Rache-Engel oder Stroh-Marie – sie alle beleben das Schloss von oben bis unten mit ihrer geheimnisvollen Präsenz. Der Stipendiat Frank Bölter baute für die Schlossmediale den „langsamsten Formel 1-Rennwagen der Welt“ in Lebensgröße aus goldenen Rettungsdecken. Der zweite Stipendiat Miguel Rothschild installierte in einem Raum „Crash” - zwei überdimensional große Diamanten aus zertrümmertem Sicherheitsglas. 

Die Uraufführung der fatalen Berührung

Doch in erster Linie ist die Schlossmediale ein Musik-Festival. „Goldne Zeit“ nannte sich das ungewöhnliche Eröffnungskonzert mit der Uraufführung des Auftragswerkes „Tocco“ von Manuela Kerer. Die 39-jährige Südtirolerin vertonte in ihrem Werk den Mythos von König Midas; vor allem jenen Moment, in dem Midas seine Tochter berührt, die daraufhin zu Gold wird. Interpretiert wurde ihr Stück vom Arcis Saxophon Quartett – drei Männer und eine Frau aus München mit Sopran-, Alt-, Tenor- und Baritonsaxophon. Wer jemals dachte, Saxophon sei nur etwas für Jazzer, der irrt gewaltig. Diese vier jungen Musiker zeigten, dass ein Saxophon auch eine Oboe, eine Geige oder ein Schlagzeug sein kann. 

Das Goldkehlchen Sara Maria Sun

Das Werk „Tocco“ begann im Erdgeschoss des Schlosses, wo die Sopranistin Sarah Maria Sun als Tochter von König Midas über dem Eingangsportal kauerte, als wolle sie sich verstecken. Nur ihre Stimme war hin und wieder zu vernehmen, als sich die Musiker mit ihren Instrumenten im Raum versammelten um dann mit dem Publikum einen Stock höher zu ziehen. Dort geschah sie dann, die fatale Berührung durch den Vater, wodurch die Tochter zu Gold wurde. Die Musik von Manuela Kerer schlich sich dem Publikum unter die Haut und Sarah Maria Sun machte die Tochter zur Persönlichkeit: Ihre Stimme raunte und zischte, hauchte und gellte, schwoll an, als wolle sie platzen, um dann wieder in Zwischenlauten zu vergehen. Sie lieferte sich so lange Tonduelle mit den Musikern, bis nur noch tonlose Töne übrigblieben und ihr Mund zum Schrei geöffnet war wie beim gleichnamigen Bild von Edvard Munch. Das Wesen Mensch war zu Gold erstarrt und verstummte. Ein Hammerwerk.    

Klassik und Moderne vereint in Musik

Nach dieser Uraufführung spielte das Arcis Saxophon Quartett mit viel Verve zwei Klassiker: das Capriccio in E-Moll von Felix Mendelssohn-Bartholdy und die rumänischen Volkstänze von Béla Bartók. Beide Stücke klangen nach Jazz und Klezmer Musik, nach Polka und Fröhlichkeit. Doch dann wanderte das Publikum noch einen Stock höher, wo die Sopranistin Sarah Maria Sun mit dem Werk für Sopran und Elektronik „Erba nera che cresci segno nero tu vivi“ des 44-jährigen Komponisten Mauro Lanza aufwartete. Virtuos baute sie mit ihrer Goldkehlchen-Stimme einen klanglichen Dialog mit der Musik ab Band auf, bei dem sie ihre stimmlichen Lautmalereien exakt den Tönen anpasste. Dabei erinnerte sie mit ihrer unglaublich wandlungsfähigen Stimmgewalt an die grandiose Sängerin aus dem Film „The Fifth Element“.
Mit den 6 Bagatellen für Bläserquintett – die sich sehr wohl auch für ein Quartett eignen, wenn es so virtuos kommuniziert wie die vier MusikerInnen vom Arcis Saxophon Quartett: Claus Hierluksch, Ricarda Fuss, Edoardo Zotti und Jure Knez, endete das Konzert. Ein fulminanter Auftakt für die goldenen Zeiten im Schloss Werdenberg. Das Stimmwunder Sarah Maria Sun ist am Samstag, den 8. Juni um 20 Uhr noch einmal zu erleben, bevor sie wieder weltweit in den großen Opernhäusern und Konzertbühnen gastiert.

Das Festival dauert noch bis 16. Juni 2019. 
www.schlossmediale.ch

 

 

 

 

Das Arcis Quartett und Sarah Maria Sun

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Der goldene Ferrari von Frank Bölter

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Marion Steiners "Rache-Engel"

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Die Diamanten von Miguel Rothschild

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