Das Ensemble NAMES aus Salzburg gastierte erstmals bei den Bludenzer Tagen zeitgemäßer Musik. (Foto: Erhard Sprenger)
Fritz Jurmann · 19. Mär 2012 · Musik

„Hojotoho!“ An der Münchner Staatsoper hat man schon vor dem Gedenkjahr Richard Wagners „Walküren“ von der Leine gelassen

Opernhäuser in aller Welt matchen sich derzeit in dem Bestreben, dem Genius Richard Wagners zu seinem 200. Geburtstag im kommenden „Wagner-Jahr“ 2013 auf möglichst spektakuläre Weise beizukommen. Als Maß aller Dinge in solchen Fällen gilt seit Lebzeiten des Bayreuther Meisters noch immer sein Opus magnum, das insgesamt 16-stündige Bühnenfestspiel „Der Ring des Nibelungen“. In dieser Tetralogie gilt das einleitende „Rheingold“ als „Vorabend“, der eigentliche Kern ist ein Opern-Dreiteiler, der mit der „Walküre“ beginnt.

Und die hatte, nach „Rheingold“ vor ein paar Wochen, eben an der Münchner Staatsoper Premiere, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ werden dort noch bis Ende der Saison im Sechs-Wochen-Abstand gestemmt. Das Haus unter dem aus Wien stammenden Intendanten Nikolaus Bachler hat also den ersten Jubiläums-„Ring“ bereits ein Jahr vor dem Ereignis komplettiert und damit die Nase vorn.

Sehens- und hörenswertes Ereignis

Ob diese Neuinszenierung auch im Vergleich mit anderen Häusern reüssieren kann, wird sich erst zeigen, die Vorzeichen stehen gut. Die dritte Vorstellung dieser Produktion am Sonntag jedenfalls geriet zu einem durchaus sehenswerten, durch die kompetente musikalische Besetzung vor allem aber auch besonders hörenswerten Opernereignis. Der Jubel in dem mit 2.100 Personen ausverkauften größten Opernhaus Deutschlands mit seinen fünfstöckigen Rängen, das nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg 1963 komplett rekonstruiert wurde, war nachhaltig. Freilich: Wagner muss man sich erst einmal „ersitzen“, und das gilt für die „Walküre“ im Besonderen. Denn es ist ein relativ handlungsarmes Werk, das zum Großteil von langen, intensiven gesanglichen Dialogen auf höchstem intellektuellen Niveau lebt, eine „Diskurs-Oper“ also, der auch die Beteiligung eines Chores fehlt, der ein Bühnengeschehen normalerweise aufpeppt.
Um 16 Uhr geht es los, um 21.40 Uhr verlässt man nach den letzten Applausorgien das Haus – macht über fünfeinhalb Stunden Gesamtspielzeit. Abzurechnen sind 80 Minuten an Pausen zwischen den drei Aufzügen, bleiben also netto noch immer über vier Stunden konzentriertes Operngeschehen. Für „normale“ Opernfreunde vielleicht eine Zumutung, für echte Wagnerianer, ausgestattet mit entsprechendem Sitzfleisch und der nötigen geistigen Ausdauer, jedoch ein Fest. Für sie kann eine Wagner-Oper nie lang genug sein – sie ist in jedem Fall zu kurz.

Uraufführung in München

Eine besondere Aura ergibt sich für das Publikum in dem Bewusstsein, dass dieses Werk 1870 nicht in Bayreuth, sondern in ebendiesem Haus, dem früheren Nationaltheater, uraufgeführt wurde. Dies geschah auf Wunsch von Wagners großem Förderer König Ludwig II. und gegen den Willen des Komponisten, der damit trotzig auch seine Anwesenheit bei der Premiere verweigerte. Das änderte freilich nichts daran, dass Wagner gerade mit seiner „Walküre“ ein Geniestreich gelungen ist, der bis heute von allen Teilen des „Rings“ vom Publikum am meisten geliebt wird.

Von Göttern, Halbgöttern und Menschen

Dieses „Weltenmärchen“ lebt von einem geistigen Spannungsfeld zwischen Göttern und Menschen, die hier zum ersten Mal ins Geschehen eingreifen. Und dann gibt es da noch diese Zwischenwesen, „Halbgötter“ – das sind die „Walküren“, die diesem Werk den Namen gaben, streitbare Weiber, Amazonen, alle mit blonden langen Haaren, mit Schild und Speer ausgestattet und zur höheren Ehre ihres Göttervaters Wotan unterwegs. Mit dem Schlachtruf „Hojotoho!“ aus Wagners typisch vokalreicher Fantasiesprache sammeln sie Wotan ein Heer aus lauter Toten, die den ganzen zweiten Aufzug lang den Bühnenboden füllen und noch im dritten gepfählt ausharren müssen. In Summe eine Anzahl an blutigen Leichen, die jeden TV-Krimiautor vor Neid erblassen lassen müsste. Und bloß eine Interpretation von Regisseur Andreas Kriegenburg, der ansonsten die Geschichte anschaulich und unspektakulär erzählt.

Inzest und Ehebruch

Mit einer Ausnahme freilich, die bei der Premiere fast zu einem Skandal, beim dritten Mal nur noch zum Skandälchen wurde. Als das Publikum am Beginn des dritten Aufzuges den auch durch die opernferne Verwendung im Film „Apocalypse now“ berühmten „Walkürenritt“ erwartet, erscheint stattdessen eine Truppe als Pferde mit langen Mähnen gestylter Mädels, die stampfend („stomp“) in Modern-Dancing-Manier, aber ohne Musik über die Bühne keuchen, immer und immer wieder. Und das etwa zehn Minuten lang, bis auch hier die ersten „Aufhören!“-Rufe aus dem Publikum schallen.
Die Handlung beginnt damit, dass Wotans menschlicher Sohn Siegmund auf der Flucht unwissend ins Haus seines Gegenspielers Hunding kommt und in dessen Frau Sieglinde seine eigene Zwillingsschwester erkennt. Es kommt, wie es kommen muss: Die beiden verlieben sich ineinander und zeugen flugs den kleinen Siegfried, der in der nächsten Folge des „Rings“ die Hauptrolle spielen wird. „Inzest und Ehebruch – man ist entzückt!“, hat der Humorist und Wagnerverehrer Loriot diesen Umstand trocken kommentiert. Göttervater Wotan, der gedacht hatte, das Zwillingspaar würde seine Macht sichern, muss nach dem Willen seiner Frau Fricka den Sohn opfern. Seine Lieblingstochter Brünnhilde, eine der Walküren, widersetzt sich dem Vater und will das geschwisterliche Paar schützen, freilich vergebens: Siegmund stirbt durch Hundings Hand als Held. Für ihren Ungehorsam soll Brünnhilde für immer aus dem Götterreich Walhall verbannt sein, doch Wotan hat schließlich ein Einsehen und bewahrt die schlafende Walküre in einem schützenden Feuerkreis – ein umwerfendes Opernfinale auch in dieser Inszenierung.

Hervorragende darstellerische Qualitäten

Harald B. Thor hat dafür eine weite, offene Bühne gestaltet, die variabel die Räume eng und weit machen kann und damit eine Analogie zu den jeweiligen Seelenzuständen und dem körperlichen Wohl oder Wehe von Göttern und Menschen andeutet. Dabei ist es nicht nur ein Glücksfall, sondern geradezu eine Voraussetzung dieser werkgetreuen Inszenierung um Krieg und Gewalt, dass das singende Personal durchwegs auch über hervorragende darstellerische Qualitäten verfügt.

Thomas J. Mayer trumpft auf

Der als neuer deutscher Startenor gehandelte Klaus Florian Vogt legt seinen Siegmund als naiven Naturburschen an, und weil er seine Liebesarie „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ so wunderbar leicht, hell leuchtend und lyrisch wie ein Schubertlied singt, könnte man sich diesen Sänger sehr gut auch bei unserer Schubertiade vorstellen. Herrlich unprätentiös und natürlich, von großer Intensität, dabei stimmlich mit nur wenigen Abstrichen, die Sieglinde von Anja Kampe. Gesanglicher Mittelpunkt des Abends aber ist Thomas J. Mayer als Wotan, eigentlich ein Einspringer, der mit unglaublicher Bühnenpräsenz und Kraft auftrumpft, im langen, berührenden Abschied von Brünnhilde aber auch sehr lyrische Töne vernehmen lässt. Diese ist mit Katarina Dalayman besetzt, die über ein ansehnliches Forte und viele stimmliche Facetten verfügt. Nicht ganz das Besetzungsideal verkörpert Sophie Koch als Fricka mit störendem Vibrato und mangelhafter Diktion, dagegen ist Ain Anger ein mächtiger, gefährlicher Hunding.

Große Fußstapfen für Petrenko

Besonderes Profil erhält der neue Münchner „Ring“ durch den nach sechs Jahren scheidenden Generalmusikdirektor Kent Nagano am Pult des glänzend disponierten und strapazierfähigen Bayerischen Staatsorchesters, dem er immer wieder Klänge von zauberhafter Schönheit entlockt, sich bei der Sängerbegleitung aber erfreulich zurücknimmt und dafür in den Solopassagen wie dem „Walkürenritt“ und dem finalen „Feuerzauber“ aufzutrumpfen versteht. Das wird keine leichte Aufgabe für unseren russischen Wahlvorarlberger Kirill Petrenko, der als neuer GMD ab 2013/14 in München amtiert und als Dirigent der Folgeaufführungen des „Rings“ im eigentlichen Jubiläumsjahr damit große Fußstapfen vorfindet. Zudem wird Petrenko im kommenden Sommer auch den Bayreuther Jubiläums-„Ring“ leiten.

 

Die vorläufig letzte Vorstellung von Wagners „Walküre“ in München findet am Sonntag, 25. März, 16.00 Uhr, statt und ist bereits ausverkauft, weitere Termine sind bei den Münchner Opernfestspielen im Juli geplant sowie bei der Wiederaufnahme ab Jänner 2013.
Infos und Bestellungen unter www.bayerische.staatsoper.de