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18.01.2012 |  Ingrid Bertel

Wo man Geschichte spüren kann – ein Bildband von Dietmar Walser über Hohenems

„Menschen auf die Vielfalt in Hohenems aufmerksam zu machen“, das ist das Anliegen des Fotografen Dietmar Walser. Und die schönsten Seiten der Stadt und ihrer Umgebung präsentiert er in einem Bildband, der um fünf Essays erweitert ist.

„Ich hab gar nicht gewusst, dass Hohenems so schön sein kann“, sagt ein Bekannter, der in dem Buch blättert. Zweifelsohne versteht Dietmar Walser viel von Fotografie – von der Suche nach der packenden Lichtstimmung, dem eindrücklichen Bildausschnitt, der überraschenden Position. Das kann die Weite der Landschaft sein – etwa wenn ein Bild den begradigten Rhein und die Aulandschaft des Alten Rheins zwischen den Orten zeigt, sogar den durchgeschnittenen Kummenberg. Das kann ein zauberhaftes Herbstbild der Burgruine Alt-Ems sein – ein Bild wie ein Märchen. Oder es kann das Bild eines schwimmenden kleinen Mädchens sein, für das sich der Fotograf ebenfalls ins Wasser begibt. Dietmar Walser ist ein sportlicher Fotograf, der die Nordwestwand des Hohen Freschen in Szene setzt, als wäre es der Annapurna, der Ski fahren, klettern, fliegen geht, um auch die versteckten Schönheiten von Hohenems ins Licht zu rücken.

Die Hohenemser Ringparabel

In ihren Essays gehen sowohl Michael Köhlmeier als auch Hanno Loewy auf die Besonderheit der Geschichte von Hohenems ein, auf das einstige Nebeneinander von christlicher und jüdischer Kultur und auf das heutige Nebeneinander von agnostischer, christlicher und muslimischer Kultur – und alles auf engstem Raum, in den immer gleichen Häusern. „Hohenems in die Welt hinaustragen“, will Michael Köhlmeiers Freund, ein Drehbuchautor aus Los Angeles. „Das multikulturelle Herz meines Freundes war, ohne dass er sich dessen bewusst war, schon seit langem auf der Suche nach einem, fernab von Scheinwerfern, real existierenden Paradies, in dem auf naive Weise Toleranz und Respekt zwischen den Kulturen gelebt wurde. Und nun, nach allem, was ich ihm gezeigt und erzählt hatte, glaubte er, dieses Paradies am Fuß unseres bedrohlichen Berges gefunden zu haben.“

„Ort der Widersprüche“

Melancholische Ironie, denn natürlich ist Hohenems kein Paradies. Hanno Loewy nennt die Stadt einen „Ort der Widersprüche“, und mit Respekt zeichnet er nach, wie die Kleinstadt lernte, sich mit ihrer jüdischen Geschichte zu befassen – angestoßen von Hermann Prey und der Schubertiade, von jungen Historikern und den Nachkommen der ehemaligen Hohenemser Juden. Die Hohenemser seien zerstritten, heißt es landauf, landab. Hanno Loewy kann dem einiges abgewinnen: Schließlich geht es voran, auch wenn die Hohenemser selbst oft daran zweifeln. „Vielleicht haben sie so hohe Ansprüche an sich selbst, dass sie gar nicht merken, wie weit ihr Streit sie schon gebracht hat. Manchmal hat das Streiten sie einfach auch daran gehindert, Unsinn zu machen, z.B. den Löwensaal einfach abzureißen.“ Dort ist jetzt wieder das Puppentheater-Festival Homunculus eingezogen, „ein Festival des Understatements, der kleinen Formen, der Versuche, sich selbst neu zu erfinden.“
Ein hinreißendes Bild dieses Festivals steuert Dietmar Walser bei, den „großen Coup der kleinen Viecher“; ein lebhaftes Bild auch von der Spurensuche auf dem jüdischen Friedhof, aber – seltsam: nur ein Gesicht einer Person mit Migrationshintergrund. Es ist das zarte, schöne Gesicht der Sängerin Fatima Spar. Warum kein Blick in die Schrebergärten, wo Yilmaz neben Sutilovic, Marte neben Öztürk und Diem neben Günay gärtnert? Beim Blättern durch die vielen schönen Bilder kommt bisweilen der Verdacht auf, hier spiele Werbung die Hauptrolle.

Costa del Rhi

Der Alte Rhein hat wohl mehr Zeug zum Paradies als die Stadt. Reinhold Bilgeri singt ihm wohl und dem ewigen Kind Walter Batruel – dem Erfinder der „Costa del Rhi“ mit seinen Piraten- und Baumhaus-Träumen – ein Loblied. Dietmar Walser beobachtet springende, rudernde, tauchende Paradiesbewohner. Dem Zauber dieser uferlosen, grenzenlosen Landschaft und den glücklichen Gesichtern derer, die hier einen Sommertag verleben, kann man sich schwer entziehen. Und dann gibt es noch die Sportler. Man spürt die Nähe, die Dietmar Walser zu ihnen hat. Bastian Kresser schenkt ihm zwei charmant erzählte Geschichten – wobei man gern wüsste, wer Bastian Kresser ist. Kurzbiografien der AutorInnen, und sei es im Anhang, fehlen nämlich.

Wasserfall und Türkenbund

An die Grenzen der Stadt führt Gabriele Bösch in einem philosophischen Spaziergang mit Jean Améry. Entlang der Wasserfälle, der kaum besuchten Wege im Unterklien, überdenkt sie die zentralen Thesen aus „Jenseits von Schuld und Sühne“ und überlegt, dass sich „am Rande einer Stadt … Ausgesetztes manchmal zum Paradies“ entwickelt. Da ist es wieder, das Paradies, während Gabriele Bösch schon am Friedhof ankommt und beim ersten Grab Halt macht. „Manchmal bringe ich dem türkischen Lehrer Ahmet Alkan eine Blume mit.“ „Alpenfrieden“ nennt Dietmar Walser das beinah letzte Bild seines Buches. Von Schuttannen aus kann man diesen Frieden als innere Ruhe für sich selbst mitnehmen und die schönen Sätze von Gabriele Bösch dazu.

 

Hohenems, Bildband mit Fotografien von Dietmar Walser und Texten von Michael Köhlmeier, Reinhold Bilgeri, Gabriele Bösch, Hanno Loewy und Bastian Kresser, Eigenverlag, Hohenems 2011, www.walser-image.com

Burg Neu-Ems vor der verschneiten Bergkulisse des „Schönen Mann“

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Nachfahren von Hohenemser Juden auf dem jüdischen Friedhof auf der Suche nach ihren Wurzeln

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