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03.03.2022 |  Bettina Barnay

Wisperwasser und hot pots - Irmgard Kramer hat Schneestürme in Island überstanden und ein neues Buch geschrieben

Wer am 25. Dezember nach Island reist, hat entweder einen Forschungsauftrag, lebt in einer Fernbeziehung oder heißt Irmgard Kramer. Seit sie von Vorarlberg nach Wien gezogen ist, musste sie einige typische Wiener Winter erleben, der Corona-Winter 2020 hat das Maß vollgemacht. Das düster-matschige Grau sollte eingetauscht werden gegen einen „ghörigen“ Winter, einem mit Schnee und Eis. In Island, so konnte sie berechtigt annehmen, würde diese Vorstellung erfüllt werden.

Kramers Kinderbuchserie „Sunny Valentine“ war ins Isländische übersetzt und dort, wie überall, sehr gerne gelesen worden. Das Land, in dem Schriftsteller ein besseres Leben haben als vielerorts, revanchierte sich für den mannigfaltigen Kinderbücher-Spaß und gewährte der Autorin einen einmonatigen Aufenthalt im Gunnarshuís in Reykjavik. Das Wetter in Island war es, was Irmgard Kramer am meisten beeindruckt hat. Man stelle sich einen tobenden Schneesturm am Gipfel des Diedamskopfs vor. So war das Wetter – meistens, aber halt eben mitten in der Stadt. Das erklärt, warum die Isländer im Winter bevorzugt mit dem Auto unterwegs sind. Es gäbe vermutlich auch zu wenig Laternenpfähle, an die man sich bei einem veritablen Orkan anklammern könnte. Keine Übertreibung, an einem solchen – Laternenpfahl – hing Irmgard Kramer auf dem Weg zu einer abendlichen Einladung. Rund 100 Meter vor dem Ziel kam sie nicht mehr weiter. Eine zufällig vorbeikommende Einheimische hakte sich unter und zog sie mit. Zusammen geht eben alles besser. Das ist übrigens auch eine der Kernbotschaften in Irmgard Kramers jüngster Neuerscheinung „Wisperwasser“, aber dazu später mehr.

Bei minus 10 Grad im Freibad

Stichwort Wasser – abends trifft man sich in Reykjavik ganz gern in einem hot pot. Das ist kein Szenelokal, sondern eine heiße Besonderheit im Schwimmbad, und zwar im Freien. Man duscht, eilt im Badeanzug bei etwa minus 10 Grad ins Freie, schwimmt eine Runde und setzt sich dann in einen der hot pots. Deren Temperaturen liegen bei mehr als 40 Grad. Badewanne draußen, quasi. Es kann schon einmal passieren, dass man im hot pot neben Islands Premierministerin Katrín Jakobsdóttir zu sitzen kommt, oder gegenüber der Sängerin Björk. Die Qualität des Abends wird gemessen am Niveau der Gespräche. Mittendrin zwischen all den Isländer:innen saß also Irmgard Kramer, wärmte sich auf, genoss es und verstand kein Wort. Und um das noch zu vervollständigen: Aus dem hot pot muss man natürlich irgendwann wieder raus und barfuß zurück in die Umkleidekabine. Auf dem eisigen Boden. Kein Problem, sagt Irmgard Kramer, nach dem Besuch des hot pots ist einem mindestens 20 Stunden lang warm und dann kann man ja wieder eintauchen.
20 Stunden also, um gewärmt zu arbeiten und zu schlafen – wenn man nicht gerade von einem Erdbeben aus dem Bett geworfen wird. So geschehen gleich in der Nacht nach ihrer Ankunft. Sie lernte umgehend die Vorteile einer Kellerwohnung zu schätzen. In einer solchen residierte Irmgard Kramer nämlich und erfuhr Tage später am eigenen Leib, dass sich in einer Wohnung mit Aussicht Sturmböen und Erschütterungen jedweder Art weit ungemütlicher anfühlen als im Keller. Also alles gut, auch, und zwar besonders, die Menschen und die Kaffeehäuser, in die sich Kramer manchmal zum Schreiben begab. Das tat sie nicht allein, auch an anderen Tischen saßen Menschen und hämmerten in die Tastaturen ihrer Laptops. Island schätzt seine Schriftsteller:innen und unterstützt sie vorbildlich. Wer ein Konzept für ein Buch vorlegt, bekommt ein Gehalt, bis es fertig ist. Was für ein Land! Und jetzt war noch nicht die Rede von der Landschaft und den spektakulären Sonnenauf- und -untergängen. Zeitlich nahe beieinander, überwältigend in ihrer Pracht.

Gute Deals für gute Zeiten

Im vergangenen Jahr hat Irmgard Kramer mehrere gute Deals mit Verlagen gemacht. Vorgaben gab es keine, nur diese: Es sollte keine Reihe werden, sondern eigenständige Geschichten. Die müssen in den nächsten Monaten geschrieben werden. Die Frage nach der Inspiration entlockt Irmgard Kramer ein Kopfschütteln. Arbeit sei das, harte Arbeit. Hinsetzen und schreiben. Wo nimmt sie all die Ideen her? Ihre Geschichten strotzen vor fantastischen Entwicklungen. Und schon sind wir bei „Wisperwasser“. Die Protagonistin in Irmgard Kramers jüngst erschienenem Buch heißt Lani. Die hat verschiedene Schulen nur temporär besucht. Eine Schule gab es noch, auf der sie noch nie war und in die auch keines ihrer Stiefgeschwister geht (die sind nämlich indirekt für Lanis Schulabbrüche verantwortlich). Diese Schule trägt den Namen Luschenau. Zufällig vorkommende Ähnlichkeiten mit Namen tatsächlich existierender Orte dürfen mit Augenzwinkern zur Kenntnis genommen werden. Die Leser erfahren, dass dieser Schule ein grauenhafter Ruf vorauseilt. Es sei dort total schrecklich, die Schüler ätzend, die Lehrer noch ärger. An Lanis erstem Schultag scheinen sich alle Vorurteile zu bewahrheiten, aber wir wären nicht in einem Buch von Irmgard Kramer, wenn es sich damit hätte. In Luschenau läuft die Zeit schneller ab als draußen, die Kinder erleben eine ganze Woche in 24 Stunden. Inklusive Schlafen in einem Nest im Baumhaus und diversen Abenteuern. Die Schule mit ihrem einzigartigen Ökosystem ist bedroht, aber woher kommt die Bedrohung und wie können die Schüler:innen die Gefahr bannen?

Kino im Kopf

Zwei Dinge passieren in Irmgard Kramers Buch im Kopf auch des erwachsenen Lesers: große Heiterkeit über die kleinwinzigen und liebevollen Details, die unendlich wichtig für den Gesamteindruck sind. Und der ist im wahrsten Sinne LIEBEVOLL. Irmgard Kramer liebt ihre Protagonist:innen, sie zeichnet sie äußerst detailliert und humorvoll, und weil wir grad beim Thema Zeichnen sind: Das Buch wurde von Florentine Prechtel ebenso aufwändig wie kunstvoll illustriert. Man liest das Buch und sieht einen Film. Auch dann, wenn man die empfohlene Altersstufe (ab 8) schon etliche Jahrzehnte hinter sich gelassen hat.
Lani und ihre Schulkolleg:innen müssen nicht nur ihre einzigartige Schule, sondern auch die Insel Wisperwasser, auf der sie erbaut wurde, retten. Dazu braucht es Zusammenhalt und Vertrauen, Mut und Einfallsreichtum. Und Lehrer, die so wunderbar mutmachende Sätze von sich geben wie diese: „Ich sehe ein verzweifeltes Mädchen, das gern alles richtig machen möchte. Ein Mädchen, das einen großen Verlust erlitten hat und schon oft traurig war. (…) Ein Mädchen, das glaubt, alles allein regeln zu müssen, und dabei aber einfach nur gemocht werden und dazu gehören will. Und weil du das so unbedingt willst und noch nicht verstanden hast, dass du Fehler machen darfst und trotzdem gemocht wirst, geht in deinem Leben ganz schön viel schief. Mir scheint, du bist Unglückrabe und Glückspilz in einem.“
Lani tut sich mit ihren Klassenkameraden zusammen, beweist detektivischen Spürsinn, zieht die richtigen Schlussfolgerungen und natürlich findet alles sein gutes Ende. So soll es ja auch sein in einem Kinderbuch (und nicht nur da). Es wird keine Fortsetzung geben, keine weiteren Geschichten von Lani und Luschenau. Die Buchhändler:innen und damit auch die Verlage seien gar nicht mehr so interessiert an Buchreihen, erzählt Irmgard Kramer. Platzmangel und logistische Gründe seien dafür verantwortlich.
Also treiben sich im Kopf der Schriftstellerin schon längst neue Figuren herum und entwickeln, gemeinsam mit ihrer Schöpferin, ihre Abenteuer. Das fühle sich an wie ein Tonklumpen, dem man langsam Form verleihe, resümiert Irmgard Kramer, die seit rund vier Jahren vom Schreiben leben kann. Ihr Tätigkeitsfeld ist breit gefächert, sie schreibt für Magazine und gibt Workshops. Für die Stadt Dornbirn hat sie über die Opfer des Zweiten Weltkriegs recherchiert und geschrieben. Und mit ihren Büchern geht sie auf Lesereisen.

Lust an der Fantasie, Humor in und zwischen den Zeilen

Zwanzig Bücher hat die gelernte Volksschullehrerin bislang geschrieben, für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Einige davon sind auch als Hörbücher erfolgreich. Für „17 Erkenntnisse über Leander Blum“ erhielt sie 2019 den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis in der Kategorie Jugendbuch. Corona, das sei auch noch angemerkt, hat sie finanziell und emotional getroffen. Allein im Frühjahr 2020 sind ihr rund 10.000 Euro an Einnahmen für Lesereisen entgangen. Umso mehr freut sie sich auf jene, die jetzt bevorstehen. In Bozen und Zürich wird sie auftreten. Wer nun meint, das klinge nach Urlaub, irrt gewaltig: Drei Lesungen wird sie pro Tag absolvieren, an wechselnden Orten, mit verschiedenen Büchern für unterschiedliche Altersgruppen. In dieser Zeit wird Irmgard Kramer keine einzige Zeile schreiben, dessen ist sie sich gewiss. Aber danach wieder, und zwar mit der ihr eigenen Leidenschaft, angereichert mit Ideenreichtum und humorvoller Lust am Fantastischen.

Irmgard Kramer: Wisperwasser. Es ist unser Geheimnis.
Arena Verlag, Würzburg 2022, 248 Seiten, gebunden,
ISBN 978 3401606156, € 15,50

www.irmgardkramer.at

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