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Ingrid Bertel · 08. Mär 2016 · Literatur

Walt und wie er die Welt sah - „Was Massen mögen“ von Norbert Loacker

In seinem Essay „Was Massen mögen“ macht sich Norbert Loacker auf in die kreischbunte Welt von Disneyland und die lange Geschichte der Utopien, die zu solchen Themenparks geführt haben.

Als Francis Bacon seinen verstörten Gestalten lappenförmige Hände malte, da konnte man das noch als tiefes Erschrecken vor einem Menschenbild sehen, das mit Mickey Mouse und Donald Duck endemische Verbreitung gefunden hatte. Doch zwischen Peter Pan (1953) und Fa Mulan (1998) wich der Schrecken einem seligen Einverständnis. Wie anders ist es zu erklären, dass 50-jährige Intellektuelle ohne Scham einen Wochenend-Trip ins Disneyland antreten? Und zwar ohne ein Kind als Vorwand mitzuschleppen. Warum stürzen sich Architekten, die Disneyland beruflich jederzeit als „junkspace“ brandmarken würden, genussfreudig auf’s Dornröschenschloss? Warum fallen Sozialwissenschaftler, die sich beruflich einiges auf ihre Skepsis zugutehalten, auf einen derart marktschreierischen Slogan wie „We make the magic“ herein? Was erfreut Kreative am Pendeln zwischen shopping und dining? Welches Glück erwarten wir in Disneyland?

„We make the magic“


„1963 hat der bekannte amerikanische Stadtplaner James Rouse Disneyland als ‚den größten Wurf städtischen Designs in den USA von heute‘ beschrieben. Wer sich mit räumlicher Anordnung, Architektur und Konstruktion der gebauten städtischen Einrichtung beschäftigte, verstand Disneyland als Vorbild für Projekte wie Shopping Malls, öffentliche und private Gebäude, Sportstadien und den Umgang mit der historischen Substanz.“

53 Jahre später müssen wir konstatieren: Es ist alles eingetroffen, wie von Rouse vorhergesehen. Entsetzlicherweise. Warum das so ist, könnte mit einer Konstante zusammenhängen, die Norbert Loacker in den idealen Gesellschafts- und Architektur-Modellen vermutet, die von Thomas Morus‘ Insel „Utopia“ (1516) und Francis Bacons „Nova Atlantis“ (1626) über die französische Revolutionsarchitektur von Etienne-Louis Boullée (um 1780) bis zu den fürchterlichen Aufmarschgeländen Albert Speers, etwa dem 1937 geplanten Zeppelinfeld auf dem Reichsparteitag, Nürnberg, verlässlich aufeinander folgten.

Norbert Loacker hat sich über Jahrzehnte hinweg aus immer wieder neuem Blickwinkel mit dem Thema Utopie beschäftigt. Vielleicht ist das einem Prinzip Hoffnung geschuldet, das dem Autor im eigenen Leben 1968 aufflammte. Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt, ganz im Gegenteil, und Norbert Loacker steht nicht an, das präzise zu analysieren.

Wenn aber die linken Utopien allesamt zu Bruch gegangen sind, warum haben sich auf der rechten Seite Walt Disneys Hoffnungen so umfassend erfüllt? Was ist das Überzeugende daran?

„Culture will kill you!“


Walt Disney hatte nach Einschätzung seiner engsten Mitarbeiter den intellektuellen Zuschnitt eines Achtjährigen, allerdings eines Buben mit manifestem Hang zum Personenkult. Persönlich hasste er alles, was nach Sozialismus aussah, denunzierte für McCarthy und war befreundet mit dem Extrem-Rassisten Barry Goldwater. Es gelang ihm, „ein absolutistisches Denk- und Stilmonopol in seinem Universum durchzusetzen“, denn, so Norbert Loacker, in Disneyland „hat die Aufklärung niemals stattgefunden.“

Disneyland setzt auf eine „kollektive und totale Faszination“ – und es ist naturgemäß verführerisch, die Architektur dieses „junkspace“ mit der Architektur von Diktaturen, die auf kollektive und totale Faszination angewiesen sind, zu vergleichen. Loacker verfügt hier über brillante Kenntnisse und lange bedachte Einsichten – sein Essay analysiert Stationen europäischer Politik- und Gesellschaftsgeschichte. Es ist nur ein Puzzleteilchen, aber ein durchaus aufschlussreiches, wenn er Michael Eisner, den Chairman und Executive Officer der Disney Company bis 2005 zu Wort kommen lässt. Denn Eisner bemerkt mit entwaffnender Ehrlichkeit: „Was wir gebaut haben, konnten sich in diesem Jahrhundert nur Kirchen, Diktatoren oder Regierungen leisten.“

Welche Risiken bieten die gegen alle stadtplanerischen Auflagen hingeklotzten Traumfabriken? „Im Prinzip sind es nur zwei Techniken, die für das utopische Konstrukt Erfolg versprechen, aber nie wirklich bringen: der von A bis Z geordnete Raum und die fintenreiche Manipulation des Erlebens und Wünschens seiner Bewohner.“

Der geordnete Raum entspricht, wie Loacker zeigt, den Ordnungssystemen früherer Utopien. Was die Wünsche angeht, so zeigt sich eine zynische Reduktion des Glücks auf Konsum. Und das bedeutet die Ausschaltung von Erleben und Reflektieren gleichermaßen. Besonders deutlich wird das an einem manifesten Störfaktor in Disneyland: dem Kind. Wohl gibt die Werbung vor, das Fantasieland für Kinder gebaut zu haben. Doch die tendieren dazu, den fein austarierten Ablauf zwischen Schlange-Stehen und Kotzmaschine-Fahren, zwischen Warten auf das Foto mit Mickey und Warten auf den Burger mit Pommes durcheinander zu bringen. Provozierend, wie sie allemal sind, bestehen sie auf Spontaneität und Spiel. „Walt Disney hat diese ökonomische und psychologische Realität von Anfang an begriffen. Kurz bevor der Park öffnete, sagte er voraus, dass 80 % seiner Besucher Erwachsene sein würden …“

Der Park als Pferch


Erwachsene nämlich haben sich erfolgreich einreden lassen, die Welt sei schlecht und chaotisch; „embrace the magic“ empfahl der Disney-Slogan. Neverland erwartet den Frustbeutel und greift ihn finanziell ab. Das 1955 eröffnete Modell war dermaßen erfolgreich, dass es imitiert wurde: „Die Wendung ‚Disneyland für Erwachsene‘ wurde aufgeboten, um etwa Hugh Hefners Playboy Clubs oder die Spielcasinos von Las Vegas zu bewerben und ihr Image zu verbessern. Qualifizierte Beobachter nannten Sun City, Arizona, eine ‚Disneyland-Residenz für alte Leute‘ und das Astrodom von Houston ‚Disneyland des Baseball‘.“

Sollten Themenparks – wie diese Aufzählung suggeriert – ein rein US-amerikanisches Phänomen sein? Beileibe nicht! Denn die Disneyland-Therapie „konsumieren!“ und die Auffassung des Menschen als Manövriermasse, die haben wir uns auch in Österreich längst angeeignet. ‚Und sie reicht weit hinaus über die shopping malls bis in die Tempel der Hochkultur. Im Kunstmuseum defilieren wir mit Selfiestick an Breughel und Velázquez vorbei, und weil er in der Oper kein Popcorn knabbern dürfe, gehe er nur noch in Cineplexxe Übertragungen aus der Met anhören, sagte mir ein Bekannter, einer, der hin und wieder nach Paris fährt, um ins Disneyland zu spazieren.

 

 

Norbert Loacker, Was Massen mögen, Gebunden mit Lesebändchen, 128 Seiten, € 10,-, ISBN 978-3-99039-079-5, Limbus Verlag, Innsbruck 2016