"Der Fuchs" von Regisseur Adrian Goiginger. Derzeit in den Vorarlberger Kinos.
Markus Barnay · 04. Mär 2016 · Literatur

„Sticken und Beten“ für Familie und Gott - Jolanda Spirig beschreibt die Geschichte der Textildynastie Jacob Rohner

Dass die Geschichte der Vorarlberger Textilindustrie eng mit derjenigen der Ostschweiz zusammenhängt, ja dass die Entwicklung zum „Textilland“ Vorarlberg ohne die Impulse aus der Schweiz, ohne die großen Textilhändler aus St. Gallen und ohne die Schweizer „Fergger“, die Zwischenhändler der in Heimarbeit entstandenen Produkte aus dem Rheintal und dem Bregenzerwald, kaum vorstellbar ist, hat sich längst herumgesprochen. Umso erstaunlicher ist es, wie wenig man hierzulande über die Schweizer Firmen weiß, mit deren Entwicklung auch das Schicksal vieler Vorarlberger Textilproduzenten verknüpft war. Dabei gibt es bisweilen Verbindungen, die bis heute anhalten: Das ehemalige Verwaltungsgebäude der Jacob Rohner AG in Rebstein im St. Galler Rheintal beispielsweise war in den 1990er-Jahren eines der ersten Projekte der Dornbirner PRISMA-Gruppe, die hier den Gewerbepark ri.nova entwickelte.

Schweizer Textildynastie mit Verbindungen nach Vorarlberg


Die Geschichte dieser Jacob Rohner AG ist das Thema des jüngsten Buches der Ostschweizer Autorin Jolanda Spirig, die in Marbach, also im Nachbarort von Rebstein, lebt. Dass „Sticken und Beten“ bereits im Herbst erschien, in sämtlichen Ostschweizer Medien rezensiert wurde, aber hierzulande bis jetzt nicht einmal zur Kenntnis genommen wurde, passt bestens in das beschriebene Bild. Dabei hatte die Textildynastie Rohner vielfältige Verbindungen mit Vorarlberg: Jahrzehntelang ließ die Firma Lohnsticker im Rheintal für sich arbeiten, was während der Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren sogar zu Protestaktionen von arbeitslosen Schweizer Stickern führte - sie blockierten die Rheinbrücken von Au bis Montlingen, um gegen die Beschäftigung der billigeren Konkurrenten in Vorarlberg zu protestieren. Und in den 1980er-Jahren wurden über das Lustenauer Tochterunternehmen von Jacob Rohner sämtliche Geschäfte mit der Sowjetunion abgewickelt, beispielsweise die Produktion des Maskottchens für die Olympischen Sommerspiele. Die Sowjetgeschäfte wurden geheim gehalten, damit Rohners St. Galler Konkurrenz nichts davon erfahren sollte.

Erzkatholisches Milieu


Die Familie Rohner hatte aber auch privat vielfältige Kontakte nach Österreich: Firmengründer Jacob Rohner, selbst Angehöriger des päpstlichen Eliteordens der Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem, unterstützte das Gymnasium Stella Matutina in Feldkirch, das einst von aus der Schweiz ausgewiesenen Jesuiten gegründet worden war. Dort studierten Rohners Schwiegersohn Albert Geser ebenso wie seine Enkel. Die erzkatholische Familie, die laut Spirig in der Schweiz in einer „Parallelgesellschaft“ zur protestantischen Bevölkerung lebte, pflegte auch beste Beziehungen zu den Vätern des Austrofaschismus: 1920 empfing man in Rebstein Weihbischof Sigismund Waitz, einen der Propagandisten des autoritären christlichen Ständestaates, 1933 besuchte Albert Geser junior, Enkel des Firmengründers, den Allgemeinen Deutschen Katholikentag in Wien, wo ihn Vorarlbergs Landeshauptmann Otto Ender „den ganzen Ministern“ der Regierung Dollfuß vorstellte.

Das katholische Milieu, in dem sich die Familie Rohner-Geser bewegte, wirkte sich auch auf die Beschäftigten aus: Unter den rund 3000 Personen, die Jacob Rohner Anfang des 20. Jahrhunderts in seinen Betrieben, aber auch als Heimarbeiterinnen und Lohnsticker beschäftigte, befanden sich auch zahlreiche ausländische Hilfsarbeiterinnen, für die der Firmenchef ein Mädchenheim errichten ließ, das von katholischen Nonnen geführt wurde. Es herrscht auch innerhalb der Familie ein strenges Regiment, arrangierte Hochzeiten gehören ebenso dazu wie das Verstoßen von unerwünschten, weil homosexuellen Angehörigen.

Für das Seelenheil der Familie wird nicht nur in der hauseigenen Kapelle gebetet, die der St. Galler Bischof persönlich einweihte, sondern auch in der örtlichen Pfarrkirche, die mit Unterstützung der Familie erneuert wurde. Man empfängt auch höchste Würdenträger wie den Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII. Und nebenbei bekleiden die Rohners und Gesers auch politische Ämter als Abgeordnete der Christlichen Volkspartei CVP.

Unchristliche Arbeitsbedingungen


Weniger christlich ging es in den Firmen selbst zu – dort herrschten vor allem die Gesetze des Raubtierkapitalismus. Die Jacob Rohner AG entwickelt sich trotz vieler Rückschläge und verlustreicher Jahre, die dank des angesparten Vermögens überstanden wurden, zeitweise zum größten Stickereiexporteur der Schweiz und damit der ganzen Welt. Dafür wurden anfangs Kinder beschäftigt (die verschweigen mussten, dass sie noch keine 14 Jahre alt sind), bisweilen die gesetzlich zulässige Wochenarbeitszeit von 52 Stunden überschritten (wofür der Fabrikdirektor 1922 sogar bestraft wird), und während des Ersten Weltkriegs steigen die Gewinne, weil die Stickereifabrikanten eine Lücke im Ausfuhrverbot von Baumwollprodukten an Deutschland nützen. Als Firmengründer Jacob Rohner 1926 stirbt, hinterlässt er ein Vermögen von 6,8 Millionen Franken. Man darf es wohl als Ironie der Geschichte bezeichnen, dass die katholische Traditionsfirma am Ende von einem freisinnigen Konkurrenten geschluckt wurde: 1988 wurde sie Teil der Firma Forster Willi, der heutigen Forster Rohner Gruppe. Denn ganz verschwunden ist der Name Rohner noch nicht: Zumindest die Rohner-Socken haben bis heute überlebt.

Banale Details und verdienstvolle Interviews


Jolanda Spirig hat eine eingehend recherchierte Firmen- und Familiengeschichte geschrieben, die sich auch einiger bisher unbekannter Quellen bedienen durfte – etwa der Schultagebücher des jungen Albert Geser oder der Briefe von Hedwig Geser-Degener, seiner späteren Frau. Doch die enthalten natürlich auch zahlreiche banale Details, deretwegen bisweilen der Blick auf das Wesentliche verloren geht. Das wird zwar immer wieder mal von der Autorin eingefügt („Von den Rheintaler Lohnstickern ... lässt Hedwig Geser in ihren Briefen nichts verlauten.“), doch könnte man auf manche Ausführungen der jungen Mutter Geser getrost verzichten. Absolut verdienstvoll sind aber die Interviews der Autorin mit noch lebenden ZeitzeugInnen, die bei Jacob Rohner gearbeitet haben. Sie kommen in einer Art Anhang des Buches ausführlich zu Wort.

 

Jolanda Spirig, Sticken und Beten. Die Textildynastie Jacob Rohner: Familie, Firma, Klerus (1873–1988), 278 S., € 34,–, ISBN 978-3-0340-1314-7, Chronos Verlag Zürich, 2015