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15.03.2016 |  Ingrid Bertel

Alles wird gut! - Bastian Kressers Roman „Piet“

In seinem Roman „Piet“ erkundet Bastian Kresser die Geheimnisse des Erzählens, reist mit Fabian von Innsbruck nach Sylt, von Mostar nach Marrakesch und fragt sich, welche Geheimnisse Andrea mit Piet verbinden.

Ein Mann spaziert durch Innsbruck. Auf den Armen trägt er einen riesigen, schwarzen Labrador. Von einer Parkbank schaut ein Mädchen auf die Szene und fragt keck: „Kann er nicht laufen?“ Der Mann antwortet; „Er kann! Doch er liebt es, getragen zu werden. Heute ist sein Geburtstag, da habe ich mir vorgenommen, ihn durch die Stadt zu tragen.“

Humor, Verlorenheit und ein leise verfremdeter Alltag – das sind seit dem Spielfilm „Die fabelhafte Welt der Amélie“ sehr beliebte Merkmale einer Erzählweise, die von Autorinnen wie Anna Gavalda („Zusammen ist man weniger allein“) oder Marion Brasch („Wunderlich fährt nach Norden“) zur handwerklichen Präzision entwickelt wurde.

Wie sieht die Alternative dazu aus? Fabian liest ein Buch, das man unschwer als Roman von Michael Köhlmeier erkennt: „In diesem Buch trifft sich der Autor mit drei Männern, die zu Fuß Grönland durchquert haben. Er beschreibt, dass er sich mit jedem Einzelnen getroffen hat, deren individuelle Geschichte angehört und sich Notizen dazu gemacht hat. In diesem Roman wirkte es, als hätte es gereicht, den Männern gegenüberzusitzen und sie sprechen zu lassen.“

Sehen, hören, fragen


Was setzt das Erzählen in Gang? Hören oder Sehen? Für Fabian ist das eine ziemlich dringende Frage. Er hat einen Roman veröffentlicht und sich sagen lassen, dass erst der zweite Roman den Autor ausmache. Leider fällt ihm absolut nichts ein. Da erinnert er sich an ein starkes Erlebnis:

Als die türkische Familie in ihrem alten Mercedes eintrifft, brennt das Haus lichterloh. Todesmutig stürzt sich ein Polizist in die Flammen und rettet das kleine Mädchen. Doch er ist nicht nur selbstloser Helfer, wie Elisabeth herausfindet, Fabians Freundin. Ihre hartnäckigen Fragen enthüllen sehr dunkle Geheimnisse. Auch das Fragen könnte also den Anfang einer Erzählung ausmachen. Und das Mantra würde in diesem Fall lauten: Alles wird gut!

Kaffee und Zigaretten


Dabei ist in Fabians Leben vorläufig nichts gut, gar nichts. Elisabeth hat ihn verlassen, der Job als Lehrer erfüllt ihn mit lähmender Langeweile, und außerdem quält ihn eine Schreibblockade.

„Wien im Sommer hat etwas Surreales. Die Stadt gibt vor, ständig in Bewegung zu sein, und dann gibt es diese seltsamen Momente, manchmal nur einen Atemzug lang, da hat man das Gefühl, dass sich der Schleier hebt und man hinter die Kulissen spähen kann. Und plötzlich scheint alles stillzustehen.“

Es sind diese federleicht hingetupften Aquarelle, die den betörenden Charme Bastian Kressers ausmachen. Er findet sie für die Brücke von Mostar, für eine Hütte in Neuseeland oder einen wilden Campingplatz auf Sylt. Es sind Bilder, vor denen wir die Augen aufreißen, weil in ihrer dichten Stimmung Innen- und Außenwelt in eins fallen.

Seit ihn Piet mit Fotos versorgt, schreibt Fabian wieder - schreibt sich entlang der Bilder in eine Geschichte und erzählt diese Geschichten dann Piet oder aber seinem Bruder, der ihm Piet ja schließlich empfohlen hat, und zwar ganz dezidiert als Helfer aus der Schreibblockade. Jetzt warnt er Fabian: „Du suchst Schutz in anderer Menschen Leben“. Stimmt schon, weiß Fabian. „Mein eigenes driftet in dieser Zeit davon.“

Er denkt an die Protagonistin seines ersten Romans – und wir LeserInnen denken an die Protagonistin von Kressers erstem Roman, die unschwer als Paula Köhlmeier auszumachen war: „Sag die Wahrheit“, hätte sie gefordert. Bastian Krersser hat in seinem ersten Roman ein duftiges Portrait der Jugendfreundin gezeichnet. In seinem zweiten Roman hält er die Erinnerung an die 24-Jährige wach. Wie zart ist ein Autor, der so bedacht mit dem Leben umgehen kann! Wie robust ist er andererseits, wenn er via google maps seine Spielanordnungen festlegt und sich auf das in creative writing workshops erworbene Handwerk beruft.

Fabians Bruder und seine Frau Andrea haben allerdings recht handfeste Interessen daran, Fabian zum Schreiben zu bringen. „Warum hast du mir nicht einfach alles erzählt?“, fragt Fabian, und sein Bruder antwortet: „Vielleicht, weil ich nicht der Erzähler von uns beiden bin. Vielleicht, weil es mir schwerfällt darüber zu sprechen. Vielleicht auch, weil ich es Andrea heimzahlen wollte.“

Warum erzählen wir Geschichten? Warum lesen wir Geschichten? Vielleicht, weil wir die Welt verarbeiten, indem wir Geschichten erzählen. Vielleicht, weil wir uns Wissen aneignen, indem wir uns in andere Menschen versetzen. Das sind sehr abstrakte Antworten auf eine Empfindsamkeit, die lange Wege braucht, um Sprache zu werden. Bastian Kresser geht diesen langen Wege – von der Brücke in Mostar bis zum Lehmhaus in der Medina von Marrakesch. Und das macht er so ehrlich und so fein, dass man als Leserin beständig jubeln möchte.

 

Lesung
Bastian Kresser, „Piet“
4.5., 19 Uhr
VHS Götzis

Bastian Kresser, Piet, Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 224 Seiten, € 20,– ISBN 978-3990390740, Limbus Verlag, Innsbruck 2016

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