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04.09.2019 |  Kurt Bracharz

Von Tennyson zu Cohen - englischsprachige Lyrik im Originalton und in deutscher Übersetzung

„The Poets‘ Collection“ versammelt englischsprachige Lyrik von 94 Autorinnen und Autoren im Originalton und in deutscher Übersetzung in einer Box mit 13 CDs plus einer Begleitbroschüre, in der die Herausgeber Christiane Collorio und Michael Krüger das Projekt beschreiben, das ihre Reihe der bereits erschienenen, aber deutschsprachigen Originalton-Editionen „Lyrikstimmen“ und „Erzählerstimmen“ fortsetzt und erweitert.

Originalaufnahmen aus über hundert Jahren

Michael Krüger, der im Hanser-Verlag erst Lektor und dann Verleger war und seit 1976 eigene Gedichte publiziert, schreibt in seinem Vorwort: „Da jeder Liebhaber von Gedichten, der sie nicht nur aus Zwang zur Kenntnis nimmt, nicht darauf verzichten kann, sie sich laut vorzulesen, weiß er auch, dass der Vortrag bereits eine mögliche Interpretation ist. (...) Die englischsprachige Dichtung hat gewissermaßen Glück gehabt. Anders als Lettisch, Deutsch oder Japanisch, kann sie bei ein wenig gutem Willen von vielen Menschen auf allen Erdteilen gelesen – wenn auch vielleicht nicht immer ,verstanden’ – werden.“ Die Lektorin des Hörverlags, Christiane Collorio, drückt in ihrem Vorwort denselben Gedanken in Zahlen aus: „Englisch wird von 300 Millionen Menschen als ihre Muttersprache bezeichnet und von beinahe zwei Milliarden gesprochen. Eine Sprache, die Kontinente vereint. Welch unendliches Feld von Interaktionen und Einflüssen zeigt sich da: Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die in derselben Sprache die unterschiedlichsten kulturellen Einflüsse transportieren. Lyrikerinnen und Lyriker, die aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten stammen und sich durch die gemeinsame Sprache dennoch gegenseitig beeinflussen. (...) Erstes Auswahlkriterium war, welche Originalaufnahmen überhaupt verfügbar sind.“

Akustisch nicht immer verständlich

Das ist allerdings auch ein Problem dieser Edition: Wenn man hundert Jahre zurückgeht, ist die Auswahl an Tonaufnahmen doch sehr eingeschränkt. Die Nummer 1 der CDs enthält als älteste Aufnahme zwei Gedichte von Alfred Lord Tennyson, die er zwischen 1890 und 1892 für George Edward Gouraud, den europäischen Verkaufsleiter von Edisons Phonographen, gelesen hat: Tennysons Lieblingsgedicht „Maud“ und die letzte Strophe von „The Charge of the Light Brigade“; beide Aufnahmen sind für jemanden, dessen Muttersprache nicht Englisch ist, akustisch kaum verständlich. (Das Pathos von „Der Angriff der Leichten Brigade“ ist uns heute sowieso fremd, aber es gibt ja den ganz unpathetischen Film von Tony Richardson.) Was man deutlich hören kann, ist, dass Robert Browning einen Ausschnitt aus „How They Brought the Good News from Ghent to Aix“ abbrechen musste, weil er den Text vergessen hatte. Da er ihn 1889 auf einer Dinner-Party vorgetragen hatte und überraschend von dem ebenfalls anwesenden Gouraud gefragt worden war, ob dieser den Vortrag aufnehmen dürfe, kann man das verstehen. Walt Whitman las 1889 oder 1890 für Edison selbst vier von sechs Zeilen seines Gedichts „America“, Rudyard Kipling 1921 in Paris die ersten sieben Zeilen von „France“. Solche Fragmente sind nun wirklich fast nur Tondokumente, kein poetischer Hörgenuss. Interessanter ist da schon etwas, das sich infolge manierierter Betonung anhört, als erzähle ein alter Mann Kindern Gruselmärchen. Es handelt sich aber um William Butler Yeats, und es ist kein Grand Guignol-Text, sondern Yeats’ „chanting“ genannter Vortragsstil, von dem er glaubte, Homer und die Barden hätten so „gesungen“. Dafür hört man sein bekanntes Poem „The Lake Island of Innisfree“ in einer Aufnahme von 1931 in voller Länge und relativ gut verständlich. Die deutschen Übertragungen bringen übrigens bei Fragmenten wie „America“ oder „France“ immer den vollständigen Text der Gedichte.
Auch später, als die Aufnahmegeräte besser geworden sind, klingt nicht alles so, wie man es erwartet. Der Kraftkerl Ezra Pound liest aus dem „Canto III“ („I Sat on the Dogana’s Steps“), als läge er auf dem Sterbebett. Aber wenn man nachschaut, wann das aufgenommen worden ist – 1967 auf dem Festival dei Due Mondi in Spoleto –, kann man ausrechnen, dass der 1885 geborene Dichter bei dieser Lesung 82 Jahre alt war, was erklärt, warum er seine präzise Sprache, „bis zur Grenze des Möglichen mit Sinn aufgeladen“, stimmlich nicht mehr angemessen wiedergeben konnte.
Ganz anders T. S. Eliot, der in dieser Sammlung nur mit dem kraftvoll gelesenen „The Waste Land“ vertreten ist, obwohl sich auf einer anderen CD aus dem Hörverlag, „T. S. Eliot: ,The Waste Land’ und weitere Gedichte“, u. a. „The Love Song of J. Alfred Prufrock“ und „Sweeney Among the Nightingales“ finden. Hier wie dort wird die Übersetzung von Norbert Hummelt von Hans Zischler gelesen, weshalb ich auf die Übersetzung von Ernst Robert Curtius, gelesen von Bruno Ganz, erschienen bei ECM unter dem Titel „Wenn Wasser wäre“, hinweisen möchte, weil sie mich sowohl in der Übersetzung als auch im Vortrag mehr beeindruckt.

Anordnung nach Geburtsdaten

Die technische Qualität wird ab Disc Nr. 5 besser, aber die Anordnung nach Geburtsdaten führt zu einer seltsamen Mischung. Auf dieser CD trifft sich ein Experimenteller wie E. C. Cummings mit einer Traditionalistin wie Louise Bogan, und die spöttische Dorothy Parker stößt auf den ekstatischen Langston Hughes. Noch seltsamer wirkt Ernest Hemingway neben Ogden Nash. „Second Poem to Mary“ ist ein Gedicht, das Hemingway auf seiner kubanischen Finca ohne Publikum mit einem Webster-Diktiergerät aufgenommen hat. Als ich mir dieses Kriegsgedicht vom November 1944 an Hems vierte Frau angehört hatte, schätzte ich seine Dauer auf 15 Minuten; es ist aber tatsächlich nur fünf Minuten lang, die sich merklich dehnen. Aber Hemingway ist ja nicht für seine Lyrik berühmt geworden. Und Ogden Nash? Der war eigentlich ein Werbefritze, sein bekanntestes Kurzgedicht heißt „Candy / is dandy, / But liquor is quicker.“ Und seine vier etwas längeren Poeme auf CD 5 sind auch nicht seriöser, eine willkommene Abwechslung nach Hemingways Jeremiade.
Ein systematisches Hören dieser CD-Sammlung mit der Absicht, einen Überblick über die Entwicklung der englischsprachigen Lyrik zu bekommen, ist angesichts des disparaten Materials nicht sinnvoll. Auf nahezu allen CDs findet man sehr unterschiedliche Gedichte, weil die Geburtsdaten der DichterInnen innerhalb eines gewissen Zeitraums nichts über ihr Leben und ihre literarischen Einflüsse aussagen. Auf CD 10 beispielsweise sind Gregory Corso (*1930), Gary Snyder (*1930), Ted Hughes (*1930), Harold Pinter (*1930), John Updike (*1932), Geoffrey Hill (*1932), Silvia Plath (*1932) und Mark Strand (*1934) vertreten. Gregory Corso und Gary Snyder gelten als Beat-Poeten, aber Corso ist nach Missbrauch durch seinen Vater und „Verschwinden“ seiner Mutter (die vor dem Gewalttäter flüchtete, ohne das Kind mitzunehmen) in Heimen und Gefängnissen aufgewachsen und kam nur durch seine zufällige Barbekanntschaft mit Allen Ginsberg zum Schreiben, während Snyder zunächst Literatur studierte, dann aber wegen seiner Naturschwärmerei als Holzfäller, Feuerwächter und Wegmacher im Yosemite Nationalpark arbeitete und schließlich nach Japan ging, um dort an der Quelle Zen zu studieren. Ted Hughes war britischer Poet Laureate und nach dem Selbstmord seiner Frau Sylvia Plath Jahre lang die Bête noire aller Feministinnen – zu Unrecht, wie sich schließlich herausstellte. Harold Pinter und John Updike wurden nicht als Lyriker berühmt, und nicht jeder weiß, dass sie Gedichte geschrieben haben. Pinter war ab den 1960er Jahren der berühmteste und meistgespielte englische Dramatiker und erhielt 2005 den Nobelpreis; der amerikanische Romancier Updike galt Jahre lang als Nobelpreiskandidat, erhielt ihn aber nie. Mark Strand verfolgte eine akademische Karriere und wurde Poet Laureate of the Library of Congress, Geoffrey Hill war Professor of Poetry in Oxford. Natürlich hätte auch Gregory Corso Naturgedichte wie Snyder oder Hughes verfassen können, aber er hatte eben ein anderes Motiv zum Schreiben.

Eine Art Schatz- und Trickkiste mit Überraschungen ... und Mankos

Man legt also am besten eine beliebige CD auf und hört aufmerksam zu, die Box ist eine Art Schatz- und Trickkiste mit Überraschungen für jeden Geschmack. In der Trickkiste würde ich zum Beispiel Anne Waldmanns als Protestsong gegen ein Atomkraftwerk in Colorado aufgenommenes „Uh-oh Plutonium“ ansiedeln, dessen deutsche Fassung ohne Musikbegleitung etwas dürftig klingt. Von Leonard Cohen gibt es zwei Gedichte, die weniger eingängig sind als manche seiner Songtexte, aber die gibt es ja überall im Handel. Damit komme ich zu einem der beiden Mankos der Produktion: Es ist im Begleitbüchlein kein einziger Originaltext abgedruckt, auch dort nicht, wo es raummäßig möglich gewesen wäre und man nicht weiß, wo man den Text herkriegen könnte.
Das zweite, mir unerklärliche Manko ist, dass die Laufzeiten fehlen, die hätte man im „Überblick über die CDs“ doch ohne weiteres angeben können; man findet sie aber nirgends in der Kassette, auch nicht auf den einzelnen Sleeves der CDs. Freilich – man braucht sie bei Lyrik nicht unbedingt, man muss ja nicht Playlists im Radio damit programmieren; aber geschadet hätten sie auch nicht.

The Poets’ Collection. Englischsprachige Lyrik im Originalton und in deutscher Übersetzung, hg. von Christiane Collorio und Michael Krüger, DerHörVerlag, München 2018, 13 CDs, 14h 44min Laufzeit, ISBN: 978-3-8445-2141-2

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