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26.12.2018 |  Anita Grüneis

Vom Reichtum und seinem Preis - Stefan Sprengers „Krötenarie“

„Krötenarie“ hat Stefan Sprenger sein neues Buch genannt. Für den Titel hatte er die Szene vor Augen, in der sich vier Treuhänder mit ihren „Kröten“ (Geld) überbieten, sich die Worte verdichten, zu Koloraturen ausbrechen und eine Arie ergeben. Das Lesestück hat 500 Seiten und ist im Chronos Verlag erschienen.

Bilder waren für Stefan Sprenger der Auslöser, um dieses Stück zu schreiben. Als ihn im Jahr 2013 die damalige TAK-Intendantin Barbara Ellenberger fragte, ob er nicht ein Stück über jene Zeit schreiben möchte, in der Liechtenstein reich wurde, tauchten bei ihm rasch Szenen auf. Der 1962 geborene Sprenger hatte „Stimmungsbilder im Kopf, den Geruch von Teer, Einfamilienhaus-Baustellen, die vielen Lastwägen, alte Volksschullehrer, das Eintreten ins Gymnasium, was für mich wie eine neue Welt war, eine Schleuse in eine neue Zeit. Die alten Frauen, die auf ihren Damenfahrrädern mit Harken über den Schultern ins Riet hinausfuhren. Das waren alles beeindruckende Silhouetten.“

Zuerst das Theaterstück ...

Zwei Jahre lang recherchierte er in alten Zeitungen, las Bücher, befragte Zeitgenossen. Aus all dem entstand ein Material, das er in ein Kollektiv zur Besprechung einbrachte. Zum Kollektiv gehörten Barbara Ellenberger und Dramaturg Jan Sellke, Regisseurin Brigitta Soraperra, Germanist Roman Banzer, der ehemalige Polizeichef und Bühnenbildner Werner Marxer. Sie alle reflektierten auf das Material, besprachen es, brachten Außenansichten ein. So entstand das Lesestück „Rubel, Riet und Rock’n’Roll“, das mit seinen 300 Manuskript-Seiten und 80 Akteuren als Theaterstück viel zu umfangreich war. Daher erarbeiteten Barbara Ellenberger und Brigitta Soraperra eine Bühnenfassung mit sechs Personen, die alle miteinander verbunden sind. Am 21. April 2015 wurde das Vierteljahrhundert Liechtensteiner Geschichte auf der TAK-Bühne präsentiert. Nun ist das Gesamtwerk endlich in Buchform nachzulesen.

... und nun das Lesestück

Das Buch in Leinenoptik und im handlichen biegbaren Manteltaschenformat hat 500 Seiten.  Geschrieben ist es als Lesestück, die Originalfassung in Liechtensteiner Mundart befindet sich auf der linken Seite, während rechts die Übertragung ins Standarddeutsche von Jens Dittmar steht. Dass in der schriftdeutschen Fassung die Sprachmelodie des Dialekts noch zu hören ist, spricht für die Qualität der Übertragung. Ein mehr als 100 Seiten langer Szenenkommentar erklärt die historischen Ereignisse in diesen 25 Jahren, ein Beiwort des Schriftstellers weist auf die weiterführende Entwicklung des Landes hin.

Die Anfänge des Wohlstands

Teil eins des Buches behandelt die Jahre zwischen 1950 und 1959. Bereits da träumt der spätere Treuhänder Ossi vom Vermögen und spricht darüber mit dem renommierten Anwalt Merkur, einem jüdischen Emigranten:

Ossi: ... es werden Vermögen entstehen. Viele junge ungeduldige Vermögen.
Merkur: Dann sollen sie an die Börse.
Ossi: Nein, sie sollen zu uns kommen. Wir könnten Anstalten anbieten. Das Geld kommt, bleibt kurz und geht wieder.
Merkur: Minimale Courtagen.
Ossi: Aber hohe Administrationskosten, die die Kanzlei verrechnen kann.
Merkur: Das bedeutet ein Massengeschäft, ohne dass du deine Klientel kennst, Oswald.
Ossi: Was brauche ich sie zu kennen? Ich gründe ihnen eine Anstalt, sie zahlen die Gebühren und jeden Handschlag, den wir für sie tun. Danach lösche ich die Anstalt wieder, und guat ganga isch.
Merkur: Das ist nicht langfristig gedacht.
Ossi: Es ist praktisch gedacht ...

Es geht immer noch ums Geld

Der zweite Teil gehört den Jahren von 1960 bis 1969, er endet mit der opulenten Bar-Szene und den vier sich überbietenden Treuhändern. Vorausgegangen ist die Absicht des Fürstenhauses, das Bildnis des Haarlemer Kaufmanns Willem Van Heythuysen von Franz Hals für 12 Millionen Franken an den Staat Bayern zu verkaufen. Gleichzeitig bemüht sich das Land das Geld aufzubringen, damit das Bild im Landesbesitz verbleibt. Da wird über Knete, Kröten, Kohle, über Klotz und Schotter oder im Dialekt über „Polfer, Zaschter, Kees“ gealbert.
Der dritte Teil behandelt die Jahre von 1970 bis 1975. Paula hat inzwischen die Kanzlei von Merkur übernommen, für das Frauenstimmrecht demonstriert, dafür den Ellenbogen ins Gesicht bekommen und erkannt, dass sich in ihrem Land all die Jahre nichts geändert hat. Ihr Bruder Paul wird zu seiner Freundin nach Jugoslawien ziehen, die Handlung ist verkauft, Ossi lässt sich eine Burg bauen und sinniert über sein Geschäft mit dem Abgeordneten Beck.

Ossi: Beschäftigung gibt’s in der Industrie, aber das Geld für den Staat kommt nur von uns Treuhändern. Unter einer Bedingung.
Beck: Und die wäre?
Ossi: Ihr lasst uns in Ruhe. Wir liefern, und ihr macht die drei Affen. Nichts hören, nichts sehen und nichts sagen.
Beck: Es ist nicht gut, wenn sich der Staat den Treuhändern so ausliefert.
Ossi: So wie’s jetzt ausschaut, habt ihr gar keine andere Wahl. Oder willst du ein autofreies Jahrhundert in Liechtenstein?

Viel Hintergrundmaterial

Niemand muss beim Lesen Angst haben, die Geschichten nicht zu verstehen, denn in einem mehr als 100 Seiten langen Szenenkommentar werden die historischen Ereignisse in diesen 25 Jahren erklärt. Dieses Kapitel liest sich teilweise wie ein Buch mit Anekdoten, es sind aber alles wahre Geschehnisse, dafür bürgt die gründliche Recherche. Das Fürstenhaus hatte übrigens in diesen 25 Jahren erstaunlicherweise eine eher progressive Rolle – der Fürst puschte das Frauenstimmrecht und setzte sich für den EWR ein. Zu einer möglichen Fortsetzung der Geschichte meinte der Autor im Interview: „Seit dem Jahr 1975 gab es nur Verhärtungen und keine Transformation. Man kann nicht aus dem Inneren eines Betonmischers heraus erzählen, der Stoff wird nur härter, nicht durchlässiger.“

Stefan Sprenger, Krötenarie. Als Liechtenstein reich wurde. Ein Lesestück, Originalfassung in Mundart mit einer Übertragung aus dem Liechtensteinischen von Jens Dittmar, Chronos Verlag 2018, Leinen, 505 Seiten, ISBN 978-3-0340-1477-9, CHF 38 / EUR 38

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