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19.12.2018 |  Markus Barnay

(K)eine Kirchengeschichte Vorarlbergs - „Mission Vorarlberg“ von Michael Fliri

Der Apostolische Nuntius Peter Stephan Zurbriggen, Botschafter des Heiligen Stuhles in Österreich, und Monsignore Michael Kahle, Mitglied der Gottesdienstkongregation im Vatikan, erhielten von Bischof Benno Elbs Anfang Oktober druckfrische Exemplare von „Mission Vorarlberg“. Das war durchaus passend, hatte Kahle doch kurz davor in seiner Ansprache zur Erhebung der Kirche von Bildstein zur Basilika daran erinnert, dass die katholische Kirche eine missionarische Kirche ist, in der jeder Gläubige dazu aufgerufen ist, den christlichen Glauben zu verbreiten. Die „Mission Vorarlberg“, über die Diözesanarchivar Michael Fliri berichtet, ging zunächst allerdings weniger von einzelnen Gläubigen aus als von den frühen Klöstern im Bodenseeraum und vor allem von den weltlichen Herrschern, die sich mit den Vertretern des aufstrebenden Christentums verbündeten – zunächst von den Herrschern des Fränkischen Reiches, später dann von den Montfortern, den Habsburgern und nicht zuletzt von den Grafen von Ems, die zum Teil mit Brachialgewalt dafür sorgten, dass der „richtige“ Glaube die Oberhand behielt.

Die Taliban vom Bodensee

Jene Mission, die gerne als Initialzündung für die Verbreitung des Christentums auf dem Gebiet des heutigen Vorarlberg angesehen wird, scheint allerdings „nicht besonders erfolgreich gewesen zu sein“, stellt Fliri nüchtern fest – kein Wunder angesichts eines Wirkens, das jenem der Taliban in Afghanistan in unserer Zeit gleicht: Die irischen Mönche Kolumban und Gallus fielen dadurch auf, dass sie „die Heiligtümer der Heiden in Brand (steckten) und die den Götzen dargebrachten Opfergaben in den See (versenkten)“ – und sich dadurch den Zorn der Einheimischen zuzogen (so berichtete es jedenfalls Jonas von Bobbio in seiner Lebensgeschichte des Heiligen Columban, den er allerdings nie kennengelernt hatte). Auch andere Mythen und Legenden aus der Frühgeschichte des Christentums in unserer Region werden in Fliris „Geschichte des Christentums“ zurechtgerückt – da häufen sich dann die Worte „angeblich“ und „der Legende nach“, weil die konkreten Nachweise fehlen: „Über die seelsorgliche Praxis im frühen 9. Jahrhundert gibt es so gut wie keine Quellen“, schreibt Fliri – und wo es keine Quellen gibt, da blühen eben die Legenden.
Die Klöster, Kirchen, Pfarreien, Stiftungen und Spitäler, die ab dem 13. Jahrhundert entstanden, sind freilich handfeste Belege für eine Verbreitung des Christentums in der Region – nur eben 600 Jahre nach den gescheiterten Missionsversuchen der irischen Mönche. Nun lassen sich aber zwei wichtige Aspekte des christlichen Wirkens feststellen: die soziale Arbeit in Spitälern und Armenhäusern, finanziert durch jene Adeligen, die sich damit das Seelenheil sichern wollten, und die Verbindung mit der weltlichen Macht, die sich in vielen Fällen auch an die Spitze der kirchlichen Einrichtungen setzte. So bauten die Grafen von Montfort „ihren Einfluss durch Übernahme geistlicher Ämter ebenso aus, wie sie die Nähe zu den im Einfluss wachsenden Habsburgern suchten“ (S. 81).

Priester mit „Beischläferinnen“ und „liederlichen Gesellen“

Auch um die Moral des Klerus stand es zeitweise schlecht, weil es nicht nur an der Ausbildung der Geistlichen mangelte, sondern deren Versorgung oft so schlecht war, dass sie ihr Einkommen durch die Gründung von Familien absichern mussten – was wiederum Kirchenobere wie den Bischof von Konstanz auf die Palme brachte: „Er müsse mit Schmerz vernehmen, dass seine Priesterschaft in Stadt und Land alle Scham und Gottesfurcht so weit vergessen habe, dass sie ... nicht nur Beischläferinnen und andere verdächtige Personen öffentlich und ohne Scheu in ihren Wohnungen bei sich hielten, sondern auch dem Würfel- und Kartenspiel zum Ärgernis für die Welt ergeben seien, sich schädlichen Gewinns wegen in den Wirtshäusern und an öffentlichen Orten unter Laien und liederlichen Gesellen herumtrieben, Händel und Raufereien anfingen und Gott und die lieben Heiligen mit Fluchen lästerten; andere hingegen sich täglich berauschten, Waffen und unziemliche Kleider trügen und die Frauenklöster besuchten usw.“
Die Klage stammt aus dem Jahr 1517, dem Jahr, in dem Martin Luther seine Thesen veröffentlichte und damit zur größten Krise des Christentums seit der Abspaltung der orthodoxen Kirche beitrug.

Angst und Schrecken der Gegenreformation

Zwar stammten etliche Zeitgenossen und Unterstützer Luthers und der anderen Reformatoren aus dem Raum Feldkirch, aber hier griffen die Verteidiger der alten Ordnung mit harter Hand durch: Priester, die sich der Reformation angeschlossen hatten, wurden verjagt, die Bevölkerung zum Gehorsam verpflichtet – so mussten ab 1529 alle Einwohner Feldkirchs jährlich zur österlichen Beichte antreten und wurden dabei penibel gezählt (1532 waren fünf von 1.025 nicht erschienen). Radikale Landsknechtführer wie der habsburgische Vogt Merk Sittich von Ems, dank seines Vorgehens gegen aufständische Bauern als „Schlächter von Ems“ berüchtigt, sorgten für Angst und Schrecken: „Und im August (1526) fing Merk Sittich sieben Bauern und vier Pfaffen zu Bregenz und richtete sie alle mit dem Schwert.“
Ganz ausrotten konnten die Habsburger und ihre örtlichen Vasallen die reformatorischen Tendenzen in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten zwar nicht – aber die Macht der katholischen Kirche blieb erhalten, im Gegensatz etwa zur benachbarten Region Graubünden, wo der Bischof von Chur entmachtet wurde und in den Vinschgau flüchtete. Zu den erfolgreichsten gegenreformatorischen Aktivitäten im heutigen Vorarlberg gehörte die Ansiedlung der Jesuiten in Feldkirch im Jahr 1649, die durch ihr Gymnasium und durch die Übernahme der Christenlehre erheblichen Einfluss auf die religiöse Bildung der Bevölkerung gewannen. Daneben wurden zahlreiche Aktivitäten zur Belebung der „Volksfrömmigkeit“ gesetzt – ein Bereich, der in Fliris Darstellung allerdings weitgehend ausgespart bleibt, wie sich überhaupt die „Geschichte des Christentums“ in diesem Buch sehr stark auf die Institutionen und Aktivitäten der katholischen Amtskirche konzentriert. Das ist zum einen verständlich, weil die Quellen wohl wenig Hinweise auf die Glaubenswelt der Bevölkerung geben (Ausnahmen bilden besondere Ereignisse wie die Stiftungen während der Pest-Epidemien oder die Unruhen angesichts der josefinischen Reformen), andererseits besteht das „Christentum“ ja nicht nur aus der römisch-katholischen Kirche. Und so ist es doch ein wenig befremdlich, dass die Gründung der evangelischen Gemeinde und die massiven Auseinandersetzungen rund um diese Gründung im Jahr 1861 in Fliris Buch gerade einmal in einem Absatz erwähnt werden.

Gab es weder „Kasiner“ noch die Dollfuß-Diktatur?

Im übrigen behandelt Michael Fliri aber auch heikle Themen: Er schildert die internen Auseinandersetzungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwischen „scharfer und milder Tonart“, also den radikalen katholischen Aktivisten rund um den Herausgeber des „Vorarlberger Volksblattes“, Bernhard von Florencourt, und den Vertretern der Amtskirche – allerdings ohne näher auf die Rolle der „Kasiner“ einzugehen oder gar nur das Wort Kasino zu erwähnen. Er erwähnt die unselige Rolle, die die katholische Kirche während des Ersten Weltkriegs spielte, als sie das Gemetzel zum „Heiligen Krieg“ erhob und dafür dann den Großteil der Kirchenglocken abliefern durfte. Er verschweigt auch nicht, wie sehr die Kirchenoberen beim Übergang von der christlich konnotierten Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur zum nationalsozialistischen Gewaltregime das Fähnchen nach dem Wind richteten (die österreichischen Bischöfe riefen zu einem „Ja“ bei der Abstimmung über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich auf). Und er ruft schließlich in Erinnerung, dass es sowohl gegen die Errichtung der Diözese Feldkirch 1968 als auch gegen die Bestellung von Bischof Klaus Küng 1989 öffentliche Proteste gab – und er vergisst auch nicht die Turbulenzen und zahlreichen Kirchenaustritte seit den 1990er Jahren, als die ersten Missbrauchsfälle innerhalb der kirchlichen Einrichtungen publik wurden. 
Dass dabei immer wieder der Blickwinkel der Diözese bzw. des Generalvikariats und dessen Repräsentanten im Mittelpunkt steht, ist natürlich der Quellenlage eines Diözesanarchivs zu verdanken. Dass dort aber die von der päpstlichen Enzyklika „Quadragesimo anno“ angeregte und von der katholischen Kirche mitgetragene Dollfuß-Diktatur gar keine Rolle spielt, ist schwer zu glauben – in Fliris Buch kommt sie jedenfalls nicht vor. Und manches ist dann doch ganz einfach falsch: Die Behauptung, dass die Aufhebung des „Glöckel-Erlasses“ 1933 „religiöse Übungen an öffentlichen Schulen wieder ermöglicht“ habe, hätte durch eine Erläuterung des „Glöckel-Erlasses“ (benannt nach dem sozialdemokratischen Politiker und Schulreformer Otto Glöckel) richtiggestellt werden können. Der hatte nämlich nicht die religiösen Übungen verboten, sondern den Zwang, daran teilzunehmen.
So bleibt am Schluss nur noch ein Rätsel, das „Mission Vorarlberg“ eigentlich schon ganz am Anfang aufgibt: Während Bischof Benno in seinem Vorwort das Buch als „Kirchengeschichte Vorarlbergs“ vorstellt, betont Michael Fliri in seiner Einleitung, es handle sich um „keine Kirchengeschichte Vorarlbergs“ – mit dem Zusatz, er erhebe keinen „Anspruch auf Vollständigkeit“. Diese Sorge dürfte eher unbegründet sein. Welche Geschichte kann denn schon den Anspruch auf Vollständigkeit erheben? Da gäbe es doch noch ganz andere Kriterien, um zu beurteilen, ob eine Geschichte gelungen ist oder nicht ...

Michael Fliri, Mission Vorarlberg. Geschichte des Christentums zwischen Bodensee und Arlberg. Tyrolia Verlag 2018, ISBN 978-3-7022-3714-1, 272 Seiten, € 29,95

Markus Barnay ist Redakteur des ORF-Landesstudios Vorarlberg

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