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19.04.2019 |  Peter Niedermair

U20 Poetry Slam – Theater KOSMOS, Bregenz

Am 12. April präsentierten acht jugendliche Slammer im Theater KOSMOS in Bregenz selbst verfasste Texte im Rahmen des U20 Poetry Slam. Noch nie habe es, laut Karin Koestl vom Theater kurz vor Beginn des Abendprogramms, so viele Kartenreservierungen gegeben wie an diesem Abend. Bedauerlicherweise mussten sehr viele Besucher auf einen anderen Abend vertröstet und weggeschickt werden. Sofia Juen aus Berlin und Joe Hafner, der demnächst in die Schweiz übersiedelt, moderierten den beinahe dreistündigen Abend. „Lift up the voices / There will be music / We will play all night …“ sangen die Singer / Songwriter Tayla Fenkart und Nikolas Engel, die seit 2 Jahren unter dem Bandnamen „Komot“ Musik machen.

Die Regeln sind seit April 2017, als es den ersten U20 Poetry Slam gab, gleich geblieben. Pro Slammer Auftritt hat man sechs Minuten Zeit, Haustiere sind keine erlaubt, angezogen sollte man auch sein, man darf nur einen selbst geschriebenen Text vortragen, und: Wichtig ist der Respekt für alle die vielen anderen Poeten. Letzteres wird von den beiden Moderatoren eindringlich auch ans Publikum adressiert, das gleich zu Beginn eine Juryverantwortung übertragen bekommt. Sechs Besucher des Abends bekommen Tafeln mit großen Ziffern, mit denen sie jeden Auftritt bewerten, die schlechteste und beste Ziffer heben sich auf. Übrig bleiben vier Bewertungsgrade, bis individuell 10. Ich habe ein äußerst faires, literarisch wie thematisch kompetentes Publikum erlebt.

Friday for Future

Im ersten großen Durchgang traten auf: Larry, ein Debütant, mit einem hoch reflexiven Text, „Ich hasse Menschen“, ihm folgte Samuel mit „Paradies“ über den Traum von der Perfektion. Danach Lara mit dem Text „Friday for Future“, sie denkt über persönliche Verhaltensweisen nach, der autobiografische Text kämpft für eine gerechte Klimapolitik und glaubt an Veränderung – „es ist ein sinkendes Schiff, von dem wir nicht abspringen können …“, hört man in der Schlusssequenz. Ihr folgt Leonnie mit „Der Sinn des Seins“, ein anspruchsvoller sprach- und seinsphilosophischer Text, der die Innen- und Außenperspektiven als Erzählstandpunkte laufend wechselt, rethorisch hoch verdichtet und sehr eindringlich vorgetragen ist. „Ich bin gut genug. Wir sind gut genug!“, kommt mit großem Selbstbewusstsein, empowered daher. Nach Leonnie Yusef Selman mit „Rauchende Zigarette“. Der Text schimpft über das Rauchen und geht in Klimakritik über. Ein weiterer ebenfalls sehr themenengagierter Text wird von Antonia vorgestellt, „Klimawandel“, über jene, die übers Mittelmeer kommen, für die die Politik Barrieren errichtet. Elias mit „Mobbing“ adressiert ein Thema, das den jungen Leuten, wie man weiß, sehr unter den Fingernägeln brennt. Der jüngste Slammer des Abends, Levin, präsentiert – Hut ab! – einen poetisch sehr anspruchsvollen Text, der auch inhaltlich voll und ganz zu überzeugen weiß und ihm durch die Bank die Note 10 einträgt. Seinen Text titelt er mit „Wellengefängnis“, er fragt darin, wie lange denn noch es so weitergehen soll mit den Lügen. Wer wird gewinnen, die Wahrheit oder niemand? Wie eigentlich alle Slammer in der ersten großen Runde vor der Pause, ist auch sein Text ein Appell an die Zuhörenden, ein Text, der eindringlich zum Handeln aufruft und die Besucher des Abends überzeugt, das Schweigen aufzugeben und den Mund aufzumachen, Verhaltensweisen zu ändern, endlich für eine gute Welt einzutreten und sich gegen die Rückständigkeiten der Politik zu engagieren. Nichts von dem, was sie auf der Bühne des KOSMOS Theaters vortragen, wirkt seltsam und unverständlich. Beachtlich auch der faire Ton des Publikums, keine Verhöhnungen, keine Buh-Rufe, keine Exklusionen. Die Slammer überzeugen!

… Sonst kommt die schwarze Sonne und …

Nach der Pause geht es mit den drei Finalisten weiter. Levin beginnt mit „Erdschmerz“, einem Text über den verbrannten Planeten und die verwüstete Welt, in der der Autor und Slammer überall Zerstörung ortet. In der Stilistik des Vortragens wirkt der Text wie ein Traumtext, vor allem eindringlich ist der Appell: „Tut doch endlich etwas. Sonst kommt die schwarze Sonne und frisst euch alle auf.“ Der Text endet wiederum appellativ: „Jede Entscheidung zählt. Jeder Schritt zählt. Für Rettung ist es noch nicht zu spät!“ Danach hört das Publikum Leonnie Dobler mit „Liebesgedicht für dich“, ein sehr lyrischer Text, fast liedartig im Vortrag: „Ich werde dich tragen, wohin immer du möchtest!“ Die letzte Spammerin des Abends ist Antonia Fink, deren Text „Du und ich, die wir jetzt nicht mehr sind“ zum Siegertext dieses U20 Poetry Slam im Theater KOSMOS gekürt wird. Die Ernsthaftigkeit und Eindringlichkeit, mit der alle Texte des Abends verfasst und vorgetragen sind, ist absolut überzeugend. Was die Besucher an diesem vierten Poetry Slam in Bregenz gehört haben, ist literarisch großartig und sprachlich auf einem sehr respektablen, hoch reflektierten Niveau. Ich bin mit dem Gefühl weggegangen, da waren lauter aufgeweckte junge Leute versammelt, die sehr genau wissen, worüber sie nachdenken und miteinander sprechen und auch, wofür sie sich engagieren. Der Friday for Future-Spirit hat etwas Großartiges in Bewegung gebracht. Wir müssen die jungen Leute ernst nehmen und unterstützen.  

Die drei Finalisten

Leonie Dobler, 16, besucht die HLW Rankweil, sie schreibt seit ca. einem Monat, macht Musical, und bringt dafür Leidenschaft fürs Singen, Theaterspielen und Tanzen mit, nach der Schule will sie Schauspiel studieren. Antonia: Besucht das BG Blumenstraße, sie schreibt, seit sie denken kann, mit 8 oder so habe sie angefangen und mit 10 auch Kurzgeschichten geschrieben. Nach der Schule will sie in England ein Jus-Studium beginnen.  Bis dahin möchte sie das Buch, an dem sie gerade schreibt, fertig und – mit ein bisschen Glück – auch veröffentlicht haben. Levin schreibt seit fast einem Jahr. Seine Idee war es, eine Fantasygeschichte zu schreiben. Damit fing es an und er schrieb tatsächlich sein „erstes Buch“. Es folgten weitere Projekte, an denen er zielstrebig jeden Tag geschrieben hat. Poetry Slam ist für ihn eine ganz junge Entdeckung, seine Texte dazu sind ganz frisch. Seine Begeisterung für Literatur und das Schreiben sind, wie man sich überzeugen konnte, sehr groß. Levin besucht den Sonnengarten in Bludenz, in der ersten Klasse der Mittelschule. Seine Hobbys, wie er schreibt, sind lesen lesen lesen und schreiben schreiben schreiben! Außerdem spielt er mit Leidenschaft Tennis. Er interessiert sich für soziale Themen; Biographien sowie Geschichte sind Dinge, wofür er sich besonders interessiert.

The Voice Behind

Sophia Juen, mit kulturellem Bludenzer Background studiert Theaterwissenschaft in Berlin, ist die Initiatorin des U20 Poetry Slams, den sie auch moderiert. Sie sagt über das Selbstverständnis des Projekts: „Wir wollen jungen schreib-begeisterten Menschen eine Bühne und einen sicheren Rahmen bieten, in welchem sie ihre ersten Slam-Erfahrungen sammeln und gemeinsam mit ihresgleichen ihre Texte vor Publikum präsentieren können. Das Publikum erlebt so teilweise die Geburtsstunde junger PoetInnen oder bekommt deren Weiterentwicklung mit. Mit Hilfe von Special Guests, dem Kosmos Setting und einer kleinen Geste, anhand Geschenks-Taschen, wollen wir jungen Menschen, das Slam-Erlebnis unvergesslich und so positiv wie möglich gestalten.“  

Als U20 Poetry Slam des Drei-Länderecks mit Stand in Bregenz sind sie zudem Anlaufstelle für U20 Poeten aus Vorarlberg, der Schweiz und Deutschland. 2017 wurde der U20 Poetry Slam Vorarlberg vom Land Vorarlberg mit dem 1. Platz beim Landesjugendprojektwettbewerb ausgezeichnet und zum „Sprachrohr der Jugend“ gekürt. 
2018 durfte der U20 Poetry Slam Vorarlberg zudem eine StarterIn für die deutschsprachige U20 Poetry Slam Meisterschaft nominieren und wurde durch Ines Strohmaier sogar im Finale in Paderborn vertreten. Auch bei der U20-Meisterschaft in Österreich wird der U20 Poetry Slam mit einer Starterin vertreten sein.

Weitere Informationen auf  www.u20poetry-vorarlberg.at – Dort sind auch die nächsten Poetry Slam-Termine angekündigt.

Die Slammer des Abends

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Antonia

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Levin (alle Fotos: Sigrid Juen)

Levin (alle Fotos: Sigrid Juen)

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