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18.11.2020 |  Markus Barnay

Tourismus total? - Montafoner Tourismusgeschichte von Hessenberger/Kasper

Es ist ja eigentlich erstaunlich: Da gibt es seit 28 Jahren ein eigenes Tourismusmuseum im Montafon, da gibt es rund um das Heimatmuseum von Schruns eine aktive Szene von Historikern, Sozialwissenschaftern und Publizisten, da erscheinen im Lauf der Jahre Bücher über Hemingway und den Piz Buin, über Alpenvereinshütten und Grenzüberschreitungen, über Aus- und Einwanderer, über Votivbilder und Künstler – nur eine umfassende Geschichte des Tourismus im Montafon gab es bisher nicht. Es ist also wohl ein Glücksfall, dass sich der Montafoner Verkehrsverband (heute: Montafon Tourismus) zu seinem 70-Jahr-Jubiläum (was ist „70“ eigentlich für ein Jubiläum?) eine Publikation gewünscht hat. Vor allem ist es aber ein Glücksfall, dass sich die Verantwortlichen keine Jubel-Broschüre, sondern ein seriöses Buch schreiben ließen – von zweien, die dafür prädestiniert erscheinen: Das Autoren- (und Ehe-)paar Edith Hessenberger und Michael Kasper beschäftigt sich seit Jahren mit unterschiedlichen Aspekten der Montafoner Geschichte – sie, die Kulturwissenschafterin und Leiterin der Ötztaler Museen, u. a. mit Grenzgängern und Fluchtgeschichten, er, der Historiker und Leiter der Montafoner Museen, mit Nationalsozialisten und Gipfelstürmern, Wirtshäusern und Arbeitsmigration. Vor allem ist Edith Hessenberger aber seit Jahren dabei, mit Hilfe von ZeitzeugInnen-Interviews jenen gesellschaftlichen Veränderungen nachzuspüren, die der Tourismus nach Vorarlberg und speziell ins Montafon gebracht hat. Jetzt haben die beiden also ihre Interviews und Archivrecherchen, Blog-Einträge und Ausstellungstexte, Aufsätze und Vorträge zu einem Buch zusammengefasst, das die Geschichte des Tourismus von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis heute dokumentiert.

Illwerke und Tourismus = Montafon heute

Es waren letztlich zwei Branchen, die das Montafon von einem armen Tal der saisonalen Arbeitsauswanderer zu einem Gebiet mit beachtlichem Wohlstand gemacht haben: der Tourismus und die Elektrizitätswirtschaft, wobei letztere (in Gestalt der Vorarlberger Illwerke) mit Lünerseebahn, Golmerbahn und Silvretta-Hochalpenstraße auch den Tourismus förderte. Die Voraussetzungen wurden aber schon früher geschaffen: 1872 wurde die Vorarlberg-Bahn von Lindau bis Bludenz eröffnet, 1884 die Arlberg-Bahnstrecke, 1905 die Montafonerbahn. Die leichte Erreichbarkeit war eine der Voraussetzungen für die Entwicklung des Tourismus, die Bereitschaft, Touristen zu empfangen und zu bedienen, eine andere: Pionierinnen wie Viktoria Kessler, Wirtin des „Rößle“ in Gaschurn, bereiteten den Boden, Reiseschriftsteller und schließlich auch „Verkehrs- und Verschönerungsvereine“ sorgten für die Werbung. Hessenberger und Kasper zeichnen die Entwicklung des Montafon zum ernstzunehmenden Fremdenverkehrsgebiet ebenso nach wie jene vom Sommerfrische- zum beliebten Wintersportgebiet. Gefördert wurde der Wintertourismus unter anderem von Sportbewerben wie den „Goldschlüsselrennen“, aber auch vom Ausbau der Skigebiete wie der „Silvretta Nova“.

Ein Häuschen für Karl Renner

Natürlich beschreiben die beiden auch Konflikte und Widerstände, die es von Anfang an gegenüber der Expansion der touristischen Infrastruktur gab: Mal fürchtete man den schlechten Einfluss der „Fremden“, mal wurden jüdische Gäste schon lange vor der NS-Zeit diffamiert und diskriminiert. Nebenbei werden auch Anekdoten eingestreut – wie etwa jene von den Hauskäufen der prominenten Sozialdemokraten Karl Renner und Otto Bauer in Partenen im Jahr 1919, kurz vor Beginn der Friedensverhandlungen von St. Germain. Offenbar wollten sie sich Besitz in der Schweiz sichern, falls Vorarlberg tatsächlich zum Kanton der Eidgenossenschaft werden sollte. Viele dieser Details und Episoden wurden schon andernorts publiziert, aber meist in Veröffentlichungen, die sich nur bestimmten Aspekten dieser Geschichte widmeten und die vor allem ein kleineres Publikum erreichten. Und Hessenberger und Kasper schaffen es auch, aus den Puzzleteilen ein kompaktes Ganzes zusammenzustellen, das als Nachschlagwerk ebenso tauglich ist wie als Lesebuch.

Vom „Tal der Sterne“ zum „Griaß Di im Montafon“

Zwei Besonderheiten der „Tourismusgeschichte eines Alpentales“, wie der Untertitel des Buches lautet, sollen hier besonders hervorgehoben werden: Zum einen sind das die vielen privaten Zimmervermieter, die normalerweise in einer Tourismusgeschichte keinen Platz finden. Dank Hessenbergers Interviews kommen sie hier vor. Dabei wird klar, dass der aufstrebende Fremdenverkehr vor allem in den 1960er und 1970er Jahren zwar half, den Wohlstand der Menschen im Tal zu heben, dass das aber zugleich mit allerlei Entbehrungen einher ging: Nicht selten wurden die Privaträume in der Saison für die Gäste geöffnet, während sich die eigentlichen Hausbewohner in Nebenräume oder Dachböden zurückziehen mussten. Dass das für das Familienleben nicht gerade förderlich war, versteht sich von selbst.
Die andere Besonderheit an diesem Buch ist die Dokumentation der negativen Folgen des Tourismus – von den Verkehrsproblemen bis zu den Eingriffen in die Ökosysteme, etwa durch die flächendeckende Beschneiung.
Bemerkenswert ist auch, dass „Willkommen im Montafon!“ auch die jüngsten Entwicklungen inklusive des Marken-Wechsels vom „Tal der Sterne“ zum „Montafoner DU“ berücksichtigt. Heute heißt es statt „Willkommen im Montafon“ ja „Griaß Di im Montafon“, was vor allem in der gehobenen Gastronomie und bei Hotels mit etwas elitärerem Publikum für ziemliches Naserümpfen sorgt. Und auch die seltsamen architektonischen Blüten des Tourismus im Montafon kommen vor: vom „Lieben Montafon“ in St. Gallenkirch bis zu den vielen Scheußlichkeiten im „alpenländischen Stil“. Dass Montafon Tourismus ein solches Buch fördert, lässt zumindest hoffen, dass sich dort der Qualitätstourismus gegen den Massentourismus und seine Begleiterscheinungen durchsetzen wird.

Markus Barnay ist Redakteur des ORF-Landesstudios Vorarlberg

Edith Hessenberger/Michael Kasper: Willkommen im Montafon! Tourismusgeschichte eines Alpentales, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2020, 396 Seiten, zahlreiche Abb., ISBN 978-3-7030-6527-9, € 34,90

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