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01.05.2018 |  Ingrid Bertel

Spaziergang mit Marilyn - „DD-Day“ von Wolfgang Mörth in Christof Drexels Sachbuch „Zwei Grad. Eine Tonne. Wie wir das Klimaziel erreichen und damit die Welt verändern“

Die globale Erwärmung ist eine Tatsache, die nur „das trotzige Kind im Weißen Haus“ leugnet, sagt der Gebäudetechniker Christof Drexel. Er spricht aus professioneller Erfahrung. Vor 30 Jahren gründete er „drexel und weiss“, ein Unternehmen, das heute Technologie- und Marktführer bei der Haustechnik für Passivhäuser ist. 2016 zog sich Drexel aus dem operativen Geschäft zurück und vertiefte während eines Sabbaticals sein Wissen um die Gefahren, die unserer Welt aufgrund des Treibhauseffekts drohen. Ergebnis ist ein gut lesbarer Band mit ganz bodenständigen Erklärungen darüber, wie wir das 2015 in UN-Klimakonferenz in Paris beschlossene Ziel erreichen, die globale Erwärmung unterhalb von 2, besser noch 1,5 Grad zu halten. „Der jährliche, weltweite Treibhausgas-Ausstoß muss von derzeit rund 50 Milliarden Tonnen CO₂ fortlaufend reduziert werden, und zwar so, dass im Jahr 2040 nur mehr rund ein Fünftel davon übrig bleibt“, schreibt Drexel und nennt sein Buch zielorientiert „Zwei Grad. Eine Tonne“. Eines der sechs Kapitel stammt nicht von Christof Drexel, sondern von Wolfgang Mörth. Der Autor von so gefeierten Theaterstücken wie „Urologie“ oder „Die Ermordung Bruno Kreiskys“ hat zwischen die Daten und Fakten eine listige Utopie eingefügt.

Lesen Sie hier den Beginn der Geschichte:

Im April 2018, also vor mehr als fünfundzwanzig Jahren, erschien Christof Drexels Buch Zwei Grad. Eine Tonne. Es handelte sich um eine sorgfältig recherchierte und überzeugend argumentierte Analyse darüber, wie das bei der Pariser Klimakonferenz 2015 formulierte Ziel, die Erwärmung der Erdatmosphäre auf insgesamt zwei Grad Celsius zu begrenzen, tatsächlich erreicht werden könnte. Und zwar mit Hilfe der damals verfügbaren Technologie und unter Berücksichtigung bereits existierender, alternativer wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Modelle. Allerdings mit dem Haken, dass jeder Mensch nur mehr Emissionen von maximal einer Tonne COZwei pro Jahr erzeugen durfte und nicht mehr zwölf, wie das im Jahr 2018 noch der Fall war.

Als Überraschung für die Leser war zwischen dem technischen Teil und jenem Abschnitt, in dem es um gesellschaftlich relevante Themen geht, eine Erzählung von Wolfgang Mörth mit dem Titel DD-Day eingeschoben. Die Rahmenhandlung dieser Erzählung spielte im Jahr 2043, also heute, und zwar vor dem Hintergrund einer Welt, in der die von Christof Drexel gemachten Vorschläge bereits umgesetzt waren.

Über den Autor Wolfgang Mörth ist zu sagen, dass er damals eher für seine Theaterstücke bekannt war, aber auch schon die eine oder andere Science-Fiction-Geschichte geschrieben hatte. Vor allem aber ist es sinnvoll zu erwähnen, dass ich sein Neffe bin, und dass ich, als seine Erzählung DD-Day erschienen ist, gerade einmal neunzehn Jahre alt war und leider keine Ahnung von deren Existenz hatte, was auch die nächsten fünfundzwanzig Jahre so bleiben sollte.

Als ich meinen Onkel, seine Frau Ella und seine Tochter Anna im Sommer 43 in Vorarlberg besuchte, brachte ich ihn wieder einmal auf den neuesten Stand, was meine Aktivitäten anging und erzählte ihm bei der Gelegenheit von den Vorbereitungen zur Enthüllung unseres Delta-Displays in Wien. Er wurde hellhörig und fragte: „Hast du Delta-Display gesagt?“ „Ja, es ist ein Display, das die Veränderung der Atmosphärentemperatur anzeigt“, erklärte ich ihm. „Und zwar live. Steigt nach der Inbetriebnahme eine grüne Holo-Null auf, bedeutet das, die Erwärmung stagniert. Was so viel heißt wie: Wir haben es geschafft.“ Ich beobachtete seine Reaktion, war mir aber nicht sicher, ob er mich verstanden hatte. „Der Wert ist absolut verlässlich, weil er aus den Messungen von hunderten Millionen Sensoren errechnet wird, die um den ganzen Planeten verteilt sind. Die meisten von ihnen tragen wir selber mit uns herum. In deinem Smarti ist mit Sicherheit auch einer.“ Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Ich dachte mir nichts dabei, denn was technische Erläuterungen anging, hatte er immer schon wenig Geduld gezeigt. Mit über achtzig Jahren war er eben nicht mehr besonders offen für Errungenschaften wie diese. Inzwischen wusste er zwar, dass seine persönliche COZwei-Bilanz jederzeit abrufbar war, auch dass er nur sein Smarti an ein Produkt halten musste, um dessen Emissions-Koeffizienten zu erfahren, aber es hatte lange gebraucht, ihm das beizubringen. Erst als ich ihn auf die Möglichkeit aufmerksam machte nachzuprüfen, ob die Serie, in der diese unglaublich gut gemachte Avatarin von Marylin Monroe die Hauptrolle spielte, COZwei-neutral produziert worden war oder nicht, machte es klick bei ihm. Ihn zur Anschaffung einer smarten Brille zu überreden, ist mir allerdings nicht gelungen. Obwohl ich mich bemüht habe. „Es ist nicht mehr so wie früher“, argumentierte ich mit Engelszungen. „Die Wirklichkeit ist von den Augmented-Reality-Ebenen inzwischen derart perfekt überlagert, dass einem nicht mehr schwindlig wird. Und es gibt erstaunlich gut gemachte Apps mittlerweile. Du gehst durch einen Park und er sieht aus, wie von Monet gemalt. Das ist fantastisch. Oder du lässt dir diverse Informationen reinspielen. Über das Wetter, über die Architektur, über das Kulturprogramm. Und wenn du das alles nicht willst, nimmst du die Brille einfach ab und gibst dich mit der Wirklichkeit zufrieden wie sie ist. Keine überflüssigen Informationen, keine ästhetischen Bearbeitungen und vor allem keine Werbung. Alles ist nur noch in der AR zu sehen, und dort auch nur die Angebote, die du haben möchtest. Werbung zur Serie mit der Monroe zum Beispiel. Das könnte doch was für dich sein, oder? Du deaktivierst den Monroe-Blocker und schon spaziert sie um die Ecke und lächelt dir zu.“ Diese Aussicht brachte ihn zwar kurz zum Nachdenken, aber es war ihm dennoch anzumerken, dass er sich von mir nicht weiter missionieren lassen wollte.

Auch während meiner Erklärungen zum Delta-Display schien es, als hätte er langsam genug. Es klang genervt, als er fragte, wann denn die Enthüllung des Displays stattfinden werde. „Am 6. Juni 2044, im Rahmen der hundertjährigen Gedenkfeiern zur Landung der Alliierten in der Normandie. Wir nennen es in unseren Ankündigungen allerdings nicht D-Day, sondern DD-Day.“ Er sagte nichts. „Findest du, das klingt albern?“ Er stand auf und verschwand im Nebenraum, wo sich seine Bibliothek befand. „Das ist die Abkürzung von Delta-Display-Day“, rief ich ihm nach. „D-Day, die Befreiung Europas von den Nazis...“ Ich hörte ihn drüben herumkramen. „Und DD-Day, die Befreiung des Planeten von den überflüssigen COZwei-Emissionen. Macht das für dich keinen Sinn?“ Er kam mit dem Buch Zwei Grad. Eine Tonne zurück aus der Bibliothek, gab es mir und bat mich, es auf Seite 132 aufzuschlagen. In diesem Moment wurde ich zum ersten Mal mit seiner Erzählung konfrontiert.

 

 

DD-Day, eine Erzählung von Wolfgang Mörth, findet sich als Science Fiction Geschichte in Christof Drexels Sachbuch „Zwei Grad. Eine Tonne“

Christof Drexel, Zwei Grad. Eine Tonne – Wie wir das Klimaziel erreichen und damit die Welt verändern, 220 Seiten, Laible Verlagsprojekte, ISBN 978 3200 0560 69

 

Ingrid Bertel ist Kulturredakteurin im ORF Landesstudio Vorarlberg

 

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