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30.04.2018 |  Peter Füssl

„Literatur steht immer in Opposition zu den vorgefundenen Verhältnissen“ - Interview mit Gerhard Ruiss zu den Feldkircher Literaturtagen 2018

„MACHT LITERATUR MACHT“ lautet der vieldeutige Titel der Feldkircher Literaturtage, die vom 3. bis 5. Mai über die Bühne des Saumarkttheaters gehen werden. Dementsprechend breitgefächert ist auch das Programm: So werden etwa SchülerInnen der MS Feldkirch-Oberau und der Polytechnischen Schule Feldkirch gemeinsam mit den Autoren Christian Futscher und Jürgen Thomas Ernst im Rahmen von „Feldkirch 800“ den ersten „Schulhausroman“ Österreichs mit ihren Geschichten über Feldkirch präsentieren. Der bekannte Schweizer Germanist und Didaktiker Kaspar H. Spinner beschäftigt sich in seinem Vortrag „Warum Literatur?“ mit verfremdeter Wirklichkeitswahrnehmung, Selbstbefragung und Empathie und mit der Rolle der Literatur in Schule und Alltag. Johannes Odendahl, sein Kollege von der Univ. Innsbruck, beschäftigt sich in seinem Vortrag „Literarisches Lernen in Zeiten des Postfaktischen“ mit dem notwendigen Spielraum innerhalb einer Welt der Zwecksetzungen, den Kunst und Literatur den Menschen bieten. Nehmen diese in der Schule einen breiten Raum ein, verlieren postfaktisch agierende politische Bewegungen an Attraktivität. Franzobel wird aus seinem Roman „Das Floß der Medusa“ lesen, der Büchner-Preisträger 2017 Jan Wagner aus dem Gedichtband „Selbstporträt mit Bienenschwarm“, und eine Reihe Vorarlberger Autorinnen und Autoren wird auf einer literarischen Picknick-Bühne im Reichenfeld ihre Lieblingsorte in Feldkirch präsentieren.

Zum Urgestein der österreichischen Literaturszene zählt der vielfach ausgezeichnete, in Wien lebende Autor, Kulturpublizist und Musiker Gerhard Ruiss, der in den 36 Jahren als Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren nicht nur vehement die Interessen seiner BerufskollegInnen vertreten hat, sondern stets auch mit wachem politischem Bewusstsein kultur- und gesellschaftspolitische Vorgänge beobachtet und diese mit bewundernswerter Deutlichkeit kommentiert. Die ideale Auskunftsperson, wenn es um die Bedeutung von Literatur im Allgemeinen und um die Situation in Österreich im Speziellen geht.

Literatur war nie nur ein Zeitvertreib

Peter Füßl: Gleich ohne Umschweife mitten hinein in einen der großen zentralen Fragenkomplexe: Welche Bedeutung hat Literatur heute für die Menschen, welche Rolle kann sie im gesellschaftspolitischen Bereich spielen? Ist sie ein netter Zeitvertreib oder hat sie politische Relevanz?
Gerhard Ruiss: Literatur war nie nur ein Zeitvertreib und wird auch nie nur ein Zeitvertreib sein. Ihr Stellenwert hängt immer von den Rezeptionsumständen ab. Je nach Zusammenhang kommt ihr eine größere oder geringere Bedeutung zu. Grundsätzlich steht Literatur immer in Opposition zu den vorgefundenen Verhältnissen, und sei es nur in der Form, dass sie von einer anderen Welt erzählt, als der sonst vermittelten. Sie hält sich nicht an jeweils vorherrschende Geschichts- oder Gesellschaftsbilder, sondern erzählt ihre eigenen Geschichten, sie hinterfragt die großen gesellschaftlichen Erzählungen und schafft andere, neue. In der Literatur wurde und wird nach der Wahrheit gesucht, wenn sie in Verlust zu gehen droht oder wenn sie verloren gegangen ist, Literatur ist sozusagen letzte Mittel, um dahinterzukommen, wovon man tatsächlich ausgehen sollte. Diese Funktion bzw. Bedeutung von Literatur nimmt gerade wieder zu.

Bunkerstimmung voller Ängste und Einschüchterungen

Füßl: Wir haben einige Jahrzehnte hinter uns, in denen die Kunst- und Kulturszene mit großem Engagement und großer Beharrlichkeit – zum Teil mit Hilfe, zum Teil auch gegen den Widerstand der politisch Mächtigen – Zeiten einer gewissen Prosperität erlebte. Hat man sich den erhofften Stellenwert von Kunst und Kultur, die Literatur eingeschlossen, nur selber vorgegaukelt? Haben KünstlerInnen und Intellektuelle versagt, oder warum driften so viele Gesellschaften in diesen dumpfen und öden Rechtspopulismus ab?
Ruiss: Es gibt ein Recht auf Ungeduld und ich für mich beanspruche es fast täglich. Trotzdem: 1988 konnte man Österreich offiziell noch frei von jeder Mittäterschaft als Opfer des Nationalsozialismus darstellen, 2018 hat das niemand mehr versucht, sondern es wurde ganz im Gegenteil offen die österreichische Mitverantwortung für den Nationalsozialismus einbekannt. Ohne das jahrelange Engagement der Künstlerinnen und Künstler wäre das nicht möglich gewesen. Wenn Kunst- und Kulturschaffende auf sich alleine gestellt agieren, kann man aber nur von einer isolierten Wirkung ausgehen, es geht ihnen nicht anders als anderen gesellschaftlichen Gruppierungen. Kunst, Wissenschaft oder Medien hängen von den gesamtgesellschaftlichen Umständen und Entwicklungen ab, die für sie arbeiten oder sie behindern, die größere Effekte zulassen oder geringere. Dass derzeit keine gesellschaftliche Aufbruchsstimmung sondern eine Bunkerstimmung herrscht, ist unübersehbar, dass die tonangebende Stimmungslage nicht Neugier, sondern Ängstlichkeit heißt, genauso. Wie irrational eine Angst auch sein mag. In Ungarn hat man sich z. B. vor den angeblich unsicheren Verhältnissen in Österreich gefürchtet und deshalb Orbán gewählt. Einschüchterungen tun dann noch ein Übriges, um Zugänge zu verunmöglichen und eine andere als die gelenkte Öffentlichkeit zu unterbinden.

Digitale Medien spielen auf dem Büchermarkt nur eine Nebenrolle

Füßl: Man spricht von „Bücherflut“, Literatur wurde zusätzlich auch über neue Kanäle wie Hörbücher, E-Books, Internet etc. zugänglich gemacht. An Quantität und Verfügbarkeit kann es also nicht liegen. Woran dann?
Ruiss: Es existiert eine große Unsicherheit, in welche Richtung es geht. In dieser Situation haben es Jahrmarktsversprechen einfacher als solide Produkte, Simplifizierungen leichter als Hinterfragungen und Infragestellungen. Sorgen, Ängste und Probleme haben die Leute genug, sie brauchen nicht noch weitere. Wenn sich das mit populistischer Politik paart, entsteht ein gefährliches Gemisch aus Halbwahrheiten und Scheinlösungen. Auch der Literatur kommt dabei eine geänderte Rolle zu, die Unterhaltungsansprüche an sie verstärken sich. Wobei aber alle Entwicklungen auf dem Buchsektor ihre eigenen Gründe und Funktionen haben. 
Hörbücher sind z. B. eine „Ideallektüre” für Pendlerzeiten und befriedigen das Bedürfnis, Geschichten erzählt zu bekommen, E-Books sind extrem stark auf den Massengeschmack und Mengenverkauf zugeschnitten, also punkten sie vor allem im Trivialbereich und auf dem „Wühlkistensektor”, und das Internet generell hat in erster Linie mit Kommunikation und erst in zweiter Linie auch irgendetwas mit dem Lesen zu tun. Die ambitioniertere Literatur und Publizistik im Printmedienbereich kämpft hingegen mit sinkenden Auflagenzahlen und geringeren Reichweiten. Es ist aber ganz normal, dass es nach euphorischen Phasen wieder den Rückbau gibt. In den Steigerungen bei den Titelzahlen spiegelt sich auch die Konkurrenz zwischen dem Printsektor und dem digitalen Sektor wider. Die digitalen Medien spielen trotz der jetzt schon jahrzehntelangen Ankündigungen von der bevorstehenden Ablöse von Printausgaben durch Digitalausgaben auf dem Büchermarkt noch immer nur eine Nebenrolle.

IG Autorinnen und Autoren – Erreichtes und neue Aufgaben

Füßl: Sie sind fast von den Anfängen in den 1980er Jahren an Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren. Wie hat sich in dieser Zeit die Situation Ihrer BerufskollegInnen entwickelt, und wo liegen heute die ungelösten Probleme?
Ruiss: Bei der Änderung der Ausgangsvoraussetzungen haben wir relativ viel erreicht. Die IG Autorinnen Autoren hat im Lauf der Jahre eine zuvor nicht vorhandene Professionalisierung der Verhältnisse auf dem literarischen Sektor zustande gebracht, von Förderungen angefangen bis zu generellen vertraglichen Regelungen und Gesetzen, die in den meisten Fällen von der IG Autorinnen Autoren mitentwickelt worden sind. Ich kann mich als Autor oder Autorin in Österreich heute auf eine funktionierende Struktur verlassen und mich hauptsächlich auf meine literarische Arbeit konzentrieren, für alles andere stehen mir Hilfestellungen zur Verfügung, wenn ich sie brauche.
Zu den größten Problemen aus heutiger Sicht zählt, wie wir den weiteren notwendigen Ausbau beispielsweise bei der sozialen Absicherung schaffen. Wir haben es immer stärker mit Regierungen zu tun, die die gesellschaftliche Verantwortung in die persönliche Verantwortung auslagern. Das betrifft die Arbeitsverhältnisse von Künstlerinnen und Künstlern ebenso wie den Wert von künstlerischen Werken.
Neu kommt auf uns zu, dass wir uns für den generellen Wert der Demokratie einsetzen müssen und für die gesellschaftliche Verantwortung denjenigen gegenüber, die aus eigener Kraft keine Möglichkeiten haben, sich in der Gesellschaft zu behaupten. Es sind durchaus keine „Einzelschicksale”, die es betrifft, sondern ganze gesellschaftliche Gruppen und auch große Teile der Kunst- und Kulturschaffenden sind davon betroffen, die schon immer in prekären Arbeits- und Beschäftigungsverhältnissen gelebt haben.

Um Erhalt von Medienfreiheit und -vielfalt in Österreich kämpfen

Füßl: Wie sehen Sie die Medienlandschaft in Österreich? Sie setzen sich zum Beispiel sehr kämpferisch für den Erhalt des Kultursenders Ö1 ein – dieser Kampf dürfte angesichts der Interessenslage der derzeitigen Regierung wohl nicht einfacher werden.
Ruiss: Meinungs- und Medienfreiheit sind die großen Themen unserer Tage, die Kunstfreiheit sehe ich noch am wenigsten gefährdet. Kunst kann man gewähren lassen, man muss nur für ihre Unwirksamkeit sorgen. Bei den Medien dagegen stellt sich die Notwendigkeit, sie kontrollieren zu müssen, sobald es um Machterringung und den Machterhalt geht. Ich hoffe auf ein so großes Selbstwertgefühl der österreichischen Medienverantwortlichen, dass sie solche Medienverhältnisse, wie sie jetzt in Ungarn oder in der Türkei herrschen, in Österreich nicht zulassen. Die klassischen Massenmedien Zeitung, Radio und Fernsehen stehen ohnehin in Konkurrenz zur digitalen Kommunikation und haben die historische Chance auf Überprüfbarkeit und Haltbarkeit ihrer Informationen und Nachrichten, die im Netz kaum jemand für sich geltend machen kann. Es wird sicher nicht einfacher werden, Medienfreiheit und Medienvielfalt in Österreich zu erhalten und zu garantieren, aber es lohnt sich, um sie zu kämpfen.

Das ORF Landesstudio Vorarlberg hat für Kunst und Kultur da zu sein

Füßl: Sie haben sich auch angesichts des Kulturabbaus im ORF Landesstudio Vorarlberg zu Wort gemeldet. Ein Akt der Solidarität mit den Kulturschaffenden vor und hinter den Mikrophonen?
Ruiss: Solidarisch sind wir sowieso immer, in diesem Fall kommt aber noch ein besonderer Aspekt hinzu, da wurde ja vor den Augen aller ein zentraler, bedeutsamer Kultursendetermin aus dem Weg geräumt, um eine Werbefläche zu schaffen. Und das im öffentlich-rechtlichen österreichischen Rundfunk. Eine solche demonstrative Brüskierung einer gesamten Landes-Kunst- und Kulturszene muss man erst einmal zustande bringen. Dabei kann es nicht bleiben, nicht, so lange es ein ORF Landesstudio Vorarlberg gibt. Warum sollte auch irgendwer, der im Land kulturell etwas zu sagen hat, einem solchen Verräumen eines zentralen Kulturfensters etwas abgewinnen können? Warum sollte denn in Vorarlberg auf einmal niemand mehr am aktuellen Kunst- und Kulturgeschehen interessiert sein? Hat man sich denn zuvor nicht gefragt, wo die kulturelle Entwicklung in Vorarlberg hergekommen ist und was sie für Vorarlberg bedeutet? Natürlich weiß man das oder sollte es wenigstens wissen, aber im ORF Landesstudio Vorarlberg offenbar noch nicht genug. Also muss das dem ORF Landesstudio Vorarlberg gesagt werden, so oft und so lange, bis man dort versteht, dass es bei der Programmgestaltung des ORF Vorarlberg nicht um eine Werbefläche mehr für ein paar Werbekunden geht, sondern um die Kunst und Kultur des Landes, für die das ORF Landesstudio Vorarlberg da zu sein hat. Wir haben den Kahlschlag in anderen Landesstudios erlebt, wo man sich heute schwertut, auch nur einen einzigen kundigen Kultur-Redakteur bzw. eine einzige kundige Kultur-Redakteurin zu finden, geschweige denn ein entsprechendes Programm. Das hätte nie passieren dürfen und darf jetzt in Vorarlberg schon gar nicht passieren.

 

Feldkircher Literaturtage
3. – 5. Mai 2018
Theater am Saumarkt, Feldkirch
www.saumarkt.at

Gerhard Ruiss: „Meinungs- und Medienfreiheit sind die großen Themen unserer Tage, die Kunstfreiheit sehe ich noch am wenigsten gefährdet. Kunst kann man gewähren lassen, man muss nur für ihre Unwirksamkeit sorgen.“ © Dietrich Scherr

Gerhard Ruiss: „Meinungs- und Medienfreiheit sind die großen Themen unserer Tage, die Kunstfreiheit sehe ich noch am wenigsten gefährdet. Kunst kann man gewähren lassen, man muss nur für ihre Unwirksamkeit sorgen.“ © Dietrich Scherr

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  • Gerhard Ruiss: „Meinungs- und Medienfreiheit sind die großen Themen unserer Tage, die Kunstfreiheit sehe ich noch am wenigsten gefährdet. Kunst kann man gewähren lassen, man muss nur für ihre Unwirksamkeit sorgen.“ © Dietrich Scherr Gerhard Ruiss: „Meinungs- und Medienfreiheit sind die großen Themen unserer Tage, die Kunstfreiheit sehe ich noch am wenigsten gefährdet. Kunst kann man gewähren lassen, man muss nur für ihre Unwirksamkeit sorgen.“ © Dietrich Scherr