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11.05.2022 |  Markus Barnay

Regina Lamperts „Schwabengängerin“ ist in einer Neuauflage erschienen

„Tränen kamen, ich musste laut aufweinen, so hatte ich Heimweh. ,Ach Gott!‘ dachte ich, ,wäre doch der Sommer schon vorüber, dann könnte ich wieder heim.‘ ,Heim,‘ dachte ich, ,das ist doch ein schönes Wort.‘ Ich weinte mich tüchtig aus, dachte an meinen Bruder Anton, ob er wohl auch so Heimweh hatte wie ich. Ich zählte die Tage bis Sonntag. Noch vier Tag, und dann kommt der Anton mich besuchen, wie freu ich mich” (S. 61). Als Regina Lampert diese Zeilen schrieb, war sie über 75 Jahre alt. Die Ereignisse, an die sie sich erinnerte, lagen da bereits 65 Jahre zurück, denn sie war noch keine zehn Jahre alt, als sie zum ersten Mal ins Schwabenland geschickt wurde, um dort den Sommer arbeitend zu verbringen.

Regina Lamperts ebenso umfangreiche wie detailgetreue Aufzeichnungen sorgten vor rund 25 Jahren für großes Aufsehen, sind sie doch das erste und bis heute einzige bekannte umfassende Selbstzeugnis eines ehemaligen „Schwabenkindes". So wurden jene tausenden Kinder genannt, die alljährlich im Frühjahr aus Vorarlberg, Tirol und der Schweiz nach Oberschwaben zogen, um dort auf den großen Bauernhöfen als Hirten („Hütekinder“), Stallknechte oder Küchenhilfen zu arbeiten. Wenn sie im November zurückkehrten, brachten sie zwischen 10 und 20 Gulden (nach der Kaufkraft umgerechnet wären das zwischen 200 und 300 Euro) und „doppeltes Häs“ mit nach Hause, „also zwei Paar Schuhe, zwei Paar Strümpfe oder Socken, zwei Hemden, ein Werktagsanzug und ein Sonntagsanzug, ein Hut für Sonntag und eine Kappe für Werktag, also, das heißt Sonntags- und Werktagskleider” (S. 55). Noch wichtiger als Lohn und Kleidung war für die meisten Familien aber, dass in der Zeit der temporären Auswanderung weniger Kinder am Tisch saßen und ernährt werden mussten.

Ländliche Gesellschaft im Aufbruch

„Ihre Lebenserinnerungen sind nicht nur ein egohistorisches Dokument von besonderer Qualität, Breite und Tiefe”, schreibt Bernhard Tschofen, der in Bregenz geborene und aufgewachsene Professor für kulturwissenschaftliche Raumforschung an der Universität Zürich in seinem Vorwort zur Neuauflage des Buches, „sondern auch eine einmalige erfahrungsgeschichtliche Quelle für die großen wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen im Bodensee- und Alpenraum während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie konterkarieren das vorherrschende Bild einer stabilen Kultur der Sesshaftigkeit und erlauben Einblicke in eine zugleich von Armut und Anpassungsfähigkeit geprägte Zeit des Übergangs. In Lamperts subjektiver Rückschau auf die Jahre vor und nach 1870 zeigt sich die ländliche Gesellschaft im Aufbruch, ein zwar vulnerables, aber initiatives Milieu zwischen Landwirtschaft, Handwerk und Industriearbeit, in dem saisonale Migrationsbewegungen nicht der einzige Ausdruck hoher räumlicher und sozialer Mobilität waren”. (S. 7)

Tatsächlich ist die Geschichte der Tochter einer armen Bauernfamilie aus Schnifis einerseits beispielhaft für viele tausend ähnliche Schicksale, andererseits herausragend, weil sich Regina Lampert nicht nur im Detail an ihre Erlebnisse erinnerte, sondern diese auch in einer erstaunlich reflektierten, unterhaltsamen Art wiederzugeben verstand. Worin sie sich wohl von vielen Schicksalsgenoss:innen unterschied, sind die relativ erträglichen Arbeitsbedingungen, die sie auf dem Hof vorfand, dessen Besitzer sie in der Ravensburger Markthalle für Hirtenkinder und Dienstboten aufgelesen hatte. Sie berichtete aber auch schonungslos von versuchten sexuellen Übergriffen – unter anderem durch eben jenen Bauern. Regina Lampert, sie hieß nach der Hochzeit mit einem Schweizer Bauunternehmer Bernet-Lampert, hatte ihre Lebenserinnerungen zwischen 1929 und 1931 – ohne jede Veröffentlichungsabsicht – für ihre Familie niedergeschrieben; ihre Tochter transkribierte die handgeschriebenen Manuskripte 1950, acht Jahre nach ihrem Tod.

Best- und Longseller in Neuauflage

Dass es fast noch einmal 50 Jahre dauerte, bis Bernhard Tschofen das Manuskript in die Hand bekam und es im Einverständnis mit der Familie gründlich editierte und schließlich als Taschenbuch herausbrachte, ist vielleicht sogar ein Glücksfall: Ende der 1990er Jahre stieß das Schicksal der Schwabenkinder auf ein breites Interesse, der Veröffentlichung der „Schwabengängerin" folgten zahlreiche andere einschlägige Publikationen. Elmar Bereuter, aus dem Bregenzerwald stammender Autor, schrieb einen Roman („Die Geschichte des Kaspanaze”) und einen Wanderführer auf den Spuren der Schwabenkinder, der Filmemacher Jo Baier machte aus dem Roman einen abendfüllenden Spielfilm, daneben gab es große Ausstellungen über das Thema in Ravensburg und Wolfegg, ein umfangreiches Vernetzungs-Projekt (www.schwabenkinder.eu) sowie Theaterstücke und verschiedene wissenschaftliche Studien. Dass das Interesse am Thema riesig war, zeigt auch der Erfolg der „Schwabengängerin": Sie wurde zum Best- und Longseller, der aber bald schon vergriffen war.
Es war also höchste Zeit, dass die „Schwabengängerin" – mit einer neuen Einführung durch Bernhard Tschofen und einem erweiterten Register, nebst einem Glossar der Mundart-Ausdrücke – neu aufgelegt wurde, denn das Original ist längst vergriffen. Es liest sich auch 25 Jahre nach der Erstveröffentlichung noch höchst spannend, und es tut einmal mehr gut, wenn ein autobiografisches Manuskript nicht unkommentiert und unreflektiert abgedruckt, sondern fachkundig editiert, mit erläuternden Fußnoten ergänzt und, wo die Erinnerung nicht ganz mit den Realitäten übereinstimmen kann (bei zeitlichen Abläufen, Orten oder Ähnlichem), auch einmal korrigiert oder zumindest kommentiert wird.
Regina Lamperts Erzählungen beschränken sich übrigens nicht auf die Zeit als Schwabenkind und die dortigen Erlebnisse. Sie berichtet auch, wie es ihr an weiteren Arbeitsstellen erging – als Magd im Kloster der Dominikanerinnen in Altenstadt (von wo sie auf eigene Faust floh und wieder zum Bauern in Oberschwaben zurückkehrte) und schließlich im Ausflugsgasthaus Maria Grün bei Frastanz (das heutige Mizzigreen) und in einem bürgerlichen Haushalt in Feldkirch. 1875 zog sie in die Schweiz, half dort zunächst ihren Brüdern beim Aufbau eines Bauunternehmens, ehe sie heiratete und vier Mädchen zu Welt brachte. 1899 starb ihr Mann, sodass sie die vier Kinder allein aufziehen und vor allem mit verschiedenen Arbeiten durchbringen musste. Als sie schließlich damit begann, ihre Lebenserinnerungen aufzuschreiben, hatte sie bereits zwölf Enkelkinder.

Regina Lampert: Die Schwabengängerin. Erinnerungen einer jungen Magd aus Vorarlberg 1864-1874, hg. v. Bernhard Tschofen, Limmat Verlag, Zürich 2022, 448 Seiten, 22 Abb., ISBN 978-3-03926-039-3, € 39

Porträt von Regina Bernet-Lampert mit ihren vier Kindern um 1892 im Alter von ca. 38 Jahren. (© Zentralbibliothek Zürich)

Porträt von Regina Bernet-Lampert mit ihren vier Kindern um 1892 im Alter von ca. 38 Jahren. (© Zentralbibliothek Zürich)

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  • Porträt von Regina Bernet-Lampert mit ihren vier Kindern um 1892 im Alter von ca. 38 Jahren. (© Zentralbibliothek Zürich) Porträt von Regina Bernet-Lampert mit ihren vier Kindern um 1892 im Alter von ca. 38 Jahren. (© Zentralbibliothek Zürich)