„handverlesen“ ist ein interdisziplinäres Projekt des Theater Mutante, welches die Wichtigkeit des Handwerker:innen-Berufs in den Fokus rückt. © Theater Mutante
Anita Grüneis · 26. Nov 2022 · Literatur

Neues Liechtensteiner Kochbuch – ein Buch zum Schmökern, Lesen und Geniessen

Jahrezehntelang wurde die einheimische Esskultur im Fürstentum gepflegt – ihr zu Ehren gab der Trachtenverein Liechtenstein ein „Liechtensteiner Kochbuch“ heraus, das auch als Geschenkbuch sehr beliebt war. Es gab sogar eine zweite Auflage, beide Auflagen sind längst ausverkauft und die Trachtenfrauen ließen es damit gut sein. Doch dann nahte die Rettung in Form zweier initiativer Frauen: Bernadette Kubik-Risch und Cornelia Wolf.

Somit ist ab diesem November ein frisch gestaltetes „Liechtensteiner Kochbuch“ erhältlich – allerdings in einer ganz anderen Art als das bisherige – einer sehr „gluschtigen“.

Die zwei Initiantinnen

Bernadette Kubik-Risch hat vor 12 Jahren die Omni-Buchhandlung in Eschen von ihren Geschwistern Renate und Patrick Risch übernommen, die das Geschäft 1996 gegründet hatten. 2019 eröffnete sie in Schaan eine Filiale. In beiden Buchhandlungen setzt sie mit ihrem Team immer wieder Konzepte um, welche die Lesefreude von jungen Menschen fördern. Cornelia Wolf hatte 2013 den Businessplan-Wettbewerb der Universität Liechtenstein mit dem Projekt „Hoi – Laden für Heimatgefühl“ zusammen mit ihren Gründungspartnern gewonnen. In diesem Laden sind nur Produkte zu finden, die mit Liebe zum Detail wenn immer möglich in der Region, aber ganz sicher in Europa hergestellt werden. Viele davon entstammen der hauseigenen Produkteschmiede. Übrigens hat der Hoi-Laden als erstes Unternehmen in Liechtenstein 2022 die Zertifizierung als B-Corp erhalten.

Neu und doch altbewährt

Die beiden Frauen beschlossen, das Liechtensteiner Kochbuch neu auf den Markt zu bringen, mit einem völlig überarbeiteten Konzept. Das Kochbuch wurde unserer Zeit und den aktuellen Strömungen angepasst. Damit hat sich das Buch nicht nur äußerlich verändert, sondern vor allem inhaltlich. Gleichgeblieben ist aber die Idee, spezielle Gerichte und Essgewohnheiten aus dem Fürstentum festzuhalten. Und mehr als das. Beim Schmökern in diesem attraktiv gestalteten Buch erwacht die Lust, das Gelesene gleich in die Realität umzusetzen. Der Inhalt entstand in Zusammenarbeit mit „Alltagsköch:innen“ aus den Gemeinden und enthält Rezepte mit Fotos und Illustrationen, dazu kurze Portraits von den Köch:innen, den Produzent:innen, sowie den Gemeinden. Außerdem werden ausgewählte Traditionen vorgestellt und Einblicke in die Historie des Kochens und Essens im Fürstentum gegeben. Ein paar Beispiele:

Portraits der Köch:innen

Kochen und Backen ist für Simone aus Gamprin-Bendern ein Erlebnis, „das alle ihre Sinne anspricht. Sie legt großen Wert darauf, alles frisch zu zubereiten – und wenn immer möglich regionale Produkte zu verwenden. [...] So bunt wie ihre Küche ist auch Simones Bauerngarten mit verschiedenen Blumen. Das ist ihre zweite Leidenschaft. Ein wilder Bauerngarten. Es gibt für sie nicht das eine Lieblings-Rezept. Sie hat enorm viele Kochbücher und probiert gerne aus. Dabei hält sie es gern wie mit ihrem wunderbaren Garten ,wenns kunnt, kunnts, wenns ned kunnt, kunnt s‘nögscht‘.“
Für Fabian von Schellenberg bedeutet Kochen und Essen Entspannung. „Er probiert mit Vorliebe neue Sachen aus, stöbert gern in Rezepten und passt dabei auch immer so manches an, um dem Gericht eine persönliche Note zu verleihen. Dabei zählt für Fabian vor allem der Geschmack. Bei ihm darf man ruhig sehen, dass das Gericht handgemacht ist. Das Kochen hat Fabian von seinen Eltern mitbekommen – für ihn eine der wichtigsten Fähigkeiten in einem eigenen Haushalt. Und auch etwas, das er gern mit anderen teilt. Sei es nur das Endprodukt oder auch das Kochen an sich.“

Die Klassiker sind aus Mais

Im Liechtensteiner Kochbuch finden sich die landestypischen Gerichte wie Ribel, Hafalääb, Mehlsuppe, Tatsch, Käsknöpfle usw. Neben den Klassikern sind Ideen für Aperos und Desserts wie auch Einmachrezepte zu entdecken. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit dem Stellenwert von Bio und Regionalität in der Ernährung und die Rolle des Zeitgeists beim Essen und Kochen. Darüber unterhalten sich die Bäuerin und Imkerin Anita Gstöhl, die Co-Geschäftsführerin des Vereins Ackerschaft Sandra Fausch und Rainer Tschütscher als kritischer Konsument. Anita Gstöhl meint: „Vor rund 50 Jahren gab es in Eschen noch etwa 70 Milchwirtschaftsbetriebe – heute sind wir einer von vieren. Das Wissen darüber, was eine Kuh frisst und wie sie gehalten wird, geht verloren, wenn der direkte Bezug nicht mehr da ist.“ Sandra Fausch fügt hinzu: „Erst wenn die Menschen wieder ein grundlegendes Verständnis über die Lebensmittel, deren Herstellung und über die Arbeit des Landwirts haben, wird sich etwas ändern. Letztlich ist auch die Wertschätzung gegenüber sich selbst wichtig. Denn es braucht gute Nahrungsmittel für ein gesundes Leben.“ Dem pflichtet auch Rainer Tschütscher bei und meint: „Wichtig ist für mich auch das Kochen – damit meine ich nicht, Fertigprodukte zuzubereiten. Das ist nicht kochen. Kochen mit unseren Kindern ist ein Teil des Spielens und gehört zum Leben. Für viele Menschen hat das Kochen aber keinen Stellenwert mehr. Essen ist für sie einfach eine Nahrungsmittelaufnahme, und danach müssen die Kinder wieder unterhalten werden.“

Tresner Gitzi – und die Fabriken

Immer wieder erstaunlich sind die Unterschiede innerhalb der Gemeinden. So ist zur  Gemeinde Triesen zu lesen: „Wein- und Obstbau spielen für die Gemeinde seit jeher eine große Rolle. Deshalb will sie auch die Vielfalt alter Obstsorten erhalten. Mit dem Projekt ,Öpfl & Bera‘ werden Angaben über alle Obstbäume inventarisiert, besonders bedrohte Sorten gesichert und Obstbäume langfristig erhalten. [...] Die Gemeinde hat auch eine große Vergangenheit als Fabrikstandort und in der Textilindustrie, wovon die heute denkmalgeschützte Weberei zeugt. Weil es früher sehr viele Fabrikarbeiter in Triesen gab, die zuhause keine Kühe, sondern nur Ziegen hielten, nannte man die Triesner ,Tresner Gitzi‘“.

„Eschnerkolpa“ – die sparsamen Unterländer

Die Eschner:innen bauten früher viel Mais an. Ihr Spitzname „Eschnerkolpa“ dürfte deshalb von den zahlreichen Maiskolben kommen. Aus dem „Tüarka“, wie der Mais oft bezeichnet wird, entsteht der schmackhafte „Ribel“ oder „Rebel“, serviert mit Holder- oder Apfelmus. Es gibt die Kochart der Oberländer und der Unterländer: Erstere verwenden Milch oder Milchwasser zum Quellen des Maisgrieß, Letztere nehmen nur Wasser. Dass die Unterländer generell als sparsam gelten, ist also kein Gerücht.

Liechtensteiner Kochbuch, Hrsg. v. Bernadette Kubik-Risch und Cornelia Wolf, Fotografien v. Yannick Zurflüh, edition Hoi-Liechtenstein, Vaduz 2022, Hardcover, 268 Seiten, ISBN: 978-3-9524980-1-9, CHF 38,50