Im Laufrad gefangen – „Von Mäusen und Menschen“ feierte Premiere im Landestheater. © Anja Köhler
Peter Niedermair · 09. Dez 2022 · Literatur

„s’Ruthle“ in 93 Bildern und Text von Christoph Abbrederis

„s‘Ruthle“ – das Buch ebenso wie die Ausstellung zu seiner Mutter Ruth Maria Abbrederis, geborene Feuerstein, war, laut Christoph Abbrederis, nie so geplant gewesen. Vielleicht liegt gerade in dieser eigenwilligen Entstehung des Projekts jenes poetische Geheimnis, das uns in seinen Bildern und Texten eine unspektakuläre und über zuschreibende Attribute erhabene Beziehung zeigt … und an dieser teilhaben lässt.

In diesem Projekt des in Wien lebenden Bregenzer Künstlers präsentiert Stoffl, wie Christoph Abbrederis, der einzige Sprössling, gerufen wird, ein Jahr nach ihrem Ableben im Oktober 2021 dieses „wunderbare, berührende, amüsante und herzerwärmende Buch“, erzählt Hans Platzgummer in seiner Vernissage-Rede zur Ausstellung im Studio Drehpunkt in Bregenz. Und der Schriftsteller, Kosmopolit wie Stoffl, den er Anfang der 1990er Jahre im New Yorker East Village kennenlernte: „Er hat ein Buch über seine Mutter verfasst, das weder wehmütig noch beschönigend ein Menschenleben beschreibt, welches, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, aus weitgehend allgemein bekannten Bausteinen seinen eigenen Kosmos zusammensetzt. So unspektakulär dieses sich ganz aufs Privatistische begnügende Dasein auch gewesen sein mag, heute, in diesem zugleich Bilder- wie literarischen Buch, auf die Art und Weise wie hier anekdotenhaft Bilder und Texte ineinander fallen, offenbart es mehr als bloß das 1928 gekommene und 2021 gegangene Ruthle – ,s‘Ruthle beschreibt die Generation dieser Frau und kann und sollte deshalb von jedem und jeder nachfolgenden Generation genossen werden, egal, ob sie die Frau, die hier porträtiert wird, kennt oder nicht.“ Im Text von Christoph Abbrederis spiegelt sich ein feines, unverklärtes und wertschätzendes Gespür für seine Mutter, die er an keiner Stelle idealisierend überhöht. Der Künstler als Autor geht auf den insgesamt 193 Seiten sehr respektvoll mit Ruthles persönlich-intimen Eigenheiten und den emotionalen Dynamiken ihrer beider Beziehung um. Fast nie zuvor in meiner bisherigen Lesebiographie habe ich eine derart stimmige Kommunikationspraxis wahrgenommen.

„Danke für die angenehme Gesellschaft“

Zur Entstehung erzählt Christoph Abbrederis im Gespräch mit der „KULTUR“: „In den letzten Stunden mit meiner verstorbenen Mutter (ihre Pflegerin hatte durchgeheult und ich wollte sie nicht alleine mit ihr die Nacht in der Wohnung verbringen lassen) machte ich Skizzen von ihr, bevor der Leichenbestatter sie gegen Abend mitnahm. Diese (die letzte) ist das einzige Bild, das nicht an ein Foto angelehnt ist. Bald darauf begann ich aus einer Laune heraus, spontan und ohne konkrete Absicht, Bildnotizen zu machen, die mir bei der Durchsicht von Kisten von Fotoalben (und Briefen) am nächsten waren. Das entwickelte sich zu einem allmorgendlichen Frühstücksritual. So entstand im Laufe der Zeit die Idee, anlässlich des Jahrestages ihres Todes eine Broschüre zur ‚Erinnerung‘ an sie für ihre Verwandten zusammenzustellen.“
Ursprünglich bot sich eine befreundete Schriftstellerin, die s’Ruthle gut kannte, an, zu den 93 fertigen Zeichnungen einen Text zu verfassen. Weil diese aus persönlichen Gründen verhindert war, sah Stoffl sich gezwungen, selbst Episoden den Bildern beizustellen. Das war für ihn eine Premiere – was sich nachträglich als Glück herausstellte –, da er sich auf eine ihm ungewohnte Art erneut mit seinen Eindrücken auseinanderzusetzen hatte. In dieser vielschichtigen Melange aus Bildern, Briefen, Erzählungen, Photos und seinen eigenen Erinnerungsfragmenten entstand dadurch ein „Ruthle“, das er auf andere Art nie so wahrgenommen hätte. Zudem hatte Stoffl, wie er erzählt, das Glück, dank Corona-Isolation, dass er ihre letzten Jahre intensiv in ihrer persönlichen Nähe verbracht habe. Sie muss diese Nähe sehr genossen haben und nahm alle Gelegenheiten wahr, um an seinem Umfeld teilzuhaben. Dabei war sie, wie Stoffl sich erinnert, beinahe kindlich offenherzig und fern jeder Mutterrolle. Vielmehr gab sie allen das Gefühl, auf Augenhöhe zu kommunizieren. Dadurch nahm sie ihm jede Verantwortlichkeit als „Sohn“, indem sie diese durch ein freundschaftliches Miteinander ersetzte.
In vereinzelten Textpassagen zu den 93 Zeichnungen des Künstlers tauchen Familien-Internas mit Beziehungsaspekten auf, wie wir sie alle kennen: „Wenn ich in Wien bin, schmerzt es mich besonders. ‚Ruf Mama an‘, überkommt es mich und hinterlässt mich mit ‚das geht nicht mehr! (…) Immer wenn mein Vater mit mürrischer Stimme abhob, wusste ich sofort: Sie ist mit ihrer illustren Damengruppe unterwegs. In wenigen Jahren holte sie nach, was ihr das frühere Leben verwehrt haben musste. Es waren viele Reisen. Sehr viele, ich haben den Überblick verloren.“ (S. 142ff) Meine eigene Mutter war wie Stoffls Ruthle auch 1928 geboren; dieser Zufall legt nahe, dass sich das gesellschaftlich-kulturelle und soziale Zeitgeschehen in den Biographien ähnlich spiegelt. Der Künstler-Autor präsentiert mit seinem textknappen, nie ausschweifenden Büchlein auch ein kompaktes Stück Zeitgeschichte.

Etwaige Rätsel sind gelüftet

Beim mehrmaligen Lesen dieser einmaligen Biographie von Ruth Abbrederis sind mir noch die Handtaschen aufgefallen. Dazu befragt, erzählt Christoph A. „Als Berge von Hinterlassenschaft zu ‚entrümpeln‘ waren, wurden die Handtaschen als erstes geopfert. (Für mich gab es dazu keine Verwendung und meine Freundinnen zeigten auch kein überschwängliches Interesse ...) Erst später bemerkte ich auf Fotos, dass dieses ‚Accessoire‘ ein entscheidendes Faktum war, wie sich Damen dieser Generation ‚inszenierten‘. Die entsprechende Handtasche war das Pünktchen auf dem ‚i‘ und sagte manches über die Selbstwahrnehmung der entsprechenden Person. Sie fehlte auf kaum einer Aufnahme. Als ich das wahrnahm, war es schon zu spät.“ Der Autor selbst ist in diese Seiten der Erzählung hineingeschlüpft; „s’Ruthle“ ist mehr als ein Buch über die Mutter, sondern auch über den Ich-Erzähler, ihren Sohn.

Christoph Abbrederis, s’Ruthle, Zeichnungen und Texte; schlagseite verlag, Oktober 2022, ISBN 978-3-9504756-2-3; limitierte Auflage, 93 Exemplare, EUR 27

Christoph Abbrederis: „s‘Ruthle in 93 Bildern“
Ausstellung verlängert bis 5.1.23
Mo – Fr 8 – 12, 14 – 17 Uhr
Studio Drehpunkt, Bregenz

www.abbrederis.com