„Bones and All“ derzeit in den Vorarlberger Filmclubs. © Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc.
Gunnar Landsgesell · 09. Dez 2022 · Film

She Said

Die sexuellen Übergriffe des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein seien ein "offenes Geheimnis" gewesen, heißt es. Umso beeindruckender ist es, wie die deutsche Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader in ihrer Geschichte das "System der Angst" freilegt, das Weinstein mithilfe von Anwälten und psychischer Manipulation über Jahrzehnte aufgebaut und erhalten hatte. Carey Mulligan und Zoe Kazan spielen die beiden New York Times-Journalistinnen, die MeToo losgetreten haben.

Der New York Times-Journalistin Jodi Kantor (Zoe Kazan) kommen die Tränen, als ihr am Telefon die erste ihrer potenziellen Zeuginnen am Telefon mitteilt, namentlich gegen Hollywood-Mogul Harvey Weinstein auszusagen - vor Erleichterung. Der Druck, der sich während ihrer Recherchen und Gespräche mit den Opfern Weinsteins aufgebaut hat, ist enorm. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Megan Twohey (Carey Mulligan) arbeitet sie sich mühsam durch eine Mauer des Schweigens. Beide Frauen leisten dabei emotionale Schwerstarbeit, um den ungeheuerlichen Fall Weinstein aufzudecken. Am Ende waren es über 80 Frauen, die von sexuellen Übergriffen bis zu Vergewaltigungen berichteten. Es ist kein leichter Stoff, den die deutsche Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader ("Vor der Morgenröte") auf beeindruckende Weise inszeniert hat. "She Said" ist weder Pflichtübung noch Betroffenheitskino und auch kein Porträt von Weinstein selbst. Mehr als ein paar Wortfetzen am Telefon und eine Rückenansicht ist von diesem Mann im Film nicht wahrzunehmen. Und das ist gut so. Entscheidend ist, welche Spuren Weinstein in dieser Geschichte hinterlassen hat. Schrader verliert dabei nie den Fokus, wenn ihre zwei Protagonistinnen Twohey und Kantor sich durch ein Labyrinth an Anspielungen arbeiten. Das Drehbuch von Rebecca Lenkiewicz - effizient und immer am Punkt - und die flüssige Bildsprache von Kamerafrau Natasha Braier ("The Neon Demon") führen wie in einem Thriller in ein "System der Angst", das Weinstein auf Einschüchterung und psychischer Manipulation aufgebaut hat. Die Herausforderung Schraders bestand darin, von einem hocheffizienten System der Repression gegen Frauen in Hollywood zu erzählen, das einerseits ein "offenes Geheimnis", andererseits aber für die Betroffenen unüberwindbar war. Warum ist sexueller Missbrauch allgegenwärtig aber für die Justiz kein Thema, fragt sich einmal eine der beiden Journalistinnen. Der Film liefert auf beeindruckende Weise Antworten.

Emotionale Belastung wird greifbar

"She Said" basiert auf dem Buch "She Said: Breaking the Sexual Harassment Story That Helped Ignite a Movement", in dem die beiden Investigativjournalistinnen darüber schreiben, wie ein ganzes Netzwerk von Firmen, Anwälten, Agenten, PR-Leuten und Verlegern im Sinne Weinsteins gearbeitet hat, um über 30 Jahre Stillschweigen zu gewährleisten. Schrader gibt einem eine Ahnung, wie effizient dieses Netzwerk agiert haben muss, ohne dabei zu technisch zu werden. Die Entscheidung, die emotionale Belastung von Kantor (als junger Mutter) und Twohey einzubringen, erweist sich dramaturgisch als äußerst fruchtbar. Es wird sehr greifbar, wie die strukturelle Gewalt des Weinstein-Systems einerseits bis in das Leben der beiden Journalistinnen dringt, andererseits das Leben der betroffenen Frauen noch Jahrzehnte später beeinträchtigt. Zeitweise erinnert das an die Paranoia-Filme des New Hollywood, doch leider ist hier alles sehr real. Indirekt erzählt der Film damit auch von den ungleichen Verhältnissen zwischen  finanziell potenten Akteuren und Medienhäusern, die große Risiken eingehen und einen besonderen Aufwand benötigen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. In diesem Fall hat das geklappt. Absolut sehenswert.