Eine Tänzerin der DevelopDance Connection im Schaufenster (Foto: DuB)
Walter Gasperi · 15. Dez 2022 · Film

Aktuell in den Filmclubs (16.12. - 22.12. 2022)

Im Heerbrugger Kinotheater Madlen gibt es diese Woche das starke iranische Drama „The Apple Day" zu sehen, das unübersehbar vom italienischen Neorealismus beeinflusst ist. Beim Filmforum Bregenz steht dagegen unter anderem mit „Tausend Zeilen" Bully Herbigs Film über den Skandal um den Journalisten Claas Relotius auf dem Programm

The Apple Day: Mit großen Hoffnungen ist eine Familie vom iranischen Land in die Metropole Teheran gezogen, doch die Lebensbedingungen erweisen sich hier bald als prekär. Die Lage verschärft sich, als der Pick-up gestohlen wird, mit dem der Vater auf den Straßen Teherans Äpfel verkaufte. Gleichzeitig beauftragt aber auch die Lehrerin des kleinen Sohnes Mahdi jede/n Schüler:in am Tag, an dem ein bestimmter Buchstabe gelernt wird, etwas dazu Passendes aus dem Beruf des Vaters mitzubringen. Mahdi soll so bei der Besprechung des Buchstabens „A" für jeden Schüler einen Apfel mitbringen.
Mehr noch als die Fokussierung auf kleine Leute erinnert der Diebstahl des Pick-up an Vittorio de Sicas „Ladri di bicicletta". Wie der Plakatierer im neorealistischen Klassiker ohne Fahrrad kann auch der Obstverkäufer ohne Pick-up seinen Beruf nicht weiter ausführen. Hier wie dort beginnt eine verzweifelte, aber erfolglose Suche. Mit dynamischer Handkamera überträgt Mahmoud Ghaffari dabei in dem sonst ruhig erzählten Film die Erregung und Panik des Vaters. Gleichzeitig bietet Ghaffari dabei aber auch Einblick in die allgegenwärtige Korruption im Iran, wenn beispielsweise dem Polizisten nebenbei noch ein Geldschein zugesteckt wird, um doch etwas eifriger zu recherchieren.
Keine große Geschichte wird hier erzählt, aber durch den genauen Blick auf die Charaktere und das Milieu, in dem Ghaffaris Erfahrung im Dokumentarfilm spürbar wird, und durch die hervorragend agierenden Laiendarsteller:innen entwickelt sich ein dichtes und präzises Drama, das über die konkrete Geschichte hinaus ein eindrückliches Bild vom Leben im Iran, von den Folgen der Migration und einer Gesellschaft in Schieflage vermittelt.
Kinotheater Madlen, Heerbrugg: Mo 19.12., 20.15 Uhr

Tausend Zeilen:  Michael „Bully" Herbig zeichnet sehr frei den Skandal um den Journalisten Claas Relotius nach, der für seine Reportagen für den Spiegel gefeiert wurde, bis sie sich 2018 als Erfindung entpuppten.
Plastische Charaktere entwickelt Herbig dabei kaum, sondern setzt vielmehr auf teilweise bis zur Karikatur überzeichnete Typen. Vor allem die Chefetage des Spiegels, die ihrem neuen Star ganz verfallen ist, bekommt ihr Fett ab. Zwischentöne sucht man vergeblich und auch mit akribischen und langwierigen Recherchen zur Wahrheitsfindung und Überführung des Betrügers hält sich Herbig nicht lange auf. Schnell muss hier alles gehen und mehr an Boulevardjournalismus als an ein Qualitätsmedium erinnert so „Tausend Zeilen". Wenig subtil entwickelt sich die Satire auf eine Medienwelt, in der man sich nach außen die Wahrheit auf die Fahnen geschrieben hat, aber einem Betrüger auf den Leim geht, zum Lobgesang auf engagierten Journalismus.
Denn mag der preisgekrönte Journalist auch ein Betrüger sein, mag seine Zeitung ihn feiern, da er mit seinen Reportagen Auflage und Renommee in die Höhe schnellen lässt, so ist die Identifikationsfigur doch der engagierte Gegenspieler des Medienstars, der unermüdlich für die Aufdeckung der Wahrheit kämpft.
Am rechten Fleck hat „Tausend Zeilen" zweifellos sein Herz, aber er ist eben auch so grobschlächtig inszeniert, dass er mit seinem Tempo zwar 90 Minuten leidlich unterhält, aber auch ohne Nachwirkung bleibt. Verschenkt wurde so letztlich ein starker Stoff, aus dem man wesentlich mehr hätte machen können und müssen.
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 21.12., 20 Uhr


Weitere Filmkritiken, Streamingtipps, DVD-Besprechungen und Regisseur-Porträts finden Sie auf meiner Website 
https://www.film-netz.com.