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04.11.2019 |  Gerhard Wanner

Neue Publikation zur Geschichte Vorarlbergs - Der Spanische Bürgerkrieg und Vorarlberg

Zwischen 1936 und 1939 wütete zwischen der demokratisch gewählten spanischen Regierung mit ihren „Republikanern“ und den rechtsgerichteten Putschisten, den „Nationalisten“ unter Führung des Generals Franco ein grausamer Bürgerkrieg – das faschistische Deutschland und Italien standen auf seiner Seite. Die Kämpfe und der Terror kosteten Hundertausende von Menschenleben. Dass in diesem Zusammenhang Vorarlberg eine gewisse Rolle spielte, war bisher kaum bekannt und in der Geschichtsschreibung nur wenig rezipiert worden.

Umso erfreulicher ist es, dass sich der junge Historiker Dr. Severin Holzknecht aus Lustenau dieser Thematik angenommen hat. Er promovierte 2017 an der Universität Innsbruck und ist durch diverse zeithistorische Projekte und Publikationen an die Öffentlichkeit getreten. Der Titel seiner 294 Seiten umfassenden und im Universitätsverlag Wagner in Innsbruck erschienenen Publikation ist programmatisch für deren Inhalt: „No pasarán!“ Es geht dabei um den Ausruf der leidenschaftlichen republikanischen Rednerin Dolores Ibárruri über Radio Madrid: „Sie kommen nicht durch!“ Gemeint waren die faschistischen Putschisten.

Vorarlberg als „Nadelöhr“ im Transportsystem nach Spanien

Holzknecht hat es sich nicht einfach gemacht. Der Autor behandelt vorerst die politische Lage in Vorarlberg und der Ostschweiz in den 30er Jahren. Sie bietet Erklärungen dafür, warum Tausende freiwilliger Spanienkämpfer aus Mitteleuropa den Weg über Vorarlberg, die Schweiz und Frankreich nach Spanien nehmen konnten. Ein weiterer Schwerpunkt liegt bei der Schilderung der Lage der Revolutionären Sozialisten und Kommunisten dies- und jenseits des Rheins. Gestützt auf umfangreiche und bisher unbekannte Akten aus dem Landesarchiv, den Bezirkshauptmannschaften und den Polizeikommanden erhalten wir völlig neue Einblicke in die Strukturen dieser beiden politischen Kleingruppen und deren Akteure. Hervorzuheben ist dabei, dass es nicht die „Stärke“ der Vorarlberger Kommunisten war, wodurch Vorarlberg zum „Nadelöhr“ innerhalb dieses Transportsystems nach Spanien wurde. Holzknecht: „Ohne Schweizer Geld und Hilfe“ wäre dies unmöglich gewesen. Zugute kam den Transporten, dass Grenzübertritte der Freiwilligen bis Ende 1936 noch relativ einfach waren. Mit der Machtergreifung der autoritären österreichischen Regierung Schuschnigg und 1938 Hitlers in Österreich änderte sich dies. Die kommunistischen Parteien wurden verboten und ihre Anhänger verfolgt, es kam zu verschärften Grenzkontrollen, Personenüberwachungen und Inhaftierungen. Nun setzte der Menschen-Schmuggel ein.
Es ist bemerkenswert, dass wir in Vorarlberg über die Zeitgeschichte unseres Schweizer Nachbarraumes nicht Bescheid wissen. Holzknecht füllt in etwa diese Lücke, wenn es um die dortigen Sozialdemokraten und Kommunisten geht. Diese wurden in den 30er Jahren im Gegensatz zu Österreich nicht durch Verfolgung bedroht. Die Schweizer KP wurde zwar 1940 verboten, jedoch bereits 1943 wieder aufgestellt, obwohl sie sich dem Stalinismus verpflichtet fühlte. In der Ostschweiz, und hier vor allem in St. Gallen, wurde der Transit der Spanienkämpfer organisiert. Die Hilfe der Ostschweizer „Genossen“ war aber auch „essentiell für das Überleben des Vorarlberger Widerstandes zwischen 1933 und 1938“ gegen den autoritären „Ständestaat“.  

Treffpunkte und Orte des Grenzübertritts

Holzknecht untersucht in der Folge die Orte in Vorarlberg, an denen die legalen und illegalen Grenzübertritte erfolgten, wo Propagandamaterial geliefert wurde, wo sich die Schlepper und Schmuggler mit den Spanienkämpfern trafen. Es handelte sich dabei anfänglich um die Grenzorte Diepoldsau, Lustenau, Altach und Feldkirch-Tisis. Sie alle lagen nahe des Rheins an der Grenze zur Schweiz. Als dort seit 1937 verschärfte Kontrollen stattfanden, verlagerten sich die Grenzübertritte in den Raum Frastanz-Bazora und in die Silvretta im Montafon. Dabei spielten Gasthäuser als Treffpunkte eine ganz entscheidende Rolle. Von hier aus erfolgten die „Führungen“ durch ortskundige Einheimische. Holzknecht stellt entschieden fest, dass es sich bei diesen Helfern um „keine überzeugten Kommunisten oder Sozialdemokraten handelte, sondern (diese) in erster Linie an einem Zuverdienst interessiert“ waren. Einer der beliebtesten und „bequemsten“ Wege in die Schweiz war die Bahnverbindung von Feldkirch nach Buchs. Obwohl es strenge Kontrollen in den Zügen gab, war es den Exekutivorganen nur in seltenen Fällen möglich, Reisende als Spanienfreiwillige zu identifizieren.
Holzknecht geht anhand des Aktenmaterials sehr ausführlich auf die einzelnen Treffpunkte der Spanienkämpfer ein. Das Alpenhotel „Bazora“ oberhalb von Frastanz, in Liechtensteiner Pacht, spielte dabei eine besondere Rolle, da es vor allem Sammelplatz jugoslawischer Staatsbürger war, die dort in kleinen Gruppen ankamen und über das Saminatal nach Liechtenstein gelangten. Getarnt waren sie als Urlauber, die Bergtouren machen wollten. Im Herbst 1937 griff schließlich die Gendarmerie ein und beendete den für manche Lotsen aus Frastanz einträglichen Schlepperverkehr.
Im August 1939 endete schließlich der letzte Transitverkehr, da auch die Schweizer Behörden rigoros eingriffen. Es ging ihnen nicht so sehr um die Spanienfreiwilligen, um aus dem ehemaligen Österreich flüchtende Juden und Antinazisten, sondern um die Furcht vor Unterwanderung der Schweiz durch Nationalsozialisten und deren Umsturzversuche.

Spanienkämpfer aus Vorarlberg – eine kleine Gruppe

Holzknecht ist in der Lage, aufgrund des umfangreichen Aktenmaterials ausführliche Biografien der aus Vorarlberg stammenden Spanienkämpfer zu machen. Es war nur ein kleines Häufchen von 18 Personen, darunter 12 gebürtige Vorarlberger. Der Jüngste unter ihnen (bezogen auf das Jahr 1937) war 19 Jahre alt, der älteste 42. Das Durchschnittsalter lag um die Dreißig. Sie stammten meist aus sozialdemokratischem Milieu und waren als Arbeiter im Kleingewerbe tätig. Nur einer besaß ein Abitur.
Es stellt sich schließlich die Frage nach der Motivation, in einen Krieg zu ziehen, für den man auch den Tod in Kauf nahm. Holzknecht liefert die entscheidende Antwort dazu: Es war die Überzeugung „in Spanien auch die Faschisten im eigenen Land (Vorarlberg) zu bekämpfen“. Es ist naheliegend, dass ihr Idealismus in der zeitgenössischen und konservativ orientierten Landespresse nicht „gewürdigt“ wurde. Im Gegenteil. Einseitige Berichterstattung über die  „Republikaner“ stand im Vordergrund, und man nahm in der Regel für den konservativen faschistischen Diktator Franco Partei.
Es sollte bis zum Jahr 2015 dauern, dass in Vorarlberg die Öffentlichkeit der Spanienkämpfer offiziell gedachte. Aber es betraf nur jene, die nach ihrer Rückkehr in die Heimat Opfer des Nationalsozialismus wurden. Sie fanden namentliche Aufnahme im „Widerstandsmahnmal“ in Bregenz.
Was abschließend die Arbeit des Historikers Holzknecht auszeichnet, ist ihre Sachlichkeit, die Verwendung umfangreicher Archivquellen und dass er sich des Themas einer vergessenen politischen Minderheit angenommen hat, die bereit war, für Demokratie und Freiheit letztlich ihr Leben im Kampf gegen den konservativen und inhumanen Faschismus zu opfern.

Severin Holzknecht, „¡No pasarán!“ Vorarlberg und der Spanische Bürgerkrieg, Innsbruck, Universitätsverlag Wagner 2019, 296 Seiten, ISBN 978-3-7030-9853-6, € 29,90

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