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08.12.2020 |  Markus Barnay

Mythen, Märchen und Modernisierer - Alois Niederstätter schrieb eine „Geschichte des Bregenzerwaldes“

Nehmen wir einmal an, dass es im bevorstehenden Winter doch einmal so etwas wie „Normalität“ geben würde, dass die Hotels geöffnet wären und dass man, zum Beispiel, in einem der Hotels im Bregenzerwald nächtigen dürfte, die über eine gemütliche Leseecke verfügen. Dann gäbe es eine echte Innovation: Zum ersten Mal könnte im Bücherregal ein Buch mit einer leicht lesbaren, nicht zu umfangreichen und doch fundierten Überblicksdarstellung der Geschichte des Bregenzerwaldes stehen. Genau die soll nämlich spätestens Mitte Dezember erscheinen: „Wäldar ka nüd jedar sin!“ von Alois Niederstätter.

Bregenzerwald = „Hinterwald“?

Dass es eine allgemeine „Geschichte des Bregenzerwaldes“ bisher nicht gab, lag wohl daran, dass es den „Bregenzerwald“, wie wir ihn heute kennen, historisch auch nicht gab. Bis ins beginnende 19. Jahrhundert verstand man darunter nämlich nur jenen Teil des „Waldes“, der einen zusammengehörenden Gerichtssprengel bildete und zur Herrschaft Feldkirch gehörte. Er umfasste Egg, Schwarzenberg, Andelsbuch, Bezau, Bizau, Reuthe, Mellau, Au, Schnepfau sowie als Exklave Krumbach und Unterlangenegg. Der Rest, also etwa Lingenau und Hittisau, Doren oder Sulzberg, aber auch Damüls oder Warth, gehörten zu anderen „Gerichten“ und weisen mitunter auch eine deutlich andere Geschichte auf (die beiden letztgenannten ordnen sich inzwischen zeitweise dort zu, wo es gerade opportun ist: zum Arlberg oder zu den „Walsern“ beispielsweise).
Alois Niederstätter, der als Leiter des Vorarlberger Landesarchivs Ende 2018 in den Ruhestand ging und seither publizistisch alles andere als ruhig blieb, ist als fundierter Kenner der regionalen Geschichte bekannt, der immer wieder über den historischen Tellerrand hinausblickt und die politische Geschichte in einen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhang stellt. Das tut er natürlich auch hier. Vor allem kratzt er aber zunächst einmal all den verklärenden Lack von den örtlichen Denkmälern und wischt auf seine bekannte, sachlich-nüchterne und zugleich unterschwellig ironische Art allerlei Mythen vom Tisch. Das beginnt gleich bei der Frage, wo der heutige Bregenzerwald überhaupt anfängt und was alles dazugehört: Geographisch ist er nämlich alles andere als klar einzugrenzen, geologisch-topographisch schon gar nicht, und historisch gehörte eben nur ein Teil dazu. Differenzen gibt es auch sprachlich zwischen dem „allgäuisch“ beeinflussten Vorder- und dem Hinterwald, und selbst innerhalb von einzelnen Gemeinden gibt es Fraktionierungen, etwa zwischen Egg und Großdorf.

Funktionierende „Talschaftsideologie“

Dass es trotz der inneren Vielfalt eine Art „Talschaftsideologie“ gibt, die sich mit bestimmten Zuschreibungen nach außen abgrenzt, führt Niederstätter nicht zuletzt auf die phantasievollen Beschreibungen der Einheimischen zurück, wie sie Reiseschriftsteller über die Jahrhunderte weg entweder voneinander ab- oder sich zurechtschrieben:
Die Talschaftsbewohner ließen sich die im Großen und Ganzen schmeichelhaften Versuche reisender Intellektueller, die regionale Mentalität zu ergründen, offenkundig bereitwillig gefallen. Es soll hier nicht um die Frage gehen, ob man innerhalb weniger Tage, auch wenn man zu Fuß unterwegs war, überhaupt so pauschale Eindrücke gewinnen konnte. Wichtiger scheint eher die Überlegung, ob nicht die Beschriebenen in weiterer Folge bewusst oder unbewusst die Beschreibungen, die vielfach rezipiert bis heute ihr Eigenleben führen, sich zu eigen gemacht haben. (S. 29)

Zu eigen gemacht hat man sich im Bregenzerwald aber auch etliche Mythen – etwa jenen von der „Weiberschlacht“ an der „Roten Egg“ oder jenen von den „seligen Geschwistern“ Diedo, Merbod und Ilga. Beide verweist der Historiker weitgehend ins Reich der Phantasie: Ilga beispielsweise lässt sich zwar als ihr gewidmete Quelle und Kapelle nachweisen, aber nicht als real existierende Person. Und die vermeintliche Vertreibung schwedischer Truppen durch wehrhafte Bregenzerwälderinnen hat gleich zwei Schönheitsfehler: Es gibt keinerlei Quelle für die berühmte Schlacht – und von einer weißen Tracht der Wälderinnen wusste man bis ins 19. Jahrhundert erst recht nichts. Dass Niederstätter aber sogar die Bregenzerwälder Tracht an sich in weiten Teilen als „Erfindung“ des 19. Jahrhunderts entlarvt und von der „zwar gut gemeinten, aber irrigen Vorstellung“ spricht, „es handle sich um die älteste ihrer Art im ganzen Alpenraum“, dürfte bei manchen Hütern vermeintlicher Traditionen nicht wirklich gut ankommen.

Strukturwandel und Konflikte

Natürlich relativiert Niederstätter die angebliche „Bauernrepublik“, die im 19. und 20. Jahrhundert noch als „Urzelle europäischer Demokratie“ verklärt worden war (diesen Mythos hat der Historiker Mathias Moosbrugger ja schon vor mehr als zehn Jahren entzaubert): Die Vorstellung von einer Republik freier und gleicher Bürger löst sich bei näherer Betrachtung nicht nur deshalb auf, weil ihnen die Rechte – etwa jene, Todesurteile auszusprechen und bei Verhören die Folter anzuwenden – von den Landesherren aus praktischen Erwägungen gewährt wurden, sondern auch, wenn man die Besitzverhältnisse betrachtet: „1617 besaßen in Au und Schoppernau die reichsten zehn Prozent der Steuerpflichtigen 51 Prozent des Gesamtvermögens“ (S. 54). Von wegen frei und gleich …

Erfolge durch Aus- und Einwanderung

Alois Niederstätter beschreibt aber auch echte Erfolgsstories aus dem Bregenzerwald: die Ausbildung der Bauhandwerker in der Auer Zunft beispielsweise, die Einführung der Fettkäseerzeugung durch Appenzeller Senner im 17. Jahrhundert oder auch die vielen individuellen Bildungskarrieren von Auswanderern aus dem Bregenzerwald. Ausgespart werden weder die religiösen Konflikte rund um die „Täufer“ noch der unselige Kampf gegen eine allgemeine Schulpflicht – und erst recht nicht die politischen Auseinandersetzungen zwischen Klerikalen und Liberalen im 19. Jahrhundert. Und natürlich beschreibt er den Strukturwandel, der dazu führte, dass die Landwirtschaft als Erwerbsquelle (ganz im Gegensatz zum vorherrschenden Bild) fast völlig verschwand und dem Tourismus, dem Handwerk und nicht zuletzt dem Auspendeln „ins Land“ Platz machte – mit allen Konsequenzen, die damit verbunden sind. Kurzum: Wer sich einen raschen, fundierten, aber auch pointierten Überblick über die Geschichte des Bregenzerwaldes verschaffen will, darf sich freuen, wenn in diesem Winter die Hotels nicht nur wieder geöffnet sind, sondern auch ein neues Buch im Regal stehen wird.

Markus Barnay ist Redakteur des ORF Landesstudios Vorarlberg

Alois Niederstätter: Wäldar ka nüd jedar sin! Eine Geschichte des Bregenzerwaldes. Universitätsverlag Innsbruck 2020, 136 Seiten, ISBN 978-3-7030-6523-1, € 26,90
Erscheint Mitte Dezember!

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