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26.03.2019 |  Ingrid Bertel

Krimiautor Franz Kabelka im Gespräch mit Chefinspektor Hans Poiger - „Das Böse war meine Kundschaft“

Sechs Krimis hat Franz Kabelka zwischen 2004 und 2014 geschrieben, und dass es dabei auch im kriminalistischen Detail korrekt zugeht, liegt an Chefinspektor a. D. Hans Poiger. Ob „Tatort“ oder „Hubert und Staller“, ob „SOKO irgendwo“ oder „Hawaii Five-O“ – Hans Poiger schaut nicht hin. Krimis findet er ziemlich uninteressant, aufgeblasen mit dramaturgischen Effekten, bestenfalls skurril, leider zu oft überfrachtet mit Satire und jedenfalls weit entfernt von der Wirklichkeit eines Ermittlers. Gnade vor Poigers Augen findet allenfalls Inspektor Columbo: „In diesen Filmen werden die Wahrnehmungen, Überlegungen und Schlussfolgerungen des Kommissars vermittelt, ganz ohne Schießereien und überzogene Verfolgungs- und Kampfszenarien.“ Er selber habe seine Dienstwaffe ausschließlich für Warnschüsse genutzt, betont Poiger, und zwar während seiner gesamten Berufstätigkeit. Welcome to reality. Das Böse hatte für ihn nicht Unterhaltungswert, es war seine „Kundschaft“.

Aber was ist das Böse? Es ließe sich nicht definieren, antwortet Poiger dem fragenden Kabelka. „Du, als ehemaliger Ethiklehrer, wirst dich wohl schon vertiefend mit dieser Frage beschäftigt haben…“ Vor philosophischen Sicherheiten scheut Hans Poiger ebenso zurück wie vor Krimis. Das Metier des Ermittlers ist die offene Frage, die größtmögliche Unvoreingenommenheit, und wie er sich die bewahrt hat über 30 Berufsjahre, davon erzählt Poiger in einem ebenso spannenden wie unaufgeregten (paradox, aber so ist es!) Dialog.

Fundort oder Tatort?

Denn der Krimiautor Franz Kabelka will alles ganz genau wissen, Dienstgrade, Ausrüstungsgegenstände der Spurensicherung, Analyse der Verdachtsmomente. Spricht man während der noch laufenden Ermittlungen vom „Fundort“ oder vom „Tatort“? Wie lautet die korrekte Berufsbezeichnung der Spezialisten am gerichtsmedizinischen Institut? Wer macht sich auf den Weg, wenn eine vermisste Person geortet werden konnte? Wer die Kabelka-Krimis kennt, kann schon sein Vergnügen finden an den E-Mails, die da zwischen dem Kriminalisten und dem Romancier hin und her wandern. „Also bis Seite 203 hätte ich noch keinen konkreten Tatverdacht erheben können“, schreibt anerkennend Hans Poiger. Oder er merkt kritisch an: „Ich habe mir während des Lesens erwartet, dass Wabitsch, eine/n Beziehungstäter/in suchend, sich eingehend mit Hilde Kainz beschäftigt. Im Text ist überhaupt kein Hinweis auf eine eventuelle Täterschaft der Hilde Kainz herauszulesen. Ich habe sie aber als Geliebte des Opfers immer im Hinterkopf gehabt, weil eben enge Beziehungsperson und ein äußerst dürftiges Alibi.“
Moment, wer liest da so akribisch einen Krimi? Es ist ein Freund. Allerdings beginnt die Freundschaft zwischen Poiger und Kabelka einigermaßen spröde. 2003, er arbeitet gerade an seinem ersten Krimi, ruft Kabelka beim Landesgendarmeriekommando an. Er möchte „mit einem aktiven Ermittlungsbeamten der Abteilung Leib und Leben über diverse kriminaltechnische und strukturelle Fragen“ sprechen, damit sein Roman „Heimkehr“ auch ein Fundament habe. Hans Poiger wird ihm zugewiesen und verhält sich zunächst „reichlich reserviert“, aber „bald hat deine Persönlichkeit mein Interesse geweckt“. Die beiden treffen sich seither regelmäßig zu Gesprächen, haben sogar schon einen gemeinsamen Urlaub verbracht.

Ein Chefinspektor wird einvernommen

Zeitungsartikel aus den Jahren 1971–2008 ergänzen das lange Gespräch zwischen Kabelka und Poiger, und die faszinierte Leserin taucht ein in die Sozialgeschichte Vorarlbergs. Was hat sich verändert in diesen beinahe vierzig Jahren? Auffällig sei, dass in den Siebziger-, Achtziger- und auch Neunzigerjahren mehr Tötungsdelikte begangen wurden, antwortet Poiger, „und zwar solche, die nicht unter den Begriff Beziehungsdelikte fallen, also Raubmord, Tötungen mit sexuellem Hintergrund, Auftrags- oder Bestimmungsmord, sogenannter Zeugenmord etc.“
Denn besonders in den Siebziger- und Achtzigerjahren habe es einen steilen Anstieg der Prostitution und, damit einhergehend Drogen- und Zuhälterkriminalität gegeben. Den Grund sieht Poiger in der Grenzlage Vorarlbergs. „Diese Klientel bezahlte in DM und Schweizer Franken, und die waren gegenüber dem Schilling attraktiver, weil damals für einen Sexualkontakt im Auto von den österreichischen Kunden 500 Schilling verlangt wurden, während die Deutschen 100 DM und die Schweizer 100 Franken bezahlten.“
Als der Serienmörder Jack Unterweger 1990 auch in Lustenau tötete, waren die Auswertungsmöglichkeiten, die den Kriminalisten am Tatort zur Verfügung standen, allerdings wesentlich besser als zuvor. DNA-Analyse und Handy-Auswertung – das erleichtere die Arbeit der Ermittler beträchtlich, betont Poiger; ebenso das Profiling, das in Österreich erst seit Anfang der 1990er Jahre angewendet wird. Und wie ist Poiger davor, etwa im Fall der Wilhelmine S., vorgegangen? Die Frau wurde 1975, als sie nach einem Spaziergang auf einer Holzbank ausruhte, von hinten mit einer Kordel bewusstlos gewürgt, vergewaltigt und mit einem Ast erschlagen. „Lebenserfahrung und Menschenkenntnis – das psychologische Element, wenn du so willst – waren stärker gefordert“, sagt Poiger lakonisch. Den Fall konnte er aufklären.
Immer wieder wird behauptet, Prostitution sei ein „soziales Therapeutikum“, das potenzielle Sexualstraftäter vom großen Bösen abhalte. Könne er dem zustimmen, fragt Kabelka. Nein, absolut nicht: „Gerade Prostituierte werden von solchen Männern auch misshandelt oder gar ermordet. Diese Freier würde ich gerne professionellen Therapeuten überlassen. Von den geschundenen und verzweifelten Frauen aus dieser Szene wird kaum gesprochen.“

Die „Leiche ohne Kopf“

Diese menschliche Haltung, die auch auf die Würde der Ausgegrenzten achtet, zeichnet Poiger in all seinen Antworten aus. Medialem Interesse hingegen, wie es ihm etwa angesichts des Falls Dimiter Pobornikoff 1992 entgegenschlug (an der S 16 im Gemeindegebiet von Innerbraz wurde eine „Leiche ohne Kopf“ gefunden), begegnet er unaufgeregt. Auch wenn die Details der Tat grausig sind.
„Wie hält ein Polizist es aus, ständig dem Tod ins Antlitz schauen zu müssen?“ fragt Franz Kabelka. Braucht einer da nicht psychologische Hilfe, um die verstörenden Erlebnisse zu verarbeiten. Nein, er habe solche Hilfe nie gebraucht, sagt Poiger trocken: „Das Opfer ist tot und der Tod gehört zu unserem Dasein, Punktum. Bei einer Tatortbesichtigung sind alle voll und ganz auf die Täterermittlung fokussiert.“
Gerade deshalb sei ihm der Mordfall Krampe in so deutlicher Erinnerung. Im Verlauf des Prozesses hatte die Verteidigung damals Vorwürfe gegen den Chefermittler erhoben. Der Anwalt des Angeklagten hatte sich sogar beim Innenministerium und Landesgendarmeriekommando um die Entlassung Poigers bemüht. „Ein starkes Ding!“ ruft Kabelka: „Da wurde seitens des Verteidigers versucht, aus dem ermittelnden Polizisten einen Täter zu machen!“ Gelungen ist das nicht. Der freigesprochene Täter nämlich prahlte angetrunken damit, Polizei und Gericht über den Tisch gezogen zu haben. Das Verfahren wurde wieder aufgenommen, der Mann verurteilt.
Wäre das ein Krimiplot? Warum schreibst du überhaupt Krimis? Für einmal ist es Hans Poiger, der in diesem Gespräch die Fragen stellt. Weil das Krimischreiben Disziplin und Konsequenz fordere, sagt Kabelka. „Fäden, die gesponnen, Spuren, die – oft auch irreführend – gelegt werden, wollen im Auge behalten und aufgelöst werden. Die Einlösung des unausgesprochenen Versprechens gegenüber dem Leser, der Leserin! Mich hat diese strenge strukturelle Vorgabe immer fasziniert. Es ist, als würdest du dich dazu zwingen, selbst gestrickten Gesetzen Genüge zu tun, die sich, wie in meinem Fall, gleichzeitig an realen gesellschaftlichen Verhältnissen orientieren.“
Alles Qualitäten, die man diesem wachen Gespräch unter Freunden auch attestieren kann.
„Das Böse war meine Kundschaft“ von Franz Kabelka und Hans Poiger ist im Verlag Bucher erschienen.

Ingrid Bertel ist Kulturredakteurin im ORF-Landesstudio Vorarlberg

Franz Kabelka, Hans Poiger, Das Böse war meine Kundschaft, Hohenems, Bucher Verlag 2019, gebunden, 160 Seiten, ISBN 978-3990184929, € 16,80
Buchpräsentation: 27.3., 18.30 Uhr, im Rahmen der Palais Gespräche, Palais Liechtenstein, Feldkirch

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