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14.09.2011 |  Ingrid Bertel

Handyman und Thai-Mädchen – der neue Kriminalroman von Franz Kabelka

In Franz Kabelkas neuem Krimi „Jemand anders“ wird nicht ermittelt und dennoch aufgeklärt. Da fragen sich Joy und Edgar, wer sie eigentlich sind und finden es heraus: Bauernopfer.

Es ist Lola, die jüngste aus dem Team, die sich verplappert. Plötzlich steht der Name Bell im Raum „und kein Industriestaubsauger dieser Welt könnte ihn zum Verschwinden bringen.“ Bell ist im Fitness-Center „New Life“ gestorben. Weil er es mit den Hantelgewichten übertrieb? Oder weil jemand nachgeholfen hat? Laut Gerichtsmedizin nicht. „Wenn eine hundert Kilo schwere Hantel auf deinem Kehlkopf landet, ist nicht mehr viel zu wollen.“
Joy Sriwong war die letzte, die Bell gesehen hat. Sie mixt die Eiweißshakes. Was sie niemandem sagte: Sie kannte Bell, denn der war ihr Lehrer. Und was für einer! Sie, Joy, hatte ihn ertappt – und er hatte sich umfassend gerächt und dafür gesorgt, dass sie von der Schule flog. „Das Mädchen sei die längste Zeit eigentlich unauffällig und während der gesamten Unterstufe eine vorbildliche Schülerin gewesen. Eifrig, wissensbegierig, der Inbegriff einer gut Integrierten. Aber unter der Oberfläche brodelten wohl bereits die Probleme innerhalb der Multikultifamilie… dazu Joys frühe körperliche Reife, hinter der die geistige allemal zurückbleiben muss…und dann noch der Tod der Mutter.“ Bell hat Joy nicht erkannt. Nach einem Selbstmordversuch musste ihr Gesicht chirurgisch neu aufgebaut werden.

Der Braunschweiger

Edgar, der Chef des „New Life“, kann sich an den Todesfall nicht erinnern. Nach einem Bergunfall lag er wochenlang auf der Intensivstation. Ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zeitigt auch jetzt noch Folgen: Retrograde Amnesie – Gedächtnislücken, die Monate umfassen. Edgar kann sich damit abfinden, immer wieder nachzufragen. Aber die Erinnerungen wollen nicht kommen. Oder sollen sie nicht?
In Franz Kabelkas Krimi wird nicht ermittelt, tauchen keine Polizisten auf. In „Jemand anders“ sorgt die fehlende Erinnerung für den Spannungsbogen. Und Edgar taucht tief in seine Vergangenheit ein. Franziskanerpater war er früher und leidenschaftlicher Pädagoge. Mit einer üppigen Dosis Rilke erkundet Kabelka die Glaubenswelt des Pater Fidelis, dieses „Braunschweigers“, wie die ehemaligen Zöglinge frech meinen – braun wegen der Kutte, und Schweigen wegen des Gelübdes. Aber braun ist noch was anderes in dieser Geschichte: Das nämlich, was Pater Fidelis ungewollt über das Konvikt herausfindet. „Es war keine Frage von richtig oder falsch, sondern welches Übel man eher in Kauf nehmen wollte“, meint der Rektor. Den jüdischen Buben hat er damals gegen die Zusicherung, dann könne der Orden das Schloss behalten, eingetauscht. Das raubt Pater Fidelis den Glauben. Aber was hat ihn aus dem Konvikt vertrieben?
Jetzt, als Edgar, betreibt er mit wenig Ehrgeiz das „New Life“. Die Ambitionen sind die Sache Reginas, seiner Geliebten. Welche Rolle spielt sie bei Edgars Unfall? Er habe sie mit dem Handy angerufen, und sie habe dann die Rettung verständigt. Nun ja, ganz glauben kann Edgar das auch nicht, wie der Glaube ja überhaupt nicht mehr seine Sache ist. Und dann gab es ja auch noch diesen zweiten merkwürdigen Todesfall im „New Life“ – den von Johannes Reichert, dem neureichen Protz mit seinen Geheimgeschäften. Um den trauert scheinbar auch niemand, genauso wenig wie um Otto Bell. „Ein Arschloch“ nennt den Adele Bell, und Iris Kranzl ihren verblichenen Geliebten Reichert den „Handyman“.

Ein Android mit Navi

Mit Handys, betont Edgar, habe er aber schon gar nichts am Hut, auch wenn ihm Regina gerade ein neues geschenkt hat. „Ein Android“, schwärmt sie. „Voll smart,“ sogar mit Navi. Daran liegt ihm nichts, aber es kommt ihm doch merkwürdig vor, dass Iris Kranzl auch ihn einen „Handyman“ nennt. Sie berichtet – und plötzlich, auf einem Spaziergang mit Regina, fällt ihm deren Eifersucht ein. Und es fällt ihm auch ein, dass sowohl Bell als auch Reichart seine ehemaligen Zöglinge waren. Und schließlich auch noch, warum die zarte Joy mit einer so riesigen Handtasche zum „Tag der offenen Tür“ bei der Polizei kam und sich ausgerechnet für den Taser (eine Elektroschockpistole) interessierte.
„Jemand anders“ ist nicht nur in der Struktur der Erzählung ein außergewöhnlicher Krimi. Franz Kabelka stellt seinem Roman Franz Kafkas Erzählung „Entlarvung eines Bauernfängers“ voran. Darin steht der ungeheure Satz: „Sie stellten sich vor uns hin, so breit sie konnten; suchten uns abzuhalten von dort, wohin wir strebten; bereiteten uns zum Ersatz eine Wohnung in ihrer eigenen Brust, und bäumte sich endlich das gesammelte Gefühl in uns auf, nahmen sie es als Umarmung, in die sie sich warfen, das Gesicht voran.“  Der namenlose Schrecken des Erwürgtwerdens in der Umarmung eines Bauernfängers durchweht dieses Buch. „Jemand anders“ erzählt von Menschen, die sich zu spät wehren, die von Grund auf wehrlos sind. Und dafür ist partielle Amnesie noch ein mildes Vademecum. Ingrid Bertel

Franz Kabelka, Jemand anders, Kriminalroman, Haymon Verlag, Innsbruck 2011, 232 Seiten, Euro 19,90, ISBN 978-3-85218-694-8

Buchpräsentation: 28.9.2011, 20 Uhr, Fitnessstudio "Life", Grenzweg 10, Feldkirch

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